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Wie die Altstadt gerettet wurde

Wenn heute Touristen durch Hamelns Altstadt schlendern und sich am Anblick prächtiger Fachwerkbauten erfreuen, dann ist das keine Selbstverständlichkeit. Der historische Kern sollte ursprünglich der Abrissbirne zum Opfer fallen – doch dank des Engagements von Hamelner Bürgern wurde die Stadt gerettet und aufwendig saniert.

veröffentlicht am 16.03.2018 um 16:03 Uhr

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Dr. Guido Erol Hesse-Öztanil

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Dr. Guido Erol Hesse-Öztanil Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
Eine bitterkalte Nacht irgendwann Ende der sechziger Jahre. Zwei Frauen und ein Mann kleben im Schutz der Dunkelheit an die Wand eines windschiefen Fachwerkgebäudes in der Hamelner Innenstadt ein Plakat. Darauf steht: „Gott schütze dieses Haus vor Not und Brand und vor der Ratsherren Hand.“

Noch zahlreiche Gebäude wurden mit diesem „frommen Wunsch“ bedacht. Am Ende waren knapp 100 Häuser und damit jener Bereich der Altstadt gekennzeichnet, der der Abrissbirne zum Opfer fallen sollte. „Am nächsten Tag herrschte große Aufregung in der Stadt. Abends war eine Bürgerversammlung anberaumt. Ich saß (…) in einer der ersten Reihen. Der damalige Stadtdirektor sah mich mehrmals durchbohrend an. Für ihn stand fest, daß ich meine Finger in der nächtlichen Aktion gehabt hatte“, erzählt Elsa Buchwitz in ihren Erinnerungen. Tatsächlich war der Verdacht des Verwaltungschefs begründet (und auch richtig): Der Name Elsa Buchwitz stand und steht bis heute für die Rettung der Hamelner Altstadt. Doch die gebürtige Hamelnerin focht ihren Kampf nicht allein, hatte eine Reihe von unermüdlichen Mitstreitern wie Wolfgang Steiniger oder Hermann Kater an ihrer Seite. Bereits 1968 hatte „Trümmer-Elsa“, wie sie später im Volksmund genannt wurde, eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen, die die Umsetzung des von Rat und Verwaltung ein Jahr zuvor beschlossenen Sanierungskonzepts zu verhindern trachtete.

Die Innenstadt sollte nach modernen, städtebaulichen Vorstellungen gestaltet werden. Das sah unter anderem auch die „Entkernung der Blockinnenbereiche von mangelhafter Bausubstanz“ und „Wohnungsneubau“ sowie die Realisierung von fünf wuchtigen Parkhäusern vor, davon vier direkt am Zentrumsrand gelegen (und mit diesem über Parkbrücken verbunden).

Ich saß (…) in einer der ersten Reihen. Der damalige Stadtdirektor sah mich mehrmals durchbohrend an.
Elsa Buchwitz, Kommunalpolitikerin und Kämpferin für den Erhalt der Altstadt

Der damals von den Planern benutzte harmlose Begriff „Flächensanierung“ verbarg die eigentliche Absicht: Es sollte weniger saniert, sondern in zahlreichen Fällen zerstört werden. Die Stadt hatte bereits seit Jahren in der Altstadt gelegene Gebäude aufgekauft und rasch abgerissen, um vollendete Tatsachen zu schaffen. In der Bungelosen-, Stuben- und Thietorstraße hatte bereits die Abrissbirne gewütet. Nahezu die gesamte Westseite der Kleinen Straße hätte es nach der Realisierung der Pläne nicht mehr gegeben, sollte doch die komplette Altbausubstanz dort ebenfalls einem überdimensionierten Parkhaus weichen. Und anstelle der Pfortmühle war ein neungeschossiges Rathaus geplant. Ein Drittel der Altstadt wäre nach der „Erneuerung“ verschwunden. Die vom Bauträger „Neue Heimat Bremen“ vorgesehene „Skyline“ an der Weser war an Trostlosigkeit und Tristesse kaum zu überbieten. Doch es kam anders: Unter dem Druck der Öffentlichkeit und der Medien, die bundesweit über die begonnene „Altstadtsanierung“ in Hameln kritisch berichteten, wurde der katastrophale Abriss-Kurs aufgegeben – nicht zuletzt unter dem massiven Druck der „Vereinigung der Hamelner Bürger zur Erhaltung der Altstadt“.

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Freie Fahrt durch Hameln: Das war vor der Altstadtsanierung möglich. Quelle: Archiv

Ein Umdenken setzte bei der Politik ein, das sich in der Koalitionsvereinbarung zwischen der CDU und FDP im Dezember 1974 niederschlug, danach die historische Altstadt erhalten und die Flächen- durch Objektsanierung ersetzt werden sollte. Das Todesurteil für die Kleine Straße wurde schließlich in der Ratssitzung am 11. März 1975 mit knapper Mehrheit aufgehoben, die Pläne für die Parkhaus-Betonbauten zugunsten von Tiefgaragen fallengelassen.

Für die dann einsetzende Phase, gekennzeichnet von dem Bemühen der Erhaltung der historischen Bauten, lassen sich viele Beispiele anführen: Von den prominenten Gebäuden der Stadt sind etwa das Leist- und Stiftsherrenhaus zu nennen, deren reich geschmückte Fassaden restauriert und in deren erneuerten Räumen das Museum und ein Café untergebracht wurden. Hervorhebenswert ist auch die Kurie Jerusalem an der Alten Marktstraße, ein um 1500 entstandenes Speichergebäude: Eine sorgfältige und später sogar prämierte Sanierung rettete das vom Verfall bedrohte Haus. Durch den Bau der zweiten Weserbrücke konnte schließlich der Durchgangsverkehr aus der Altstadt verbannt und – zunächst die Oster- , später die Bäckerstraße – 1975 zur Fußgängerzone umgebaut werden. Die öffentliche Hand und Privateigentümer investierten in den alten Baubestand. Insgesamt 256 Millionen Euro flossen in öffentliche und private Sanierungsmaßnahmen. Erst im April 1993 wurde mit einem Festakt die Altstadtsanierung offiziell für abgeschlossen erk



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