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Wie kritisch dürfen Anthroposophen sein?

Wenn ehemalige Schüler von Waldorfschulen sich irgendwo begegnen, dann erkennen sie sich meistens schnell als solche und fühlen sich oft geradezu geschwisterlich miteinander verbunden. Die Jugendzeit in einer Schule mit ungewöhnlichem pädagogischen Konzept, von dem andere oft nur gehört haben, dass man dort zu Gedichten tanzt, ziemlich viel Zeit in Werkraum und Zeichensaal verbringt und gar keine richtigen Zensuren bekommt, sie wird vielen Waldorfschülern erst im Nachhinein als etwas so Besonderes bewusst.

veröffentlicht am 23.03.2012 um 16:05 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

Der Rintelner Journalist Felix Hau und drei weitere „Waldis“ gaben gerade ein Buch heraus, das unterhaltsam, lehrreich und voller gewitzter Ironie mitten in ein Philosophieren führt, in dessen Mittelpunkt die durchaus fantastischen Lehren des Waldorfschulenbegründers Rudolf Steiner stehen. Die vier Autoren hatten in ihrer Schulzeit Anteil an einer Weltanschauung, die Rudolf Steiner als „Anthroposophie“ bezeichnete, mit einem Begriff also, der „Mensch“ und „Weisheit“ in sich vereint.

Die „Weisheit“, sie bezieht sich auf das Wesen des Menschen und damit, nach Steiner, auch auf das Wissen um eine Welt des Übersinnlichen, die man erkennen und erforschen kann. Damit das möglich ist, muss zunächst die sinnliche Wahrnehmung gut geschult sein – einer der Gründe dafür, warum die Waldorfpädagogik so viel Wert darauf legt, nicht nur theoretisches Schulwissen zu vermitteln, sondern Musik, Malerei, Tanz und dem Arbeiten mit Naturmaterialien viel Platz einzuräumen.

„Was Anthroposophie eigentlich sein soll, das war uns damals gar nicht klar“, meint Felix Hau. „Erst als Erwachsener begann ich darüber nachzudenken, was es mit dem weltanschaulichen Hintergrund des Waldorfschulunterrichts auf sich hat.“ Der Vater einer Freundin war begeisterter Anthroposoph und schickte ihm damals immer seine Publikationen. Später als er sich im Internet umsah, um Kontakte zu anderen Waldorfschülern zu knüpfen, stieß er auf einen Lehrer, mit dem er in einem Forum hin- und herdiskutierte, und schließlich blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich mit Rudolf Steiners fast unüberschaubar vielfältigem Werk zu befassen. Als Freigeist und leidenschaftlicher Diskutierer merkte er schnell, wie leicht man in der Anthroposophie-Szene Anstoß erregen kann. „Für Außenstehende ist das nicht leicht nachzuvollziehen“, sagt er. „Insgesamt wird unter Anthroposophen nicht viel disputiert. Für viele ist Rudolf Steiner eher eine Art Religionsgründer, ein Mystiker, einer der ,sehen‘ konnte, und nicht ein Philosoph, mit dessen Thesen man sich kritisch auseinandersetzt.“ Als er, der inzwischen Redakteur in der Anthroposophen-Zeitschrift „Info3“ geworden war, Artikel veröffentlichte, in denen er Steiner wie einen Denker analysierte und ihn in den Augen anderer auf respektlose Weise hinterfragte, hagelte es Abo-Kündigungen.

Respektlos – so wird vielen wohl auch das Buch „Endstation Dornach“ erscheinen (Dornach ist Steiners letzter Wohnort, er starb dort im Jahr 1925). Die vier Autoren, allesamt in anthroposophischem Kontext aufgewachsen und studierte Geisteswissenschaftler, sie lernten sich über das Internet kennen, wo sie in den einschlägigen Foren so weit schweifende Gespräche führten, dass bald der Plan entstand, daraus ein Buch entstehen zu lassen.

Dabei macht es ihnen große Freude, ihre Diskussionen in einem französischen Schlösschen fortzusetzen, zur Verfügung gestellt von wohlhabenden Freunden, die neben einem gemütlichen Kaminzimmer und zwei Hausangestellten auch einen wohlgefüllten Kühlschrank, exzellente Weine und Whiskys und allerlei Tabakzeug zur Verfügung stellen – ein Ambiente, das den eher asketisch gesinnten Anthroposophen missfallen dürfte. Dem Leser aber macht es Spaß, wenn die philosophischen Gespräche unterbrochen werden, um Zigarren anzustecken, Schokoriegel zu verputzen und große Gläser Prosecco auszutrinken. Bei allem klugen Disput rund um Steiner und die Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts wirkt die Szenerie manchmal wie die geheime Mitternachtsparty von Internatsschülern, die vergnügt gegen Schulregeln verstoßen.

Wer Waldorfschulen wie diejenigen in Minden, Detmold oder Sorsum (Wennigsen) nur von außen kennt oder sein Kind in den Waldorfkindergärten von Hameln oder Bückeburg anmeldet, weil man hört, dass das gerade etwas unruhigen Kindern sehr guttäte, der kommt nicht unbedingt auf die Idee, Waldorfpädagogik mit Esoterik, Mystik oder überhaupt mit einem überaus komplexen Weltanschauungsgebäude in Verbindung zu sehen.

Auch den Freunden von Naturkosmetik etwa der Firma Weleda, deren Körperöle, Cremes, Haarwaschmittel und leichte Arzneimittel in kaum einem Öko-Haushalt fehlen, ist nur selten klar, dass die Entwicklung der Rezepturen auf Rudolfs Steiners Lehren beruht, ebenso wenig, wie die Käufer von bio-dynamischem Gemüse der Demeter-Höfe wissen, welch entscheidenden Anteil Steiner an der Verbreitung einer ökologisch ausgerichteten Landwirtschaft hatte.

„Dieses praktische, gesellschaftliche Wirken der Anthroposophie hat mich schon immer fasziniert“, meint Felix Hau. Weltweit gibt es etwa 1000 Waldorfschulen in 59 Ländern. In Bochum steht die (aktuell mit Bestnoten ausgezeichnete) von Anthroposophen gegründete GLS Gemeinschaftsbank, in Herdecke das „Gemeinschaftskrankenhaus“ mit 500 Betten, wo die Patienten nach den Richtlinien anthroposophischer Medizin behandelt werden, in Alfter eine anthroposophisch orientierte Kunsthochschule, und auch Deutschlands älteste Privatuniversität Witten/ Herdecke, die 1983 eröffnet wurde, hat überwiegend den Lehren Rudolf Steiners zugeneigte Gründer. „Wir brauchen eine bessere Diskussionskultur“, so Hau. „Es geht doch nicht, dass weltweit über 10 000 anthroposophische Einrichtungen bestehen, aber man nicht wirklich vermittelt, was eigentlich dahinter steckt.“

Das Buch „Endstation Dornach“ setzt also nicht umsonst auf die Gesprächsform, es ist konzipiert wie ein langes Theaterstück, wie ein Hörspiel. Einzig die „Regieanweisungen“ rund um Essen, Trinken, Sich-gemütlich-im-Sessel-Ausstrecken unterbrechen den geistreichen Gesprächsfluss. Natürlich streiten sich die vier Gesprächsteilnehmer auch herum. Nicht alle sind auf Felix Haus Linie, der am liebsten alles Mystisch-Phantastische rund um Äther- und Astralleib, um Engelserscheinungen, Karma oder Reinkarnation relativieren würde.

„Mich hat von Beginn an Steiners Moralphilosophie angezogen, die dem Einzelnen so viel Freiheit wie möglich zuschreibt und gerade eine Vereinnahmung durch eine Ideologie vehement ablehnt.“ Gerade weil ihm Steiner als Philosoph imponiert, besteht er zusammen mit den Autoren Christian Grauer, Christoph Kühn und dem erst 21-jährigen Philosophen Ansgar Martins darauf, dass es keine Denkverbote in Bezug auf Steiners Werk geben dürfe. „Das wäre doch auch absurd bei jemandem, dem es immer darum ging, das Denken selbst in all seinen Facetten zu erfassen und der seine Lehren als Wissenschaft bezeichnete.“

„Steiner wurde schon zu seiner Zeit wie ein Guru verehrt“, sagt er. „Er hat sich selbst darüber milde lustig gemacht.“ Es gibt die Anekdote, dass er sich mal auf einem Spaziergang während einer Veranstaltung in Dornach den Fuß verknackst habe und humpeln musste, dann aber, kurz bevor er wieder in den Ort zurückkehrte, sich tapfer kerzengerade aufrichtete. „Sonst humpelt morgen ganz Dornach“, soll er gesagt haben. Andererseits ging Steiner mit höchstem Selbstbewusstsein so weit, seine Schriften über Jesus Christus als das „Fünfte Evangelium“ zu bezeichnen. „Nun – unser Buch trägt den Untertitel ,Das sechste Evangelium‘“, sagt Felix Hau. „Klar ist das Blasphemie – aber nur dann, wenn man Rudolf Steiner als Heiligen ansieht.“

„Endstation Dornach“ ist bereits in der Anthroposophen-Szene angekommen und hat, wie es zu erwarten war, die Leserschaft polarisiert. Wer seiner Begeisterung oder Empörung Luft machen will, findet auf den letzten Seiten des Buches einen Leserbrief-Vordruck im Multiple-Choice-Stil. Leider richtet er sich ausschließlich an „Anthros“. Schade, denn trotz des speziellen Themas eignet sich der Band hervorragend als eine „Einführung in die Philosophie“ oder besser noch: Als Einführung in die Kunst, wunderbare philosophische Gespräche zu führen.

„Endstation Dornach“ erscheint im Rintelner Verlag „Kulturfarm“, hat 367 Seiten, kostet knapp 25 Euro und lässt sich über den Buchhandel oder direkt das Internet bestellen unter www.endstation-dornach.de

In vielen Lebensbereichen halten heute Einflüsse der Anthroposophie, etwa bei der Waldorfpädagogik, Einzug. Ein ehemaliger Waldorfschüler aus Rinteln hinterfragt in einem Buch die Lehren des Gründers Rudolf Steiner – der Kreis der Anthroposophie-Befürworter nimmt daran heftig Anstoß. Die kritische Auseinandersetzung mit der Steinerschen Weltanschauung sei einfach respektlos.

Bundesweit einmalig ist das System in den Waldorfschulen – ohne Noten. Durchfallen kann keiner.

Foto: dpa



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