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Wie Fremde im Internet Freunde werden

Wenn der Hamelner Sergej Petrov seinen Bekannten erklären will, was ihn jeden Abend an den PC-Bildschirm und ins Internet zieht, muss er oft nach Worten suchen. Einfach zu sagen: „Ich bin in meinem Forum und rede mit den Leuten“, bringt wenig. Die meisten wissen nicht, was ein „Forum“ sein soll und wie man im Internet „redet“. Und selbst, wenn sie eine ungefähre Vorstellung davon haben, begreifen sie nicht recht, wozu man mit wildfremden Menschen in Kontakt treten und über Gott und die Welt plaudern soll. „Hast du denn kein reales Leben?“ heißt es dann oft. „Und wieso nennst du dich eigentlich Sergej Petrov?“

veröffentlicht am 21.10.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 16:00 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Sergej Petrov will seinen wahren Namen nicht verraten. Er ist Verwaltungsbeamter, 43 Jahre alt und begabt mit einer Leidenschaft für Computerspiele, solchen, mit denen man in fantastische Welten eintaucht und Abenteuer erlebt, die denen eines Romanes wie „Der Herr der Ringe“ nicht unähnlich sind. „Auch davon zu erzählen, ruft oft Kopfschütteln hervor“, meint er. „Jugendliche kennen sich mit solchen Spielen bestens aus. Leute in meinem Alter aber haben damit meistens keine Erfahrung und finden es nur komisch, wenn ein Erwachsener Spaß daran hat. Genau diese Spiele aber waren es, die mich zu ,meinem‘ Forum geführt haben und zu den Gesprächen mit anderen Spielern aus ganz Deutschland.“

Ein Internetforum, das ist sowas wie ein virtueller Treffpunkt. „Ja wirklich, wenn ich mich dort anmelde, habe ich das Gefühl, einen großen Raum zu betreten, in dem sich viele Menschen befinden, die überall kleine und größere Gruppen bilden, um zu plaudern, zu diskutieren oder sich gegenseitig Tipps zu geben, wie man schwierige Stellen in einem Spiel am besten bewältigt.“

Auf dem Bildschirm wuseln natürlich keine Menschen oder Figürchen herum, sondern es erscheint zunächst eine Übersicht über all die Themenbereiche, die zur Auswahl stehen. Die meisten, die auf das Forum stoßen, brauchen Hilfestellung für ihr Spiel und klicken dann das entsprechende Thema an. Wollen sie sich aber über etwas anderes austauschen, dann wählen sie zum Beispiel die „Plauderecke“ oder das Musikforum oder „Politik und Gesellschaft“. Das sind sogenannte „Unterforen“. Wer dort einsteigt, findet wiederum eine Reihe von Überschriften, die man anklicken kann und damit zugleich öffnet er quasi die Tür zu einer Gesprächsrunde. Um mitzureden, muss man schreiben. Man liest, was andere zu einem Thema sagten, klickt dann mit der Maus auf den „Antworten“-Button und schon steht einem ein leeres Feld zur Verfügung, das man mit seinen Bemerkungen füllen kann. Sobald man die Antwort „abschickt“, ist sie für alle anderen sichtbar. „Oft bezieht man sich direkt auf das, was jemand anderes geschrieben hat“, sagt Sergej Petrov. „Zugleich aber ist es von Hunderten, Tausenden lesbar – mag sein, dass dieser Umstand dazu führt, das Ganze als irgendwie ,unwirklich‘ anzusehen.“

Sergej wählte seinen Internet-Namen nach einem berühmten Schachspieler. Überhaupt jeder, der sich in das Geschehen innerhalb des Forums mischt, sucht sich bei der Anmeldung ein Pseudonym aus. Manche nehmen ganz normal klingende Namen wie „Tim Anderson“ oder „Heinzi“, andere solche, die als persönliche Anrede durchaus gewöhnungsbedürftig klingen: „Geist des Wissens“ oder „Blechmatte“, „Uripura“, „Zeleron“ oder „Pontius Pilatus.“ Dabei weiß man zunächst überhaupt nichts von seinem Gegenüber. Weder Alter, noch Geschlecht, weder berufliche Tätigkeit, noch gesellschaftlichen Stand. Und die kleinen Bilder, die den jeweiligen Namen illustrieren, die „Avatare“, sie sagen ebenfalls nichts aus über den „User“, der sie benutzt.

„Trotzdem kommt man sich nach einer Weile durchaus nahe in dem Forum“, sagt Sergej. „Es ist erstaunlich, wie viel die Art, wie jemand seine Meinung äußert oder sich in Diskussionen einmischt, über seine Persönlichkeit aussagt. Man merkt schnell, wer gut und fair argumentiert, wer Spaß versteht, Wortwitz hat und auch mal Kritik einstecken kann. Andere nerven, weil sie polemisieren, schnell beleidigen oder rechthaberisch sind. Man merkt sich die Namen und oft tauscht man mit denen, die einem sympathisch sind, auch private Nachrichten aus.“ Ohne Moderatoren könnte so ein großes Forum mit seinen durchschnittlich weit über 10 000 aktiven „Usern“ allerdings kaum funktionieren. Plattformen wie „youTube“, wo nicht nur (private) Videoclips eingestellt werden, sondern auch Kommentare dazu erscheinen, beweisen, wie sehr die anonyme Kommunikation ausarten kann, wenn sie kaum kontrolliert wird. Übelste Beleidigungen sind an der Tagesordnung, Gespräche können so nicht entstehen. Das wäre in dem Spiele-Forum auch nicht viel anders, wenn es dort keine Nutzungsbedingungen gäbe, auf deren Einhaltung die Moderatoren achten.

Sergej Petrov kennt sich da aus. Einige Monate, nachdem er in dem Forum, wo sich überwiegend Schüler und Studenten aufhalten, als kluger und gelassener Gesprächspartner auffiel, wurde er von der Administration gebeten, einen Moderatoren-Posten zu übernehmen, im Bereich „Politik und Gesellschaft“.

Da, ebenso wie in der „Plauderecke“, besteht immer die Gefahr, dass politische Extremisten ihre verfassungswidrigen Ansichten ausbreiten oder dass man beleidigt, statt zu argumentieren. Dann greifen die „Mods“ ein, verweisen auf die Nutzungsbedingungen, sprechen gegebenenfalls Verwarnungen aus oder sperren Unverbesserliche.

„Ich verstehe meine Aufgabe als Moderator wie ein Ehrenamt“, so Sergej. „Die meisten User sind noch sehr jung und viele lernen erst, wie viel Befriedigung es bringen kann, sich gut zu unterhalten. Es braucht außerdem seine Zeit, bis man begreift, dass man sich in einem öffentlichen Forum nicht genau so ausdrücken kann wie im privaten Chat, wo oft Anspielungen ausreichen, um verstanden zu werden und wo Scherze nicht aus Versehen als Beleidigung ankommen.“

Gerade die ganz jungen Mitglieder meinten ja oft, sie könnten ruhig pampig werden, weil man sich eh nicht wirklich kenne: „Ist mir doch egal, was irgendein Fremder von mir denkt.“ Ein nicht unerheblicher Teil der Userschaft hat aber schon längst die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht „irgendwelche Fremden“ sind, mit denen man regelmäßig kommuniziert. Immer wieder finden „Community-Treffen“ statt, wo sich Leute verabreden, um sich persönlich kennenzulernen. „Das Erstaunliche ist: Man kennt sie bereits, wenn man sich zum ersten Mal sieht“, so Sergej Petrov. „Ich habe es bis jetzt noch nie erlebt, dass ich enttäuscht worden wäre. Wer mir im Forum sympathisch war, der war es mir immer auch in Wirklichkeit.“ Demnächst trifft er sich wieder mit einer Gruppe von Usern. Darunter sind der 15-jährige Schüler „MisterMeister“ (trotz seiner Jugend bereits Moderator), der über 60-jährige Soziologiedozent „Gront“, der Philosophiestudent „Sir Ewek Emelot“ und „Blechmatte“, der in Sachsen-Anhalt in einer Fabrik arbeitet. „Ponti“ kommt aus Wien, „Martok“ aus Oberfranken“, „Raettich“ aus der Lüneburger Heide – eine wirklich bunte Truppe, in der es allerdings nur eine einzige Frau gibt. PC-Spiele sind immer noch eine Männerdomäne.

„Wir hätten uns sicher nicht kennengelernt, wenn wir nicht zunächst in dieser Anonymität aufeinandergetroffen wären“, so Sergej. „Welcher 15-Jährige redet schon umstandslos und völlig gleichberechtigt mit Erwachsenen? Welcher Hauptschüler mischt sich einfach so unter Gymnasiasten? Und es ist auch völlig egal, ob man aus dem Osten oder Westen kommt, aus Dorf, Kleinstadt oder Metropole. Ich wüsste keine bessere Methode, um Vorurteile zu überwinden.“

Das gälte übrigens auch für Kleine, Dicke, Pickelige, Schüchterne und alle, die von Angesicht zu Angesicht aus ähnlichen Gründen schnell von anderen ausgegrenzt werden. „Wen man einmal als angenehmen, interessanten Gesprächspartner kennengelernt hat, bei dem achtet man nicht mehr auf solche Äußerlichkeiten.“ Gerade in den Abendstunden, wenn es die User in Unterforen wie die „Plauderecke“ zieht, erzählt man doch gerne auch mal von persönlicheren Dingen. Dafür sind die Pseudonyme gut. Man unterhält sich in der Öffentlichkeit fast so, wie in seiner Lieblingskneipe – und kann doch seine Privatsphäre wahren. „Ich habe Jahre gebraucht, um mich wirklich mal mit anderen aus dem Forum zu treffen. Anfangs kam auch mir das zu seltsam vor, die Internetbekanntschaften in mein wirkliches Leben zu holen. Dadurch aber ist mir umso bewusster geworden, wie sehr sie Teil meines wirklichen Lebens sind. Ein Gewinn.“

Das Internet hat die Kommunikationsgewohnheiten verändert. Was früher die Lieblingskneipe war, ist bei vielen Menschen heute das Forum im Netz – ein Treffpunkt, um sich auszutauschen. „Hast du denn kein reales Leben?“, wird Sergej Petrov oft gefragt. Für ihn ist das Internet aber ein Stück Wirklichkeit. Themen in Chats und Foren sind oft persönliche Befindlichkeiten. Dass Petrov viele seiner Gesprächspartner nur unter Pseudonymen kennt, ist dabei nicht entscheidend.



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