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Immer dem Wind nach: Eine Segelkreuzfahrt auf der hölzernen Gulet „Xenos III“ in der türkischen Ägäis

Wer Meer will, ist auf dieser Yacht genau richtig

Über der Treppe, die zu den Kabinen führt, hängt ein großer Glücksbringer: Nazar, das schützende Auge der Fatima, überblickt alles, was sich im Salon und auf dem Steuerstand abspielt. Es soll Schiff und Besatzung vor Unheil bewahren. Wie gut das blaue Auge seinen Job beherrscht, bleibt offen, denn Nedim gibt ihm während der Reise wenig zu tun: Der bärtige Kapitän steuert die „Xenos III“ wie im Schlaf durch die türkische Ägäis.

veröffentlicht am 30.10.2009 um 10:24 Uhr

„Xenos“ heißt auf altgriechisch „Der Fremde&ld

Autor:

Roland Wildberg

Der 30 Meter lange Schoner, ein Holzschiff mit zwei schlanken, hölzernen Masten, ist ein Meisterwerk türkischer Schiffbaukunst. Drinnen glänzt alles satt unter einer fetten Schicht von poliertem Bootslack. Draußen ist Teak verlegt. Doch „Xenos III“ trägt seine Masten beileibe nicht nur zum Flaggezeigen.

Eine Gulet zum Segeln – das ist keineswegs selbstverständlich. Die meisten türkischen Fischerboote, deren Vorbilder vor Jahrhunderten in Italien entstanden, führen ihr Tuch nur noch zu Deko-Zwecken. Dafür hat der Komfort des Maschinenzeitalters gesorgt: Es ist an der türkischen Küste schwierig geworden, überhaupt nautisches Personal zu finden, das beim Verstummen des Motors nicht nervös wird.

Kapitän Nedim hingegen kann nicht nur segeln, er liebt diese Art der Fortbewegung. Hinterm Steuerrad thront er, nippt an seinem eisgekühlten Anisschnaps, dem berühmten Raki, und lacht wie ein Meerungeheuer. „Es gibt zwei Arten Kapitäne: Die einen haben studiert, die anderen haben gelebt.“ Wieder dieses dröhnende Lachen. Man ahnt, zu welcher Kategorie Nedim sich zählt.

Die Schiffe werden nach den internationalen Spezifikationen der
  • Die Schiffe werden nach den internationalen Spezifikationen der Klassifizierungsgesellschaft Lloyd’s in London gebaut.

Zur See fährt der 55-Jährige von Kindheit an – seine Familie fischt seit Generationen im Golf von Gökova. Kein Wunder, dass Nedim ohne Echolot, GPS und Radar unterwegs ist: Dies ist sein Spielplatz. Wenn es nach ihm ginge, würde nur zum An- und Ablegen die Maschine benutzt. Der Muster-Chartervertrag unterstützt dieses Ansinnen: Im Pauschalpreis sind nur zwei Stunden Motorfahrt täglich inbegriffen. Und dabei handelt es sich um keine versteckte Kostenfalle; im beliebten Segelrevier weht recht verlässlicher Wind, überwiegend aus westlichen Richtungen. Schützender Wellenbrecher der 70 mal 20 Kilometer großen Bucht ist die griechische Insel Kos.

Bodrum, das antike Halikarnassos, liegt am nördlichen Eingang des geschützten Meeresarms und ist in den vergangenen 20 Jahren vom Fischerdorf zum gewaltigen Segler- und Touristentreff explodiert. Im Hafen schaukeln Hunderte prächtiger Schiffe – ein erhebender Anblick. Aus dem Mastenwald stechen die vier blauen Schoner von Xenos Yachting durch schiere Größe hervor. Das Flaggschiff „Xenos IV“, 2006 in Dienst gestellt, ist mit 32 Meter Länge die größte Gulet des Reviers.

Kapitän Nedim an Bord des zwei Meter kürzeren Schwesterschiffs empfängt alle Gäste mit einem kurzen Wink: „Ihre Schuhe, bitte.“ Eine Kiste – so blank poliert wie das übrige Schiff – steht offen, dort verschwinden die Straßenschuhe. Das Boot verlässt man zumeist nur über die Badeleiter.

Wenn alle vier Lappen oben sind, der Caterpillar-Diesel schweigt und „Xenos III“ mit bis zu sieben Knoten (13 Stundenkilometern) durchs Wasser des Gökava-Golfs pflügt, erschließt sich im gleißenden Sonnenlicht die Bedeutung des hier geläufigen Begriffs „Blaue Reise“ fast augenblicklich: Blau sind der Himmel, das Wasser, die Küste, das Schiff; mitunter auch ein Teil der Passagiere auf der Liegewiese am Bug, sobald der Steward die zweite Lage Gin Tonic serviert hat. Nedim bleibt lieber beim Raki. Nur nach Sonnenuntergang, verrät er lachend, gönnt er sich auch mal einen Rum.

Die zweitliebste Position des Bilderbuch-Käpt’n ist nach dem Steuerstand zwei Meter tiefer, unter der Wasserlinie: Bewaffnet mit Angelschnur, Harpune oder auch nur mit bloßen Händen geht er bei jeder Gelegenheit auf die Jagd nach Meeresgetier. Kaum sind die tonnenschweren Anker im Grund und die 200 Meter lange Kette abgerollt, schmiedet Nedim Pläne zur Nahrungsbeschaffung. Gäste dürfen ihn dabei gern begleiten.

Es ist faszinierend, dem 55-Jährigen bei seiner Jagd auf Fisch und Oktopus zuzusehen. Noch faszinierender ist es, das Ergebnis der Expedition am Abend auf dem Achterdeck, lecker angerichtet, zu genießen. Dann liegt die „Xenos III“ – je nach Saison mutterseelenallein oder umgeben von anderen Yachten in einer der vielen unbewohnten Buchten – fast bewegungslos unter einem betörend glitzernden Sternenhimmel, der sogar die Ankerlaterne zu einer lächerlichen Funzel deklassiert.



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