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Vom Fischfang im Schaumburger Land

Weserlachse „sehr berühmt“

An einheimischen Fischen ist in der Weser Überfluß“ notierte im Jahre 1617 der Rodenberger Lehrer und Pastor Johannes Orsaeus. „Der Lachs ist nicht selten; oft wird auch der Stör gefangen; ferner große schlüpfrige Aale und zwei Pfund schwere Barben (ein Karpfenfisch), der Seewolf („Steinbeißer“) und Karpfen, überhaupt jede Art Fische bietet sie (die Weser) den Herren und den Bürgern täglich als leckere Speisen an“. Als weitere ertragreiche Fanggewässer nannte der heimische Chronist die Aue und den „großen See, der nach dem Städtchen Steinhude“ benannt sei. „Die Aue wimmelt von Fischen und liefert mit ihren gesprenkelten Goldforellen für die Tische der Herren Gerichte“. Und der große See ernähre „die Gegenden ringsum durch saftige Barsche, uralte Lupi (Karpfen), überaus große Aale und schimmernde Weißfische“.

veröffentlicht am 07.12.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Der Orsaeus-Report ist, soweit bekannt, die erste und älteste Beschreibung der vor 400 Jahren hierzulande beliebtesten und am häufigsten vorkommenden Speisefischarten. Danach muss es in der damaligen Grafschaft Schaumburg eine aus heutiger Sicht kaum vorstellbare Vielfalt gegeben haben. Die Gewässer waren noch nicht reguliert. Die Menschen lebten ausschließlich von und mit der Natur. Die Tiere auf und im Wasser waren ein lebenswichtiger Bestandteil des Speiseplans.

Besonders abwechslungsreich war das Nahrungsangebot der Weser. Grund: Übers Jahr verteilt war eine ganze Reihe von Wanderfischarten unterwegs. Aus der Nordsee strebten neben Lachs, Stör und Seewolf Scharen von Flundern („Weserbutte“) bergan. Daneben zogen auf der Suche nach Futter- und Laichplätzen Aale, Alse („Maifische“), Meerforellen und Schnäpel (eine heute weitgehend ausgestorbene Lachsfischart) in Richtung Oberlauf.

„Sonderlich hat man in der Weser das ganze Jahr hindurch fast alle Monate eine besondere Art Fische, so zu einer Zeit vor der andern sehr nützlich sind“ heißt es in einem 1768 veröffentlichten „Hydrographischen Fluss-Wörterbuch“. Danach waren „sonderlich die Weserlachse sehr berühmt und ihres lieblichen Geschmacks halber sehr geliebt“. Auch seien „die Bremer Bricken (volkstümliche Bezeichnung für Meeres-Neunaugen), die man gemeiniglich nur zur Winterszeit fängt, nicht unbekannt“.

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  • Auftraggeber der vor gut 280 Jahren erlassenen Fisch-Ordnung war Landgraf Friedrich I. von Hessen-Kassel (1676-1751), hier auf einem Bild des Porträtmalers Martin van Meytens.
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  • Auf einem Beiblatt der Fisch-Ordnung waren die Fanggrößen für Forellen, Hechte, Barben und Krebse sowie die Mindestmaße der Netze und Reusen dargestellt.
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Besonders heftig ging es fischfangmäßig in Hameln zu. Die dort bereits im Mittelalter angelegte Staustufe war für das Gros der Flussbewohner ein unüberwindliches Hindernis. Für Flunder und Stör war die Reise vor dem Wehr endgültig vorbei. Lachs und Alse kamen nur mit viel Glück und Ausdauer drüber weg. Der größte Teil der sich davor stauenden Schuppenträger fiel den dort das ganze Jahr über in großer Zahl lauernden menschlichen Zweibeinern zum Opfer. Als weitere Gefahrenplätze waren die vor den Städten im Fluss festgezurrten Schiffs- und die sich überall an den Ufern der Nebenflüsse drehenden Wassermühlen bekannt. Nach einer zeitgenössischen Darstellung kam des Öfteren vor, dass der Malbetrieb von Aalen lahmgelegt wurde. Die im Herbst in gewaltigen Scharen zum Ablaichen zu Tal ziehenden Tiere seien in die Wasserrad-Kammern geraten, und die Masse der zerschlagenen Leiber habe die Räder zum Stillstand gebracht.

Bis ins frühe Mittelalter hinein durfte hierzulande jedermann den Fluss- und Meeresfrüchten nachstellen. Wie und wo das am besten funktionierte und mit welchen Tricks und Gerätschaften man das Schuppen- und Schalengetier am besten in den Kochtopf und/oder an den Bratspieß bekam, war seit alters her bekannt. Die Palette reichte von „Garn, Lauffen, Hahmen, Reussen, Körben und Netzen“ bis hin zu „Angeln und anderem Zeug“. In einigen Überlieferungen ist darüber hinaus von der „Kunst des Fischfangs mit der Hand“ die Rede.

Anders als übers Fangen war über Herkunft und Lebensweise der aus dem Wasser geholten Beutetiere nur wenig bekannt. Selbst in wissenschaftlichen Standardwerken wurden bis ins hohe Mittelalter hinein jede Menge kuriose Ansichten verbreitet. So muten etliche der im Mitte des 16. Jahrhunderts erschienenen „Vollkommenen Fisch-Buch“ des damals führenden Naturforschers Conrad Gesner (1516-1565) beschriebenen und in „lebendigen Abbildungen“ vorgestellten Fluss- und Meeresbewohner wie fremdartige Phantasiegestalten an.

Wirklichkeitsnähere Beschreibungen der Unterwasserwelt lernten die Leute erst im Zeitalter der „Aufklärung“ kennen. Eine der ersten stimmigen Schilderungen der Situation in der seit Ende des Dreißigjährigen Krieges zu Hessen gehörenden heimischen Weserregion kann man in einem Erlass aus 1730 nachlesen. Auslöser des vom damaligen Landgrafen Friedrich I. unterschriebenen Papiers war die „Erfahrung, daß sowol Unsere Zinß- und Hege- als auch die gemeine Wasser fast durchgehends erschöpfet, verderbet und veröset seyen“. Als Hauptursache hatte die Regierung in Kassel „unordentliches und verbotenes Fischen“ und „zum Ruin der Wasser gedeyende eigennutzige Mißbräuche“ ausgemacht. Zur Beseitigung des Übelstands wurde eine umfangreiche, 19 Punkte umfassende „Fisch-Ordnung“ auf den Weg gebracht. Sie enthielt erstmals gezielt auf die heimischen Arten und die hierzulande gebräuchlichsten Fangmethoden ausgerichtete Vorschriften. „Von Petri-Tag (22. Februar) bis Ende des May-Monats“ durfte überhaupt nicht mehr gefischt werden. Außerdem wurde das bis dato beliebte, aber „schädliche Nacht-Leuchten und Fisch-Stechen, desgleichen das Treiben und Jagen sowie das Tollmachen und Pfäschen mit Oley- Lein- Rüben- oder Mohn-Kuchen und dergleichen Fisch-Ködder“ verboten. Krebse mussten „in denen Bächen „worinnen deren noch wenig fürhanden, wieder ins Wasser geworffen werden“. Auch das Flachsrösten war in Gewässern, in denen dadurch „die Fische erstäncket“ werden konnten, nicht mehr erlaubt. Und nicht zuletzt sollte „hinfort auch das übermässige und schädliche Enten-Halten verbotten sein“.

Bis ins 17. Jahrhundert hinein war das Leben unter Wasser weitgehend unbekannt. Auch wissenschaftliche Werke enthielten aus heutiger Sicht zum Teil höchst merkwürdige und oft abenteuerliche Beschreibungen und Darstellungen. Hier ein Beispiel aus dem Mitte des 16. Jahrhunderts erschienenen Standardwerk „Vollkommenes Fisch-Buch“ des Naturforschers Conrad Gesner (1516-1565).



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