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Überzeugendes Gastspiel der "Mindener Stichlinge" / 500 begeisterte Zuhörer im Bad Eilser Kursaal

Wie es da drinnen aussieht, geht keinen was an

Bad Eilsen (sig). Sie bestehen schon seit vier Jahrzehnten, aber man kann sich nicht daran erinnern, dass sie schon einmal im Kursaal aufgetreten wären. Die Rede ist von den "Mindener Stichlingen", die sich immer noch als Amateur-Kabarett bezeichnen, obwohl sie das vom Können her längst nicht mehr sind. Es ist schwierig, bei ihnen einen freien Termin zu finden. Und es wäre doch so wünschenswert, dass sie künftig mit ihrem neuen Programmstets auch nach Bad Eilsen kämen.

veröffentlicht am 04.04.2007 um 00:00 Uhr

Oliver Roth und Dieter Fechner, das Urgestein der "Stichlinge",

Der kaum enden wollende Beifall der 500 Besucher im ausverkauften Kursaal zeigte, wie gut diese Truppe aus der ostwestfälischen Nachbarstadt hier angekommen ist. Mit keineswegs ausufernden Dialogen, treffenden Pointen, zum Thema passender Gestik und Mimik erreichten die "Stichlinge" die große Zuhörerschar. Manchmal war es nur ein nachgeschobenes oder wiederholtes Wort (eben nur ein feiner Stich), und die Lachsalven rollten wie Wellen heran. Auf bekannte Politiker einzuschlagen, sie mit Hohn und Spott zuüberziehen, ist ein viel geübtes Ritual, das von manchem Ensemble abendfüllend betrieben wird. Die "Stichlinge" beweisen, dass es gar nicht immer diese Personen sein müssen, sondern vielmehr die Handlungen, die sie auslösen und mit denen wir leben müssen. Schon das Motto des neuen Programms ("Hauptsache gesund") verrät es: Viele von uns, vor allem die mit dem kleineren Geldbeutel, werden nach den zahllosen gesundheitspolitischen Klimmzügen zum Pauschalfall. So gibt es gleich am Anfang eine sehr nachdenklich stimmende Persiflage auf einen Zustand, den sich niemand herbeisehnt, aber so mancher befürchtet: EinReporter besucht ein Klinikum und bekommt dort die größte Abteilung vorgeführt. Sie ist zuständig für die Bürokratie und Dokumentation. Außerdem gibt es nur noch Privatstationen. Alles andere lohnt sich nicht mehr dank der "Diagnose-orientierten Fallpauschale", durch die der normale Bürger zum namenlosen "Fall" wird. Eine der unausweislichen Entwicklungen sei, so die "Stichlinge", die Zahnbehandlung im Ausland. Bei "Mac Zahn" gebe es das alles preiswerter, aber man dürfe sich dann auch nicht an der Optik des Gebisses stören. Frei nach der Operettenmelodie: "Doch wie es da drinnen aussieht, geht keinem was an." Natürlich ist die Politikverdrossenheit ebenso ein willkommenes Thema. Die "Stichlinge" spielten eine Kabinettsitzung, in der dieser Zustand beklagt wird. Bedauerliches Manko: Neben der Kanzlerin waren nur wenige Minister anwesend. Die anderen befanden sich gerade auf Dienstreisen in irgendeinem fernen Teil der Welt. Auch dem Wahrheitsgehalt der Pisa-Studien vertraut das Mindener Kabarett nicht. Schließlich sei ja auch der Pisa-Turm schief. Den moralischen Verfall machte das Ensemble deutlich an den horrenden Abfindungssummen deutscher Manager. Die Absahner-Mentalität deutscher Stromriesen wurde ebenfalls scharf aufs Korn genommen. Gar nicht gut weg kamen außerdem diejenigen Unternehmer, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, um Lohnkosten einzusparen. Eine Buchkritikerrunde mit einem von Dieter Fechner hervorragend imitierten Marcel Reich-Ranicki sowie "Rosalinde" (statt Rosamunde) Pilcher zum Schluss war ein Höhepunkt des Gastspiels. Der Ranicki-Darsteller findet "986 Seiten unerbittliche Seiten ohne Esoterik und ohne Erotik einfach zum Kotzen."



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