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Schüler spielen Mutter und Vater - mit täuschend echten Baby-Simulatoren

Wenn's "Baby" herzzerreißend brüllt: Den Knopf zum Ausstellen gibt's nicht

Stadthagen (sk). Wie ist das, wenn nachts das Baby schreit? Was bedeutet es, rund um die Uhr für einen Säugling da sein zu müssen? Das wollten 16 Schülerinnen und Schüler des achten Jahrgangs an der Integrierten Gesamtschule (IGS) wissen und probierten die Mutter-/Vaterrolle "am eigenen Leib" aus. Die 14- und 15-Jährigen betreuten eine Woche lang programmierte Babypuppen, so genannte Baby-Simulatoren.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 08:57 Uhr

Eltern probehalber: Die 14-jährige Amy (vorn l., auf dem Arm "Jo

Das Aufklärungsprojekt, an dem auch das Stadthäger Frauenzentrum beteiligt war, soll unter anderem Frühschwangerschaften (siehe "Zum Thema") vorbeugen. "Am Tag macht es Spaß", hat Amy (14) ihre Erfahrung als "Mutter" beschrieben, "aber abends nicht". Man schläft eine Stunde, erzählt sie, und dann schreit das "Baby". Das tat es wirklich und zwar in den unterschiedlichsten Tonlagen und Lautstärken. Die äußerlich einem lebendigen Baby perfekt nachempfundenen Puppen sind mit einem elektronischen und akustischen Innenleben ausgestattet und programmiert. Hunger, nasse Windeln, aufwachen aus dem Schlaf werden lautstark angezeigt. Dann muss die "Mutter" aktiv werden. Einen Knopf zum Ausstellen des "Babys" gibt es nicht. Zum Beenden des Geschreis kann auch niemand anderes das "Kind" beruhigen als die vorgegebene Betreuerperson. Amy wies sich bei ihrem "Baby" mittels Chip am Armband aus. Kümmert sich eine "Mutter" nicht um ihr "Kind" endet das Geschrei nach zwei Minuten, und der Computer in der Puppe registriert "grobe Vernachlässigung". Wie vorsichtig man mit einem Baby umgehen muss, hat Jonathan (14) gespürt und weiß nun: "Man muss sehr auf den Kopf aufpassen." Wird dieser nicht gestützt und fällt hinten über, beginnt das Baby-Geschrei. Mit seiner nächtlichen "Vaterrolle" hat Jonathan moderate Erfahrungen gemacht. Das Kind habe nicht so häufig geschrieen. Dafür habe er immer Angst gehabt, es vielleicht nicht zu hören. Tagsüber bekam Jonathan Hilfe. Die Oma hat das "Baby" gefüttert. Wie im richtigen Leben sind auch die Familienmitglieder betroffen. Die 14-jährige Sina erzählt, dass nachts die Mutter vor ihrer Tür gestanden hat, wenn das "Baby" schrie. Eine andere Schülerin schilderte die Angst ihres Vaters ("Mach das bloß nicht in echt") beim Anblick des simulierten Nachwuchses. Ihre Mutter hingegen habe das "Baby" liebevoll auf dem Arm getragen. Auch die Umwelt außerhalb der Familie war involviert. Ein Busfahrer sei genervt gewesen vom schreienden Baby-Computer, berichtet ein junge "Mutter", ein anderer habe gelacht. "Baby" ist immer dabei gewesen, ob "Johlle" - so nannte Amy ihr Baby -, "Nele", "Felix", "Mia-Malien", "Fleur", "Sky" oder "Emely". Es entstand persönliche Verbundenheit mit dem "Nachwuchs" auf Zeit. Das Kind war künstlich, die Gefühle zum Teil echt. Zu tief und leicht abrufbar hat die Natur mütterliche Reaktionen im Wesen des Menschen verankert. Ingetraut Wehking, Mitarbeiterin im Frauenhaus, war sich sicher: Bei Beendigung des Projekts, werde es sowohl Erleichterung geben wie auch Trennungsschmerz. Auf jeden Fall hat das Projekt ein positives Ergebnis im Sinne der Veranstalter gebracht. "Durch die Bank" wünschte sich keines der teilnehmen Mädchen eine frühe Schwangerschaft. Mutter werden möchte jede, aber erst im Alter von "25 oder 26".



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