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Gruppenspiele, Diskussionsrunden, rechtliche Fragen - nach einer Woche wird allen das Jugendleiter-Zertifikatüberreicht

Wenn verschiedene Generationen eine Gemeinschaft werden

Obernkirchen/Ruhpolding. Riesengroßer Jubel, schallender Applaus, lautes Getrampel auf dem Boden. Acht Tage harter Arbeit sind vorbei, die Ausbildung zum Jugendleiter ist geschafft. Das Zertifikat in den Händen beweist es.

veröffentlicht am 22.03.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Caroline Biallas

Festlich und feierlich ist die Stimmung am vorletzten Abend, als Karl C. Damke der Reihe nach die Namen der Gruppenteilnehmer vorliest, sie einzeln und nacheinander aufstehen, nach vorne gehen und die Urkunde entgegennehmen. Nachdem sie ihm die Hand geschüttelt haben, gratulieren ihnen Erhard Vinke, Friedrich Mensching und Sarah Kiehnel. Alle vier haben die Jugendleiterausbildung im idyllisch-bayrischen Kleinort Ruhpolding organisiert, betreut und geleitet. Mit Erfolg: Denn alle Teilnehmer haben sie bestanden. Ganz leicht waren die Spielregeln dennoch nicht: 24 Teilnehmer aus den verschiedensten Bereichen, vertreten in allen Altersklassen - von 16 bis 48 Jahren - und mit den unterschiedlichsten Vorstellungen und Zielen waren dabei. 800 Kilometer von Zuhause weg. Untergebracht in einem zweistöckigen Holzhaus, aufteilt auf Mehrbettzimmer. Von jeglicher Zivilisation völlig abgeschieden. Dafür umgeben von verschneiten Berggipfeln und einer Bilderbuchlandschaft wie aus einem Werbespot für Schokolade. Ziel war es, innerhalb dieser acht Tage sämtliche Kompetenzen - fachliche wie soziale - zu erwerben, um künftig in der Lage zu sein, in Jugendgruppen und Jugendverbänden, Jugendämtern und Jugendringen zu arbeiten, Jugendliche zu betreuen, ihnen in Notfällen zur Seite zu stehen, sowie sie auf Ausflügen und Freizeiten zu begleiten. Etliche Stuhlkreisstunden voller Diskussionen, Fragerunden, themenbezogener und konzentrierter Arbeit in Kleingruppen zu pädagogischen und rechtlichen, sozialen und ethischen Angelegenheiten waren die Basis für den Erwerb der Jugendleitercard (kurz "Juleica" genannt), die es abschließend gab. Im Mittelpunkt der Woche stand dennoch das Thema Spiel. Der erste Versuch: Jeder Teilnehmer schlüpft in eine andere Rolle. Die eine Gemeinschaft - gesplittet in zwei Gruppen, verteilt auf zwei Räume, wo verschiedene Regeln und Sprachen herrschen: Alpha-Kultur und Beta-Kultur. Ein Blick in das Alpha-Territorium: Unter den Menschen herrscht eine große Offenheit, gegenüber neuen Leuten ist man aufgeschlossen, übertrieben herzlich, fast schon distanzlos. Einer hat das Sagen. In der Beta-Welt hingegen geht es darum, Ehrgeiz und Können zu zeigen, untereinander verständigt man sich mit Zeichensprache, reden ist verboten. Das Einzige, was zählt: möglichst viele Punkte zu erreichen. Nach drei Stunden in einer fremden Welt mit fremden Regeln folgen Austausch und Auflösung: Es geht um Gruppenstrukturen, Hierarchien, Machtspiele. "Wir haben dieses Spiel bewusst in den Block "Jugend und Gesellschaft" eingesetzt, um zu verdeutlichen, dass wir zwar in einem demokratischen Gesellschaftssystem leben, es aber noch andere Kulturen mit anderen Positionen gibt", erklärt Obernkirchens Stadtjugendpfleger Erhard Vinke, einer der vier Teamer. Spiele, wie dieses aus den USA stammende, seien oft Mittel zum Zweck, um Situationen und Sachverhalte noch einmal zu verdeutlichen. Für einen Jugendleiter sei es außerdem wichtig zu erkennen, so Vinke weiter, wie Gruppen strukturiert sind. Auch, um sie letztlich analysieren und gegebenenfalls eingreifen zu können. Typische Rollen wie Anführer, Außenseiter, Spaßvogel oder Mitläufer seien in fast allen Gebilden wiederzufinden. Eine weitere Aufgabe im Rahmen der Ausbildung: eine Stadtrallye durch Ruhpolding. Vier Gruppen mit jeweils sechs Personen sollen an einem Vormittag verschiedene markante Orte finden, ohne vorher zu wissen, wo diese sich befinden. Bei strahlendem Sonnenschein geht es los, zunächst noch recht ziellos, später immer orientierter. Um zu beweisen, dass die Gruppe auch dort gewesen ist, sollen Fotos an der besagten Stelle gemacht werden. Kreativität ist gefragt! Abends werden die Ergebnisse dann den anderen Gruppen vorgestellt, abschließend soll eine Collage aus den besten Schnappschüssen erstellt werden. Die Idee dahinter: "Die Teilnehmer sollen einerseits die Umgebung kennenlernen, gleichzeitig die neuen Medien einbeziehen und Kreativität zeigen", erklärt Erhard Vinke. Um auch die Sinne anzuregen und eine einzigartige Naturerfahrung zu vermitteln, hat sich Teamer Karl C. Damke etwas Besonderes einfallen lassen: Es geht in Fünfergruppen in den Wald. Die Nacht ist rabenschwarz, der Schnee strahlend weiß, die Bäume hoch und dicht, fast etwas bedrohlich. Vier Teilnehmer haben sich mit Schals die Augen verbunden, halten sich an den Schultern des Vordermannes fest und stapfen nacheinander, ohne ein Wort zu sagen, durch den festgefrorenen Schnee. Der Erste in der Schlange führt die Gruppe, ebenfalls ohne dabei zu sprechen. Es geht über Äste, Zweige, Sträucher. Mal ist es glatt und rutschig, dann wieder steinig und holprig. Mitten im Wald hält der Gruppenführer an, die Schals werden abgebunden. Zu sehen ist ein Meer voller Lichter. Überall sind Kerzen aufgereiht, nebeneinander, in Reihen, im Kreis. Je weiter man in den Wald hineingeht, desto mehr werden es... Es war eine Art Experiment, das Karl C. Damke da ausprobieren wollte. "Mein Ziel ist es, den Teilnehmern Sachen zu vermitteln, die sonst weit entfernt vom Alltagsleben sind", erklärt er den Hintergedanken, den er bei der Nachtwanderung - übrigens ein enormer Arbeits- und Zeitaufwand - hatte. Nach acht gemeinsamen Tagen haben sich die Wege der doch recht unterschiedlichen Gruppenmitglieder, die im Laufe der Woche mehr und mehr zu einer festen Gemeinschaft zusammengewachsen sind, wieder getrennt. Rückblickend jedoch für alle Teilnehmer - egal ob 16 oder 48 - eine großartige Erfahrung. Das bestätigt Friedhelm Harting aus Bückeburg, der mit seinen 48 Jahren ältestes Gruppenmitglied war: "Wir als Ältere haben uns sehr integriert gefühlt. Da sieht man, dass auch generationsübergreifende Arbeit gut klappen kann - gerade bei Spielen." Auch Fabrizio Cirigliano (16) aus Obernkirchen, einer der jüngsten Teilnehmer, findet es "toll", dass verschiedene Altersklassen mit dabei waren und gut zusammengearbeitet haben: "So traut man sich auch mal in Zukunft, Ältere anzusprechen."



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