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Fürstenhaus wirbt Graf Wiser und Dr. Tippelskirch an / Augenärzte machen Badehotel zum Magneten für Europas Adel

Wie Bad Eilsen vor 80 Jahren zum Weltbad wurde

Bad Eilsen. Mit dem durch Fürst Adolf zu Schaumburg-Lippe erbauten "Fürstenhof", dem "Badehotel" sowie dem modernen Kurmittelhaus und den neu gestalteten Park- und Sportanlagen zählte Bad Eilsen in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zu den schönsten und modernsten Kurbädern Deutschlands.

veröffentlicht am 30.01.2007 um 00:00 Uhr

Autor:

Friedrich Winkelhake

Ein weiterer gelungener Schachzug der Hofkammer war dann die Anwerbung von Dr. Maximilian Graf Wiser mit seinem Mitarbeiter Dr. Friedrich von Tippelskirch. 1928 zogen die Augenärzte ins Badehotel, und nun strömten wohlhabende Patienten aus aller Herren Länder zur Behandlung ihrer Augenleiden nach Bad Eilsen. "Alles was auf unserem Erdenball an menschlichen Rassen existierte, war in Bad Eilsen vertreten, alle Hautfarben, alle Sprachen!", schrieb Bürgermeister HeinrichHofmeister in der Eilser Kurzeitung. "Das Bad, in dem die Blinden sehend werden!", wurde in aller Welt bekannt. Chinesische Mandarine, indische Nabobs, afrikanische Häuptlinge, europäischer Hochadel und auch die Hochfinanz weilten mitsamt Gefolge zur Augen-Kur in Bad Eilsen. Graf Wiser stammte aus einem Rheinpfälzer Adelsgeschlecht. Seine Mutter war die Tochter des Fürsten Wrede auf dem Barockschloss Ellingen. Er selbst kam schon mit acht Jahren auf eine Klosterschule. Unter der autoritären Erziehung entwickelte der Grafensohn sich zu einem freiheitsliebenden Menschen. Von allen Zwängen befreit, begann er nach dem Abitur ein aufregendes Studentenleben und war oft der Anführer bei Studentenulks. Er studierte in München, Erlangen, Würzburg, Straßburg, Berlin und Freiburg. Das Geld saß ihm locker in der Tasche. Wenn es um Gerechtigkeit ging, verstrickte er sich in Händel. Schwächeren half er in ihrer Not. Er wich auch keinem Duell aus, musste einmal die Folgen einer Säbelmensur auf der Festung Oberhaus in Passau absitzen. Ein Jahr verbrachte Graf Wiser inÄgypten. Mit 28 Jahren wurde ihm klar, dass es so nicht weiter ging. In nur acht Semestern war er mit dem Studium der Medizin fertig. Nur 45 Tage benötigte er für alle Prüfungen. An der Uni Bonn schloss er ein Studium der Augenheilkunde an und wurde für vier Jahre Assistent des Bonner Augenarzt-Professors Geheimrat Saemisch. Von Beginn an kam Graf Wiser zu derÜberzeugung, dass die Augenheilkunde, wie sie damals an Unis gelehrt wurde, mit der tatsächlichen Funktion des Auges nicht in Einklang zu bringen war. Er begann zu forschen. Mit der von ihm entwickelten Behandlungsmethode begann er in einer eigenen Praxis. Zunächst in Mainz, dann in Wiesbaden strömten Privatpatienten aus nah und fern zu ihm. Sein Erfolg brachte ihm einen Ruf nach London, wo er dreimal wöchentlich praktizierte. Schließlich arbeitete er auch in Berlin, St. Petersburg, Moskau, Paris und Monaco. Es gab kaum ein Mitglied in den Gesellschaften der europäischen Großstädte oder des Hofadels, das, wenn augenleidend, ihn nicht konsultierte. 1913 erwarb er aus einer Konkursmasse gemeinsam mit der wohlhabenden, russischen Gräfin Rüdiger das Heilbad Liebenstein in Thüringen. Als im Ersten Weltkrieg ausländische Patienten ihn nicht mehr in Deutschland aufsuchen konnten und zur gleichen Zeit ein Kesseltreiben aller bedeutenden deutschen Professoren der Augenheilkunde gegen ihn begann, musste er Bad Liebenstein in eine Aktiengesellschaft umwandeln, in der der Chemiker Dr. Lauterbach die Majorität übernahm. Die deutsche Augenarzt-Elite bezichtigte Graf Wiser der Scharlatanerie. Patienten blieben aus. Nur die Herzogin zu Sachsen-Meiningen hielt zu ihm und sorgte dafür, dass er die vielen Kriegsblinden behandelnkonnte. Eine neue Augenheilanstalt wurde in Bad Liebenstein errichtet. Graf Wiser wurde zum Ehrenbürger des Badeortes. Mit Lauterbach überwarf er sich bald, und so kam es zu seiner Übersiedlung nach Bad Eilsen. Was der Heimat- und Kulturverein tun will, um das Andenken an Graf Wiser im Kurort zu erneuern, lesen Sie in unserer morgigen Ausgabe.



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