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... "besuchen" sie abends Familie Möller in Buchholz / Tierisches Trio klettert bis ins Obergeschoss

Wenn Waschbären wild auf Weintrauben sind ...

Buchholz (tw). Sie kommen immer abends, immer ungebeten und immer plündern sie bei den Möllers an der Bückebergstraße die Weinreben. Was die beiden Buchholzer jedes Mal erwartet, wenn im Garten der Buschwächter angeht, hat eine lange Vorgeschichte, die vor 74 Jahren begann ... Am 12. April 1934 war's, als Forstmeister Wilhelm Freiherr Sittich von Berlepsch am Edersee in Hessen vier Waschbären aussetzte. Sie sollten auf Wunsch ihres Besitzers, des Geflügelzüchters Rolf Haag, die "heimische Fauna" bereichern. Das ist ihnen und ihren Nachkommen, die ursprünglich nur in Nord- und Mittelamerika vorkommen, offensichtlich gründlich gelungen - flächendeckend.

veröffentlicht am 19.09.2008 um 00:00 Uhr

Wer solche Spuren (kleines Foto) in seinem Garten findet, weiß:

",Die Tiere", sagt Willi Möller, "haben uns den ersten Besuch vermutlich schon im Juli abgestattet. Damals wussten wir aber noch nicht, dass es sich um Waschbären handelt." Inzwischen kommen sie "mehr oder weniger regelmäßig seit etwa zwei Wochen und oft zu zweit oder sogar zu dritt", ergänzt Hannelore Möller. Die im Lateinischen "Procyon lotor" und altertümlich auch "Schupp" genannten Tiere erreichen den Garten der Buchholzer zwischen 22 und 23 Uhr immer von der Aue her - und immer haben sie ein Ziel: die Reben an der Südseite. "Eigentlich", sagen die seit 1974 im Dorf wohnenden Möllers, "wollten wir von den Beeren wieder Wein machen - aber das wird dieses Jahr wohl nichts, denn die Waschbären haben fast alle Trauben abgeerntet." Kein Wunder, sind die Früchte doch gerade jetzt reif und süß. Auf der Jagd nach den letzten Exemplaren haben die Tiere sogar den Fenstersims im Obergeschoss des Hauses erklommen, wo sie bei einem ihrer bis dato letzten Beutezüge von der Familie fotografiert wurden. Waschbären sind dämmerungs- und nachtaktive Tiere, was der Hauptgrund dafür ist, dass man sie nur selten zu Gesicht bekommt. Sie sind geschickte Kletterer und schlafen tagsüber mit Vorliebe in den Baumhöhlen alter Eichen. Wenn sich ein Waschbär außerhalb der Reichweite einer seiner Hauptschlafstätten befindet, bezieht er sein Taglager auch in alten Steinbrüchen, im dichten Gestrüpp oder in Dachsbauten. Wegen des Winterspecks können Waschbären zu Winteranfang mehr als doppelt so viel wiegen wie im Frühling. Der schwerste in freier Natur lebende Waschbär wog 28,4 Kilo, was das mit Abstand höchste gemessene Gewicht eines Kleinbären darstellt. Waschbären sind farbenblind und nehmen vor allem grünes Licht gut wahr. Obwohl sie auch im Dämmerlicht gut sehen können und der Sehschärfenbereich von elf Dioptrien fast genau dem des Menschen entspricht, ist die visuelle Wahrnehmung für Waschbären von untergeordneter Bedeutung. Anders sieht's mit dem Gehör aus, mit dem Waschbären in der Lage sind, auch sehr leise Geräusche wahrzunehmen - wie sie etwa im Boden eingegrabene Regenwürmer verursachen. Die durchschnittliche Lebenserwartung wild lebender Waschbären beträgt nur 1,8 bis 3,1 Jahre. Zur Erinnerung: Beim Jahrestreffen der Jagdgenossenschaft Luhden-Schermbeck-Selliendorf 2002 hatte Jagdpächter Henrik Frickemeier erstmals von Waschbärspuren berichtet, die er in seinem Revier entdeckt hatte. Im März 2008 hatte dann Thomas Friedrichs, Vorsitzender des Hegerings Rinteln, bei der Jahresversammlung der Weserstädter erklärt, dass der "Waschbär inzwischen normaler Bestandteil in unseren Revieren" geworden ist. Allein 17 der aus Nordamerika stammenden Kleinbären seien im zurückliegenden Jagdjahr erlegt worden; 2006/2007 waren es noch sechs gewesen. Dabei deuteten die erhöhten Abschusszahlen auf einen weit höheren Bestand, denn die Tiere sind schwer fangen oder zu schießen. In Deutschland wurde der Bestand 1956 auf 285 Tiere geschätzt, 1970 auf etwa 20 000 Tiere und 2005 bereits auf mehr als 100 000.

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