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Vor dem EM-Spiel gegen Deutschland: Kroatenüber ihre Mannschaft

"Wie Holland müssen wir spielen!"

Landkreis. Der 4. Juli 1998 war kein Tag wie jeder andere, sondern der Tag, an dem Kroatien den Deutschen eine Lehrstunde im Fußball erteilte, erinnert sich der in Kroatien geborene Vladimir Pinjuh recht gern. Der Versicherungsmakler wird den Tag, an dem sein Nationalteam Deutschland mit 3:0 demütigte, daher auch nie vergessen, war es doch die erfolgreiche Revanche für das Aus im Viertelfinale bei der EM 1996. Mit der kroatischen Fahne erschien Pinjuh nach dem Sieg im Stammlokal in Todenmann, "als die anderen nur die Fahne sahen, wollten sie mich schon davon jagen."

veröffentlicht am 12.06.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Frank Westermann

Zwei Seelen, so sagt Pinjuh, schlagen beim Fußball in seiner Brust: "Hier in Rinteln, im Landkreis Schaumburg, da bin ich zuhause, die Wurzeln sind da unten." Von da unten, aus der Stadt Opatja, ist er vor 46 Jahren nach Deutschland gekommen, beim Fußball drückt er Kroatien die Daumen, aber mit einer Ausnahme: wenn es gegen Deutschland, seine neue Heimat, geht. "Dann bin ich eher neutral", sagt der Versicherungsmakler, lacht laut und erzählt von seinem Großneffen, der ihm jetzt ein Fußball-T-Shirt in den kroatischen Farben geschenkt hat. Das trägt er jetzt auch. Auch heute. Und weiß, wem er doch wohl die Daumen drücken wird. Einen Endspiel-Tipp hat er auch: "Deutschland - Kroatien." Sein Tipp heute: 2:2. Da habe er ja keine Wahl, lacht Marijan Gaspar aus Rinteln, als er nach dem Ausgang des heutigen Spiels gefragt wird: "2:1 für uns." Und nach einem Moment: "Nein, das glaube ich nicht wirklich. Aber ich kann ja nicht gegen uns tippen." Mit dem ersten EM-Spiel seiner Mannschaft ist er zufrieden, jedenfalls war die erste halbe Stunde beim 1:0-Sieg gegen Österreich "wirklich gut. Wir haben gezeigt, dass wir Fußball spielen können". Wohl wahr, angeführt von Luka Modric, der das Zeug zu einem EM-Superstar hat, erinnerte Kroatien an den FC Bayern München: Wenn man führt, reicht, es, das Ergebnis zu verwalten - Hauptsache gewonnen. Gnadenlos effektiv oder eine Mannschaft, der nach 60 Minuten die Puste ausgeht - die Kroaten geben nach dem ersten Spiel noch Rätsel auf. So wie die Hoffnungen der Deutschen heute auf dem sächsischen Siegfried ruhen, so bürdet Kroatien die fußballerischen Erwartungen eines ganzen Landes auf die schmalen Schultern eines 22-Jährigen: Luka Modric kann im Zentrum spielen, auf den Flügeln wirbeln, hilft in der Abwehr aus und ist Spezialist für Eckbälle und Freistöße. In einem Punkt sind sich auch Pinjuh und Gaspar einig: Er hat das Zeug zu einem Weltklassespieler. Seit 25 Jahren ist Marijan Gaspar in Deutschland, heute wird er natürlich dort gucken, wo er arbeitet. Er leitet das Vereinsheim des SV Rinteln und ist Jugendtrainer. Konflikte scheinen allerdings heute Abend vorprogrammiert zu sein: Er ist mit Andrea, einer Deutschen, verheiratet: "Aber am Anfang des Spiels werden wir zusammen auf der Theke stehen und unsere beiden Mannschaften anfeuern", sagt er. Und lacht. So gut wie Holland, Spanien oder Portugal, so gut hat Kroatien nicht gespielt, analysiert Zoran Gaspar. "Aber wenn wir die Vorrundeüberstehen, ist alles möglich", meint der Wirt des Rintelner Restaurants "Croatia". Gegen Österreich habe die Nationalmannschaft die falsche Taktik gewählt, sich zu früh zurückgezogen und nur auf Ergebnis gespielt. "Wie Holland müssen wir spielen", meint der Kroate. Und das traut er dem Nationaltrainer Slaven Bilic durchaus zu: Kroatien auf Augenhöhe mit den europäischen Top-Teams zu bringen, schließlich habe Bilic in seiner Zeit als aktiver Spieler beim Karlsruher SC atemberaubenden Fußball gespielt. Heute erwartet er ein Unentschieden, ein 1:1, bei dem die Kroaten einen starken Pluspunkt in die Waagschale werfen können: "Es ist für die Spieler eine Ehre, auf dem Platz ihr Land vertreten zu dürfen. Das macht sie stärker." Und das deutsche Team, das sei immer "meine zweite Mannschaft" gewesen, sagt der Kroate, der vor 30 Jahren seine Heimat verließ. Die Millionenfrage nach dem kommenden Europameister beantwortet Zoran Gaspar ehrlich: "Das wird Holland." Nicht zu vergessen: Wie schöndas Gefühl ist, Deutschland geschlagen zu haben, das könne Slaven Bilic seinen Spielern ja aus eigener Erfahrung schildern: Er war 1998 Mitglied in dem Team, das den damals amtierenden Europameister mit 3:0 demütigte. Und damit nach Hause schickte.



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