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Altes Album auf Flohmarkt entdeckt

Wie Hameln vor 125 Jahren den Pfeifer feierte . . .

Hameln. Die Jacke ist zu eng. Das Hemd spannt über dem Bauch. Die kurze Pumphose gibt den Blick frei auf zwei Stampfer in Strumpfhosen. Hamelns Pfeifer – eine Witzfigur? Der korpulente Mann in dem wunderlichen Kostüm scheint nur wenig von dem Charisma eines sagenhaften Verführers zu besitzen. Und doch ist er ein geachteter Rattenfänger. Genauer gesagt: Er war es. Vor 125 Jahren führte Gustav Wiebe den großen Festzug durch Hameln an. Damals wurde die Rattenfängersage 600 Jahre alt. Und auch damals wurde gefeiert, warfen sich Einheimische in Schale, um beim Umzug zu glänzen.

veröffentlicht am 22.05.2009 um 19:00 Uhr

Teilnehmer des Festzuges von 1884 mit „Fischerbuben und Mä

Autor:

Karin Rohr

Das dokumentiert ein Album aus dem Besitz Hermine Wiebes, geborene Lehneking, mit 26 historischen Fotos. Ein echter Schatz, den Heinrich Lohmann auf einem Flohmarkt in Wiesbaden entdeckte. „100 oder 200 Mark habe ich damals dafür gezahlt“, erinnert sich der gebürtige Hamelner, der heute in Bonn zu Hause ist, dessen Herz aber immer noch für seine Heimatstadt schlägt. Als er kürzlich zu Besuch in seiner Geburtsstadt war, erfuhr Lohmann, dass bei den diesjährigen Jubiläumsfeierlichkeiten auch wieder ein Festzug eine Rolle spielt: „Wie sich die Zeiten doch gleichen“, stellt er fest.

1884 dauerten die Festlichkeiten zwei Tage

Akribisch hat Hermine Wiebe, Gattin des Rattenfängers, Buch geführt und 1934 in Wiesbaden ein Album mit Fotos der Teilnehmer des Festzuges und der lebenden Bilder erstellt. Die Aufnahmen stammen aus dem Atelier des Hamelner Fotografen Tielemann, wurden säuberlich mit Foto-Ecken auf dunklem Karton befestigt und mit weißer Tinte durchnummeriert und beschriftet: „8. Rattenfänger im Festzuge“ steht unter dem Bild von Hermines Mann, der in tänzerischer Pose vor einer gemalten Barock-Kulisse zu sehen ist. Nur der spitz zulaufende Hut mit der langen Fasanen-Feder erinnert an den Rattenfänger von heute. Auch unter den übrigen Fotos finden sich Hinweise auf die Rolle, die die abgebildete Person im Festzug des Jahres 1884 spielte: Da gibt es den Patrizier, die Wahrsagerin, das Brautpaar oder die Dame zu Pferde, den Fischer und das Fischermädchen, diverse Herren oder Buben im Festzug. Den Zugang zu den Bildern im Album erleichtert ein separat geführtes, handschriftliches Notizbuch, das nicht nur die Funktionen im Festzug, sondern auch die Namen der Darsteller festhält, bisweilen sogar Hinweise gibt auf Beruf, Adresse oder Verwandtschaftsgrade. So führt Hermine Wiebe das Bild Nr. 10 in ihrem Album als „Gertrud. Lebende Bilder“. Im Notizbuch findet sich dazu folgende Erklärung: „Bürgermeisters Tochter Gertrud in den Lebenden Bildern Frl. Clara Kaufmann, Tochter von Kantor Kaufmann Münsterkirchhof jetzt Domeierstr“. Auch ein Bildnis von der jungen Hermine Wiebe findet sich im Album: Als Fischermädchen posiert sie mit einem kleinen Netz voller Papierfische. Das Notizbuch vermerkt sie als „Hermine Lehneking (jetzt Frau H. Wiebe)“. Vom Festzug selbst gibt es zwar keine Bilder, aber immerhin eine Gruppenaufnahme von Teilnehmern mit den „Fischerbuben und Mädchen am Invalidenhause“.

„Das Notizbuch muss Hermine Wiebe viel später aus eigener Erinnerung zusammengestellt haben“, vermutet Heinrich Lohmann: „Da war sie bereits nach Wiesbaden gezogen und wohl schon sehr alt.“ Aufbewahrt hat die Gattin des damaligen Rattenfängers auch das Programmheft zum Rattenfängerfest: Das wurde 1884 am 28. und 29. Juni „zur Erinnerung an den vor 600 Jahren erfolgten Auszug der Hameln’schen Kinder“ gefeiert und begann am Samstag, 28. Juni, mit dem Rattenauszug. Als Nager kostümierte Kinder folgten dem Pfeifer und einem „Musikcorps“ durch die Innenstadt über die Kettenbrücke zum Festplatz am Felsenkeller. Dort fand ein „Concert“ mit „Rattentanz“ statt und abends ein Souper in der Festhalle. Zwei Mark und 50 Pfennig kosteten die Festkarten für beide Tage. Für eine Tanzkarte pro Tag drückte der Herr zwei Mark ab, die Dame musste nur eine Mark zahlen.

Fischermädchen Hermine Lehneking, die Wiebes Gattin wurde.
  • Fischermädchen Hermine Lehneking, die Wiebes Gattin wurde.
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Höhepunkt am 29. Juni war der „Historische Festzug“, der von Rattenfänger und Kindern angeführt wurde. Zeitversetzt folgten die Bürger. Auf das Festsouper in der Festhalle folgten „Feuerwerk und Beleuchtung der Weser, ihrer Ufer und des Klütberges“. Mit einem Festball klang das Rattenfängerfest 1884 aus.

Für Heinrich Lohmann sind die Flohmarkt-Funde kostbare Schätze, die er in Erinnerung an seine Heimat hütet. Die besucht der 72-Jährige mindestens einmal im Jahr: „Ich bin immer gern in Hameln“, sagt der Ministerialdirigent a. D., „auch wenn mich die Veränderungen ein bisschen erschrecken.“

Ein Pummel in Pumphosen: In tänzerischer Haltung posierte Gustav Wiebe vor 125 Jahren für den Fotografen. Er war damals in Hameln ein geachteter Rattenfänger und führte 1884 den großen Festzug durch die Innenstadt an. Zwei Tage lang feierte Hameln damals „600 Jahre Rattenfängersage“. Ein Album mit historischen Fotos, das Heinrich Lohmann auf einem Flohmarkt in Wiesbaden entdeckte, dokumentiert das Rattenfängerfest von einst.

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