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Einweihung der Abteilung 3 der Burghofklinik / Versorgung psychisch Kranker jetzt komplett

Wie Goethe die Psychotherapie entdeckt hat

Rinteln (wm). Am Samstag ist die psychiatrische Abteilung der Burghofklinik am Kreiskrankenhaus am Hopfenberg eingeweiht worden - das dritte Projekt der beiden leitendenÄrzte, Dr. med. Axel Weibezahl und Dr. med. Dagmar Rudolph-Weibezahl, nach der Eröffnung der Tagesklinik im Blumenwall. Damit, stellten alle Festredner des Vormittags fest, habe Rinteln und das Umland erstmals eine komplette "gemeindenahe Vollversorgung für psychisch kranke Menschen".

veröffentlicht am 30.06.2008 um 00:00 Uhr

Ulrich Funkner

Der Weg dahin, ließen beide Weibezahls wie Landrat Heinz-Gerhard Schöttelndreier anklingen, sei zeitweise eher ein Hürdenlauf gewesen, der durch die völlig unterschiedliche Interessenlage der Beteiligten keineswegs konfliktfrei verlaufen sei. Alle Redner gratulierten den Weibezahls zu ihrem diplomatischen Geschick und zum Stehvermögen bei der Durchsetzung dieses Projekts. Landrat Schöttelndreier ("Ich hatte selten Partner, mit denen man so offen über die Probleme sprechen konnte") versicherte zum wiederholten Male - wie schon beim Richtfest vor 14 Tagen -, die psychiatrische Klinik werde auch dann weiter Bestand haben, wenn sich das übrige Krankenhauswesen im Landkreis neu organisiert. Dr. med. Dagmar Rudolph-Weibezahl dankte allen am Projekt beteiligten "Geburtshelfern", besonders der ausführenden Fachfirma Ofra-Generalbau: Im März habe man noch in einem Schlammloch gestanden - weitergegangen sei es dann in einem "atemberaubenden Tempo". Klaus Malchau vom Sozialpsychiatrischen Verbund des Landkreises versicherte den Weibezahls seine Kooperationsbereitschaft und lobte die Entwicklung der Psychiatrie in den letzten 20 Jahren, von der rein stationären Behandlung hin zu einem heute komplexen Angebot psychiatrischer Hilfen. Rintelns Nervenärztin Dr. Dagmar Rauch sah es kritischer. Nach wie vor sei psychisch krank zu sein ein Stigma, werde die Psychiatrie an den Rand der Städte gedrängt. Drumi Dimtschev und Ulrich Funkner werden die neue Klinik, die Abteilung 3, leiten. Dimtschev als leitender Abteilungsarzt, Funkner als leitender Psychologe, und beide demonstrierten während der Feierstunde mit zwei überraschenden Vorträgen, dass sie neben Fachkompetenz auch über Humor und Liebe zur deutschen Literatur verfügen. So vermittelte Dimtschev verblüffende Einsichten in die Psycho-Macken des großen deutschen Dichters Wolfgang von Goethe, die sich heute durchaus in klinischen Kategorien - wie Phobien - fassen ließen. Aber noch faszinierender sei die von Goethe selber entwickelte Therapie. Der Dichter, schilderte Dimtschev anschaulich, habe Methoden an sich selber angewandt, die heute noch Gültigkeit haben, um Höhenangst, Überempfindlichkeit gegen laute Geräusche und Panik vor Krankheiten zu überwinden - Goethe sei damit, ohne es zu ahnen, ein Wegbereiter der modernen Psychotherapie gewesen. Dimtschev: "Hut ab, wie er das gemacht hat!" Funkner führte pointiert wie satirisch die wissenschaftlichen Einordnungsbemühungen und Diagnose-Raster ad absurdum, indem er schlicht die Kindheit zur psychischen Störung erklärte, litten die Patienten doch unter "Zwergwuchs, Spinataversion und unreifem Verhalten". Wobei die Heilungschancen dank institutionalisierter Therapien wie Kindergarten, Schule und Universitäten phänomenal gut seien. Doch vor allem Männer seien vor Rückfällen nicht gefeit - vor allem bei Kontakt mit Betroffenen und Spielzeugeisenbahnen. Den durchaus ernsten Hintergrund beider humorvollen Vorträge hatte zuvor Chefarzt Dr. Horst-Helmut Krause erläutert, der in seinem Grußwort anmerkte, Patienten seien nie nur körperlich oder seelisch krank. Dass die Medizin das so getrennt sehe, habe viel mit der historischen Entwicklung, den Traditionen zu tun, wenig mit der Wirklichkeit. Leib und Seele seien im Leben nicht zu trennen, und so komme mit dem Einzug der neuen Klinik auch "räumlich zusammen, was zusammen gehört".



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