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Meist ergreift das Schwarzwild die Flucht – es sei denn, es geht um den Nachwuchs oder es ist eifersüchtig

Wie gefährlich ist das Wildschwein?

HAMELN. Während der Wolf schon für Angst und Schrecken sorgt, noch bevor er überhaupt gesichtet worden ist, lebt ein anderes Tier, das dem Menschen nicht ungefährlich werden kann, mitten unter uns: das Wildschwein. Am Hohenstein erinnert ein steinernes Kreuz an einen Knecht, der dort im Jahre 1584 von einem Wildschwein getötet worden ist. In diesem Teil unserer Serie „Einfach tierisch“ geht es darum, wie man sich vor dem Schwarzwild in Acht nimmt und was es zu beachten gilt.

veröffentlicht am 19.05.2018 um 13:16 Uhr
aktualisiert am 25.05.2018 um 13:33 Uhr

Mit seinen Eckzähnen kann das Wildschwein dem Menschen schwere Verletzungen zufügen. Foto: dpa
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Alexander Voeth sagt es zwar mit einem Lächeln, aber er meint es todernst. „Wenn das Tier nicht flüchtet: Nicht drauf zugehen und langsam den Rückzug antreten!“, rät der Hamelner Jäger dringend für den Fall einer Begegnung mit einem Wildschwein. Allzu häufig seien Begegnungen mit dem Schwarzwild in Wald und Flur zwar nicht. Die Tiere seien hierzulande meist nachtaktiv und gingen Menschen aus dem Weg. Aber wenn es schon zu einem Aufeinandertreffen kommt, das Wildschwein also von sich aus nicht die Flucht ergreift, dann deute das schon darauf hin, dass Gefahr in Verzug ist. Wenn das Tier dann auch noch zu klappern beginnt, also seinen Unterkiefer gegen den Oberkiefer schlägt und damit eine Drohgebärde zeigt, sei erst recht Vorsicht geboten.

In so einer Situation handele es sich entweder um eine Bache, die sich und ihren Nachwuchs bedroht fühlt und ihre Frischlinge beschützen will, oder um einen Keiler, der sich in der Paarungszeit befindet und in seinem Gegenüber einen Konkurrenten zu erkennen glaubt. „Die Bache kämpft für ihre im Kessel befindlichen Frischlinge um Leben und Tod“, sagt Voeth. Und der Keiler werde alles daran setzen, seinen vermeintlichen Nebenbuhler aus dem Feld zu räumen.

Fernhalten soll man sich Voeth zufolge auch von verletzten Wildschweinen. Immer wieder werden Tiere durch Wildunfälle auf der Straße verletzt, indem sie von Autos angefahren werden. „Nicht an das Tier rangehen, sondern melden!“, mahnt Voeth. Die Polizei ziehe bei Bedarf einen Jäger hinzu, der mit der Situation am Unfallort umzugehen weiß und gegebenenfalls mit einer Schusswaffe das Tier erlösen kann.

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Nach dem Suhlen reiben sich die Wildschweine gern an harzigen Bäumen, wie sich an diesem Stamm im Klüt gut ablesen lässt. Foto: pk
  • Nach dem Suhlen reiben sich die Wildschweine gern an harzigen Bäumen, wie sich an diesem Stamm im Klüt gut ablesen lässt. Foto: pk
as sogenannte Gewaff eines etwa ein bis zwei Jahre alten Überläufers. Foto: pk
  • as sogenannte Gewaff eines etwa ein bis zwei Jahre alten Überläufers. Foto: pk

Die erhöhte Aggressivität eines verletzten Wildschweins sei darauf zurückzuführen, dass bei einem angeschlagenen Tier der Fluchtinstinkt durch die Verletzung gehemmter ist als bei einem gesunden. Doch auch ein Jäger ist vor einem Angriff von einem Wildschwein nicht gefeit, wie Voeth weiß. Ein Waidmann aus Mecklenburg habe in einem Feuchtgebiet einmal ein Wildschwein beschossen und sich dann auf die Suche nach dem getroffenen Tier gemacht. Als er auf das Wildschwein traf, ging es, verletzt wie es war, auf den Jäger los und riss ihm mit seinem Gewaff, wie sich die Eckzähne des Schwarzwildes nennen, die Hauptschlagader im Oberschenkel auf. Schnell kam es bei dem Mann zu großem Blutverlust, er fiel in ein Gewässer und starb.

Als Jäger kennt Alexander Voeth Wildschweine aus eigener Anschauung und weiß um die Ausstrahlung der bis zu 150 Kilogramm schweren Tiere. „Das Wildschwein ist wehrhaft“, sagt Voeth respektvoll. Wer sich ein Bild „von den Kameraden“ machen wolle, dem empfiehlt der Jäger einen Besuch im Wisentgehege in Springe. Ansonsten rät er Naturfreunden und Waldspaziergängern, sich zu bestimmten Zeiten nicht jenseits der Waldwege in Dickungen aufzuhalten. „März, April, die Bache frischen will“, heiße es in der Jägersprache. Dann bringt die Bache ihren Nachwuchs zur Welt und hütet ihren Kessel, eine Art Nest aus Gehölz und Gras, in dem sich ihre Frischlinge befinden, wie ihren Augapfel. Im November und Dezember ist Paarungszeit. Auch dann sollte sich an die Wege gehalten werden, um nicht einem eifersüchtigen Keiler in die Arme zu laufen.

Ausschließen lassen sich zufällige Begegnungen mit Wildschweinen nicht. Wer im Wald oder in einem Feld versehentlich eine schlafende Rotte in ihrer Deckung, dem Einstand, aufscheucht, der werde womöglich kurzerhand über den Haufen gerannt. Um Schaden davon zu tragen, muss man dabei noch nicht einmal an eine ausgewachsene Bache oder einen stattlichen Keiler geraten. „Selbst ein kleiner Frischling kann wehtun“, sagt Voeth. „25 Kilogramm Lebendgewicht, das ist wie, wenn einem ein Sack Zement vors Schienbein geworfen wird.“

Aber von solchen unliebsamen Begegnungen einmal abgesehen, sind die Wildschweine durchaus liebenswürdige Tiere, bei denen sich alles rund ums Fressen dreht. Sie leben in Rotten, die über 30 Tiere zählen können, und haben eine ausgeprägte Sozialstruktur. Das Sagen hat die Leitbache, dann kommen die übrigen Bachen, sowie die Überläufer, also die noch nicht ausgewachsenen Bachen und Keiler, und die Frischlinge. Im Sommer werden die Überläuferkeiler dann „weggebissen“, wie Voeth sagt. Die jungen Keiler schließen sich dann zu kleinen Rotten zusammen und sammeln Erfahrung – in anderen Worten: Sie machen Stress. Sie fallen zum Leidwesen von Landwirten und Gartenbesitzern und in Felder und Gärten ein und fressen sich durch das vorgefundene Nahrungsangebot. Ein Verhalten, das mitunter aber auch von gemischten Rotten an den Tag gelegt wird. Das hängt mit dem seit einiger Zeit außergewöhnlich hohem Bestand des Wildschweins zusammen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Am Dienstag lesen Sie: Raubkatze in unseren Wäldern: der Luchs.



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