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Wer bin ich – mit 46 Fragen auf acht Seiten

Vor fast 30 Jahren fand in der ehemaligen DDR die letzte Volkszählung statt, und mehr als 20 Jahre sind es her, als 1987 im damaligen Westdeutschland der letzte große Zensus für große Aufregung in der Gesellschaft sorgte. Imagekampagnen der damaligen Bundesregierung wetteiferten mit den Boykottaufrufen der Volkszählungsgegner. Trotz des Widerstands und der enormen Proteste wurden aber letztlich die Ziele der Volkszählung erreicht, denn wie viele Bürger die Volkszählung damals tatsächlich boykottiert haben, ist unklar. Dem Vernehmen nach sollen es zwischen fünf und 15 Prozent gewesen sein.

veröffentlicht am 22.11.2010 um 19:37 Uhr

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Autor:

Matthias Rohde

Einer der größten Unterschiede zwischen dem Zensus 1987 und dem des kommenden Jahres ist die Anzahl der befragten Haushalte. Waren es 1987 noch alle Haushalte, sind es 2011 lediglich rund zehn Prozent aller Haushalte im wiedervereinigten Deutschland, die ab dem 9. Mai kommenden Jahres Besuch von einem sogenannten Erhebungsbeauftragten bekommen könnten. Sowohl im Landkreis Schaumburg als auch im Landkreis Hameln-Pyrmont ist man sich darüber im Klaren, dass ein solch sperriger Ausdruck nur bedingt das wiederspiegelt, was die Aufgabe eines solchen Erhebungsbeauftragten ist.

Die Zensusorganisatorin und Mitarbeiterin des Hauptamtes des Landkreises Schaumburg, Imke Domnick, erklärt: „Die von uns verwendete Bezeichnung ‚Interviewer‘ beschreibt trefflich, welche Aufgabe dem Erhebungsbeauftragten zukommt.“ Auch der Fachbereichsleiter Recht und Sicherheit der Stadt Hameln und der beim Landkreis Hameln-Pyrmont für den Zensus verantwortliche Fachdienstleiter innere Dienste Thomas Haß stimmen der Stadthäger Kollegin zu.

In den Nachbarlandkreisen Hameln-Pyrmont und Schaumburg laufen die Vorbereitungen für den Zensus auf Hochtouren. Eine der wichtigsten Voraussetzungen, den Zensus ordnungsgemäß durchführen zu können, sei die Einrichtung einer Erhebungsstelle. Dabei gebe es vor allem datenschutzrechtliche Vorgaben, die zu erfüllen seien. Schur: „Die Erhebungsstelle muss abgeschottet werden, und zwar in vielerlei Hinsicht.“ Einerseits dürften außer den Mitarbeitern der Erhebungsstelle andere Mitarbeiter der Kreis- oder Stadtverwaltung, Interviewer oder Bürger die Räume der Erhebungsstelle nur dann betreten, wenn sämtliche Fragebögen verschlossen in den Schränken liegen. Andererseits müssten die Computer, die für die Volkszählung benutzt werden, sowohl vom Internet als auch von internen Netzwerken getrennt betrieben werden. Aus organisatorischen Gründen haben sich die Stadt Hameln und der Landkreis Hameln-Pyrmont dazu entschlossen, eine gemeinsame Erhebungsstelle einzurichten. Haß: „Alle Orte, Städte und Kommunen bis zu einer Einwohnerzahl von 30 000 Bürgern fallen in die Zuständigkeit des Landkreises, dem sie angehören.“ Da Hameln über deutlich mehr Bürger verfügt, müsste die Stadt quasi eine eigene Erhebungsstelle einrichten. Allerdings seien sich die Verantwortlichen von Stadt und Landkreis schnell einig gewesen, dass sie von der Kooperationsmöglichkeit in Sachen Erhebungsstelle Gebrauch machen wollen. Aktuell wird diese gemeinsame Erhebungsstelle in den ehemaligen Räumen des Kinder- und Jugendpsychologischen Dienstes am Stockhof gegenüber der alten Nudelfabrik eingerichtet. Schur: „Wir haben uns bewusst für diesen Standort entschieden, da er die Abschottung um einiges erleichtert.“ Einen anderen Weg hat man indes im Landkreis Schaumburg gewählt. Die Erhebungsstellenleiterin Jana Kretzmann wurde eigens für den Zensus eingestellt. Sie erklärt: „Die Erhebungsstelle befindet sich hier im Gebäude der Kreisverwaltung, und ich bin die einzige Person, die einen Schlüssel hat.“ Zensusorganisatorin Domnick: „Mitarbeiter der Erhebungsstelle dürfen nicht gleichzeitig in anderen Bereichen der Verwaltung eingesetzt werden, deswegen haben wir uns dafür entschieden, eine Fachkraft neu einzustellen.“

Die wohl wichtigste Aufgabe bei der Bürgerbefragung kommt aber den Interviewern zu. Sie müssen nämlich mit dem Fragebogen an der Tür klingeln und um Beantwortung der Fragen bitten. Beide Erhebungsstellen befinden sich gerade im Aufbau, und wenn die Vorbereitungen abgeschlossen sind, werden Interviewer benötigt. Wie man Bürger für dieses Ehrenamt gewinnen will, erklärt Fachdienstleiter Haß: „Wir haben bereits jetzt schon die Gemeindeverwaltungen angeschrieben und darum gebeten, personelle Vorschläge zu machen.“

Bundesweit werden knapp acht Millionen Bürger von den Interviewern befragt. In den beiden heimischen Landkreisen sind es jeweils zirka 17 000, und in der Stadt Hameln rund 5000. Wer am Ende zur Bürgerbefragung herangezogen wird, das entscheidet nicht der zuständige Landkreis, sondern das Statistische Bundesamt. Zudem erklärt Haß: „Ausgewählt werden keine einzelnen Bürger, sondern Anschriften.“ 46 Fragen auf acht Seiten weist ein solcher Fragebogen aus, der – neben vielen weiteren wichtigen Informationen zum Zensus 2011 – auf der Internetseite www.zensus2011.de eingesehen werden kann.

Den Zensusorganisatoren ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass das Ausfüllen des Fragebogens eine Bürgerpflicht ist. Tatsächlich stehen der Erhebungsstelle die rechtlichen Möglichkeiten zur Verfügung, Bürger zu sanktionieren, die sich weigern, den Fragebogen auszufüllen. Aber soweit wollen und können die Mitarbeiter der Landkreise und der Stadt Hameln derzeit noch nicht planen, denn zunächst einmal sei es wichtig, ausreichend Erhebungsbeauftragte, Interviewer also, zu finden. Rund 300 solcher Interviewer werden in jedem Landkreis benötigt. Eine Aufwandsentschädigung gebe es auch, betont Domnick: „Für einen ausgefüllten Fragebogen erhält der Interviewer eine Pauschale von 7,50 Euro.“ Bürger, die den Fragebogen nicht in Gegenwart des Interviewers ausfüllen möchten, können den ausgefüllten Fragebogen auch an die Erhebungsstelle senden. Ohnehin werden die meisten Daten des Zensus 2011 über bestehende Register, wie beispielsweise die der Meldebehörden, gesammelt. Die stichprobenartige Befragung der Haushalte ergänzt die so gewonnenen Daten.

Kritik gegen den Zensus 2011 gibt es auch. Allerdings fällt diese Kritik deutlich verhaltener aus als noch vor 23 Jahren. Vor allem zu einer Frage des Fragebogens hagelt es Kritik. „Was geht es den Staat an, welcher Religion ich angehöre“, heißt es aus dem Umfeld der Piratenpartei. Gerade die Beantwortung dieser Frage ist den ausgewählten Bürgern im Fragebogen freigestellt. Schur: „Der Befragte entscheidet freiwillig, ob er sich zu seiner Religionszugehörigkeit äußert oder nicht.“

Generell handelt es sich beim Zensus 2011 um eine Vollerhebung, die aber vor allem deswegen besonders effektiv sei, weil der Großteil der Daten aus den zur Verfügung stehenden Registern generiert werde. Eines jedoch sei unumgänglich: „Die Interviewer müssen wir bereits schon jetzt suchen, denn sie alle erhalten eine intensive Schulung, um sie auf die Befragung der Bürger vorzubereiten. Der Zensus 2011 ist im Übrigen kein Alleingang Deutschlands, denn eine EU-Verordung schreibt einen europaweiten Zensus vor. Die Daten können nach Abschluss der nationalen Volkszählungen international miteinander verglichen werden.

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ So der Buchtitel des Bestsellers von Richard David Precht. Zumindest auf den letzten Teil dieser Frage wird es im nächsten Jahr eine Antwort geben. Dann nämlich wird die erste Volkszählung nach der Wiedervereinigung belastbare Zahlen liefern.



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