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Die Münzstätten der Schaumburger Grafen – Geldflut und Geldentwertung vor 400 Jahren

Wie Graf Otto IV. den Kaiser übel täuschte

Fünf staatliche Münzstätten (Berlin, München, Stuttgart, Karlsruhe und Hamburg) stellen heute in Deutschland Euro-Geld her. Es gab Zeiten, da gehörten auch Rinteln (um 1275 und zwischen 1500 und 1620) und Hessisch Oldendorf (zwischen 1604 und 1618) zum erlauchten Kreis der hoheitlich betriebenen Prägestätten in deutschen Gebiet.

veröffentlicht am 17.03.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 13.04.2012 um 14:05 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Unter Aufsicht eines Münzmeisters wurden Metallteile zu möglichst gleichförmigen und leicht wiedererkennbaren Serienstücken zurechtgeschlagen. Zahlungsmittel aus Papier gab es noch nicht. Als Rohmaterial dienten Blech, Kupfer, Silber und/oder Gold. Die mehr oder weniger gelungenen Ergebnisse waren – je nach Verbreitungsgebiet – unter ganz unterschiedlichen Bezeichnungen in Umlauf.

Zu den überregional bekanntesten Sorten gehörten „Denare“ (Pfennigwährung), „Schillinge“, (Groschenwährung), Taler (Silbermünzen) sowie aus Gold geschlagene „Gulden“. Daneben mussten sich die Leute hierzulande mit „Mariengroschen“, „Apfelgroschen“, „Matthier“, „Schreckenberger“, „Körtling“ und „Fürstengroschen“ herumschlagen. Blechprägungen wurden „Brakteaten“ genannt. Wert und Edelmetallanteile der Stücke änderten sich ständig. Für das Gros der ohne Schulunterricht aufgewachsenen Untertanen war es schlechterdings unmöglich, den Durchblick zu behalten.

„Münzherren“ der Werkstattbetriebe in Rinteln und Oldendorf waren die Schaumburger Grafen. Die Adelsdynastie aus dem Wesertal hatte bekanntlich seit Anfang des 12. Jahrhunderts nicht nur ihr hiesiges Stammland, sondern auch Hamburg und große Teile des heutigen Schleswig-Holsteins unter sich. Der erste Hinweis auf geldpolitische Aktivitäten stammt aus dem Jahre 1198. Nach zeitgenössischen Aufzeichnungen soll die Dynastie damals bereits eine Münzwerkstatt in Rinteln betrieben haben. Die kaiserliche Genehmigung zum Münzprägen dürfte im Zusammenhang mit der Übernahme des schwierigen Jobs an der nördlichen Reichsgrenze erteilt worden sein.

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  • Schreckenberger aus der Zeit des Grafen und späteren Fürsten Ernst, hergestellt vermutlich in Oldendorf.
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  • Fürst Ernst Repros: gp
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Einzelheiten über Ausstattung und Dauer der Rintelner Prägewerkstatt sind nicht bekannt. Sicher scheint nur zu sein, dass der Betrieb später ins wirtschaftlich bedeutsamere (Hamburg-)Altona verlegt und Anfang des 14. Jahrhunderts samt Prägeerlaubnis („Münzregal“) an die Stadt Hamburg weiterverkauft wurde – eine Entscheidung, die die Grafen bald bitter bereuen sollten. Grund: Geld und Geldverkehr waren immer bedeutsamer geworden. Notenbanken und andere, für einen geregelten Waren- und Währungsaustausch erforderliche Einrichtungen und Instrumentarien gab es noch nicht. Nur wer selber Geld machen konnte, war im schnell wachsenden Kapitalgeschäft dabei.

1509 setzten die Schaumburger ihren mittlerweile verstaubten Rintelner Münzhammer kurz entschlossen wieder in Gang. Das kam – nicht nur wegen der wackligen Rechtslage, sondern auch aus purer Missgunst – bei den Nachbar-Territorialherren nicht gut an. Nach einigem Hin und Her sah sich der 1544 an die Macht gekommene Graf Otto IV. (Regierungszeit 1544-1576) genötigt, den damaligen Kaiser Maximilian II. in Wien aufzusuchen und um Erneuerung des vor langer Zeit gewährten Münzprivilegs zu bitten. Maximilian stimmte zu. Einiges spricht dafür, dass er von Otto „gelinkt“ worden war. Der hatte nämlich versichert, dass es in seinem Land große Edelmetall-Vorkommen gebe. Die Eigenversorgung mit Prägematerial war laut geltendem Reichsrecht eine zwingende Voraussetzung für die Zuerkennung des Münzregals.

Nicht nur wegen seiner „Notlüge“ stießen die 1567 neu gestarteten Aktivitäten Ottos jenseits der Landesgrenzen auf Ablehnung. Noch unangenehmer fiel auf, dass man es in der Rintelner Werkstatt mit dem gesetzlich vorgegebenen „Reinheitsgebot“ nicht besonders genau nahm. Als eine der berüchtigtsten Fehlprägungen entpuppte sich der sogenannte „Fürstengroschen“. Er sei „um 5 Stück zu leicht“, wurde bei einer 1589 in Halberstadt durchgeführten Kontrolluntersuchung festgestellt. Die Reichsaufsichtsbehörden forderten die sofortige Stilllegung des Betriebs. Doch da war es schon zu spät. Das althergebrachte Währungssystem des Reichs war längst aus den Fugen geraten. Immer mehr Münzherren (und zuletzt sogar der Kaiser selbst) betätigten sich als Fälscher. Die Methode war ebenso einfach wie einträglich: Man ließ einen Teil des in den „guten“ Münzen enthaltenen Silbers oder Goldes herausschmelzen und durch Blei, Zinn oder Kupfer ersetzen. Mit dem neu gewonnenen Edelmetall wurden neue, ebenfalls „gestreckte“ Stücke hergestellt. Die Folge: In den meisten Reichstalern und Gulden steckten zuletzt nur noch weniger als ein Drittel der laut Münzordnung vorgeschriebenen Silber- und Goldmengen. Als besonders begabter Meister auf dem Gebiet der Geldvermehrung erwies sich Ottos Sohn und späterer Nachfolger Graf Ernst (Regierungszeit 1601-1622). Mithilfe raffinierter Tricks und umfangreicher Bestechungsgelder gelang es ihm, die Produktion minderwertiger Geldsorten zusätzlich anzukurbeln.

Zu den Winkelzügen des ansonsten als äußerst kultiviert und fürsorglich geltenden Landesherrn gehörten auch die vorübergehende Verlegung der Münzwerkstatt nach Oldendorf (von 1604 bis 1618) und die dreiste Behauptung, die hiesigen Prägestätten seien lediglich „Zweigstellen“ der alten Altonaer Münze.

Ernst wurde zu einem der reichsten Landesherren Europas. Das Gute daran: Der heimische Potentat steckte die Zockergewinne nicht (nur) in die eigene Tasche, sondern bereicherte sein Land mit kostbaren Bauten und Kunstwerken. Ansonsten erinnern manche der damaligen Vorgänge in beängstigender Weise an heute: Irgendwann (damals im Jahre 1621) platzt die Blase. Es folgte eine verheerende Inflation. Und die Zeche zahlten am Ende die kleinen Leute.

So oder so ähnlich wie auf dieser mittel-

alterlichen Kupferstich-Darstellung dürfte es auch in den Münzwerkstätten in Rinteln und (Hessisch)

Oldendorf

ausgesehen haben.



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