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Bückeburg gedenkt der Pogromnacht vor 70 Jahren / Viele Schüler am Mahnmal / Kritik an Berlusconi-Aussage über Obama

"Wenn wir sie vergessen, töten wir sie ein zweites Mal"

Bückeburg (jp). Zahlreiche Bückeburger haben gestern der 70. Wiederkehr der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 gedacht. Am Ehrenmal neben dem Stadthaus legten Bürgermeister Reiner Brombach und Dr. Alexander Pojarov, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde im Landkreis, Kränze zur Erinnerung an die Opfer des NS-Terrors nieder. Unter den Anwesenden waren auch viele Schüler, darunter Angehörige der Geschichtswerkstatt der Herderschule, die die Geschichte der Verfolgung durch die Nazis in Bückeburg aufgearbeitet haben.

veröffentlicht am 10.11.2008 um 00:00 Uhr

Legen Kränze nieder und verlesen Opfernamen (v.l.n.r.): Alexande

"Heute vor 70 Jahren zeigte sich die Brutalität des Hitlerregimes erstmals ganz offen", sagte Brombach. Ehrbare Mitbürger seien verfolgt, enteignet, deportiert und ermordet worden, und ein Großteil der Deutschen habe tatenlos zugeschaut. Umso wichtiger sei heute die Aufarbeitung dieser Geschichte - etwa durch die Herderschule: "Denn wenn wir die Opfer vergessen, töten und ächten wir sie ein zweites Mal." Neu aufkeimender Intoleranz müsse entgegengetreten werden. Als Beispiel nannte Brombach die abfällige Bemerkung des italienischen Regierungschefs Berlusconi über Barrack Obama: "Das war kein Scherz, sondern eine neue Form des Rassismus." Entrüstung über den aktuellen Antisemitismus sei wichtig, betonte Alexander Pojarov. Sie reiche jedoch nicht aus, um Vorurteile zu überwinden. Die Erinnerung an den 9. November müsse ihren Platz im Leben behalten, damit der primitive Mechanismus der Erklärung von Krisen und Katastrophen mit organisierter Pogromstimmung gegen Sündenböcke nie wieder funktioniere. Der Antisemitismus richte sich nicht nur gegen Juden, sondern gegen jede Form demokratischen und humanen Zusammenlebens. "Wir sind heute nicht mehr schuldig im Sinne von Täterschaft", meinte Pastor Klaus Zastrow, "aber wir sind schuldigdaran, dass das NS-Gedankengut in unserer Gesellschaft immer noch vorhanden ist und die Saat Hitlers immer wieder aufgeht." Klaus Maiwald, Leiter der Geschichtswerkstatt, verlas einen Brief von Trudy Galetzka, geborene Wertheim, von 1998. Sie ist einzigeÜberlebende der Bückeburger Kaufmannsfamilie Wertheim. Im Mai 1997 besuchte Trudy Galetzka Bückeburg. Aus dem Kontakt mit der Geschichtswerkstatt entstand eine Doku der Familiengeschichte sowie eine Ausstellung, die anlässlich der 60-jährigen Reichspogromnacht im Staatsarchiv eröffnet wurde. Anschließend verlasen die Herderschüler Ester Bokeloh und Henrik Imhoff die Namen weiterer Bückeburger Familien, die Opfer des Terrors wurden. Zur Gedenkfeier spielte der Posaunenchor der Stadtkirche. Am Rande demonstrierten Schüler auf Transparenten gegen den Faschismus.



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