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Wenn tiefe Traurigkeit die Seele befällt

Schleichend sei die Depression gekommen, berichtet die 17-jährige Susanne (Name von der Redaktion geändert). Seit einigen Wochen wird sie in der Hildesheimer Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie stationär behandelt, und vor ihr liegt noch ein langer Weg, wie Chefarzt Dr. med. Dieter Felbel weiß: „Es gilt für jeden Patienten einen ganz individuellen Behandlungsplan zu erarbeiten, der unter anderem auch davon geprägt ist, welche Voraussetzungen beim Patienten und dessen Umfeld vorhanden sind.“

veröffentlicht am 15.09.2010 um 16:05 Uhr

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Am Anfang hätte sie immer weniger Lust verspürt, sich mit ihren Freunden zu treffen, erzählt Susanne. „Später bin ich dann auch nicht mehr zur Schule gegangen, und auch meine Hobbys habe ich nicht mehr ausgeübt.“ Eine tiefe Traurigkeit sei in ihr gewesen. Ihre Gedanken hätten immer um diese Traurigkeit gekreist. „Ich hatte zum Schluss auch keine Lust mehr, etwas zu essen; ich hatte keinen Antrieb, keine Motivation.“

Kathrin Brunhorn, Susannes Stationsärztin, sitzt an ihrer Seite und ergänzt mit Susannes Erlaubnis: „Später kamen bei Susanne auch suizidale Fantasien auf.“ Susanne senkt den Kopf und nickt. Selbstmordfantasien seien bei depressiven Erkrankungen keine Seltenheit, betont Felbel. Vor einigen Jahren, erinnert sich der Facharzt, sei er drei Mal zu Mädchen gerufen worden, die in der Absicht, sich das Leben zu nehmen, aus großer Höhe gesprungen seien. „Alle drei haben überlebt.“ Der Preis jedoch, so Felbel, sei erheblich, denn bei allen dreien sei es zu Beckenring-, Fersenbein- und Beinbrüchen gekommen, sowie auch zu halbseitigen Lähmungen. „Diese Mädchen werden auch weiterhin körperlich schwer gehandicapt sein.“

Eine weitergehende Würzburger Untersuchung hat gezeigt, dass bei 100 000 Einwohnern 127 Selbstmordversuche bei männlichen Jugendlichen verzeichnet werden, von denen neun zum Suizid führen, während es bei den weiblichen Jugendlichen 367 solcher Versuche und drei Selbstmorde sind.

Allein in der Hildesheimer Fachklinik, die mehr als eine Millionen Menschen in und um Hildesheim sowie in den Landkreisen Hameln-Pyrmont, Northeim, Goslar, der Stadt Salzgitter und in den südlichen Teilen Hannovers versorgt, werden pro Jahr im Durchschnitt 680 Patienten vollstationär und rund 2500 ambulant behandelt. Das Durchschnittsalter der Patienten liegt bei 14 Jahren, und die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Patienten beträgt 44 Tage. Vor sieben Jahren noch wurden in der Klinik lediglich 256 Patienten pro Jahr behandelt. „Wir haben das Konzept zu diesem Zeitpunkt maßgeblich verändert“, sagt Felbel. Heute nehme man insbesondere die Eltern der Patienten wesentlich intensiver mit in die Verantwortung, was den positiven Effekt habe, dass die Verweilzeiten der Patienten in der Klinik deutlich kürzer werden. Vor allem aber aus einem anderen Grund werden die Eltern intensiv in die Behandlung des Patienten eingebunden: „Es sind die Erziehungsberechtigten, die wir als Fachleute betrachten. Sie kennen ihre Kinder besser als wir Ärzte und Therapeuten, und Eltern können mit ihrem Wissen den Behandlungsverlauf unterstützen und positiv beeinflussen.“

So sehen das auch die Mitarbeiter des Hamelner Kinder- und Jugendpsychologischen Dienstes, denn für die Betroffenen des Landkreises sind dessen Mitarbeiter oft die ersten Ansprechpartner. Erst unlängst wurde in einem Fernsehbericht über den steigenden Leistungsdruck in den Schulen berichtet und infolge dessen soll angeblich auch die Zahl der depressiven Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen gestiegen sein.

Seit 30 Jahren arbeitet Claudia Nüsgen, Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeutin, beim Kinder- und Jugendpsychologischen Dienst des Landkreises. Sie stellt fest, dass das Thema Schule ein zunehmend wichtiger werdender Bestandteil der Beratungsgespräche ist, aber welchen Einfluss das auf die Anzahl der depressiven Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen hat, ist nicht bekannt. „Konkrete statistische Aussagen über die Zusammenhänge können wir gar nicht treffen, dafür müsste eine wissenschaftliche Studie durchgeführt werden“, betont die Therapeutin, und der Leiter des Kinder- und Jugendpsychologischen Dienstes Dieter Krause ergänzt: „Einerseits haben sich die Diagnoseverfahren im Laufe der Jahre immer weiter entwickelt, andererseits sind wir hier vor Ort ein Baustein in einem umfangreichen Netzwerk und arbeiten eng mit den Fachleuten, also den Eltern, Verwandten, Lehrern und natürlich auch mit den Spezialisten in den Fachkliniken, wie zum Beispiel denen in Hildesheim, zusammen.“ Gerade bei dem Verdacht auf eine depressive Erkrankung sei es wichtig, möglichst viele Experten unterschiedlicher Bereiche einzubinden.

Eine Depression bei Kindern zu diagnostizieren sei nämlich keine leichte Aufgabe, stellen die Fachleute fest, denn die oftmals beschriebene tiefe Traurigkeit, an der depressive Patienten litten, sei nicht zu verwechseln mit der Traurigkeit, die wohl jeder Mensch in seinem Leben irgendwann einmal empfinde. Felbel: „Wenn allerdings diese Trauer in tiefe Verzweiflung umschlägt, dann ist es wichtig, alle medizinischen Aspekte, also auch die Möglichkeit einer depressiven Erkrankung, ins Kalkül zu ziehen.“ Die Anzeichen für eine Depression sind ganz unterschiedlich. Und gerade wenn es sich um kleine Kinder handelt, bei denen eine Depression vermutet wird, dann wird es richtig kompliziert. Dabei seien die Anzeichen, die eine Depression vermuten lassen, in den unterschiedlichen Altersgruppen gleichfalls unterschiedlich. Während bei Kleinkindern unter anderem Ausdrucksarmut, Anhänglichkeit und Albernheit Depressionszeichen sein können, sind es in der Hochpubertät Antriebslosigkeit, Verzweiflung, Zukunftsängste und nicht zuletzt Selbstmordgedanken. Felbel hat großes Verständnis für Eltern, denen es schwerfällt, die depressive Erkrankung ihres Kindes zu akzeptieren. „Es macht überhaupt keinen Sinn, gegen den Willen des Patienten oder dessen Eltern eine Behandlung zu beginnen.“ Oberstes Gebot sei die Freiwilligkeit, betont der Chefarzt. Natürlich gebe es auch die seltenen Fälle, bei denen die Freiwilligkeit hinter Sicherheitsinteressen zu stellen sei, dann nämlich, wenn ein Patient den Suizid ankündige und zu befürchten sei, dass der Patient sich oder andere gefährde. „Nötigenfalls müssen wir den Patienten in so einem Fall auch gegen seinen erklärten Willen festhalten und an seinem Vorhaben hindern“, so der Chefarzt.

Nüsgen hat in ihrer langjährigen Praxis die Erfahrung gemacht, dass insbesondere für kleinere Kinder Spielsituationen eine gute Möglichkeit für die Therapeuten ist, die aktuelle Situation und Stimmung eines Kindes einzuschätzen. „Aber durch diese Beobachtungen allein können wir noch keine Diagnose stellen.“ Viele Gespräche müssten geführt werden – mit Eltern, Geschwistern, gegebenenfalls Freunden, Lehrern. Und Krause verweist auf die biogenetische Komponente einer depressiven Erkrankung – oftmals gebe es bereits depressive Erkrankungen in der Familie. In der Pubertät spiele neben den sich verändernden Ansprüchen und Erwartungen auch die hormonelle Umstellung eine Rolle.

Ohnehin versteht sich der heimische Kinder- und Jugendpsychologische Dienst in erster Linie als Beratungsangebot. „Wir haben hier die Möglichkeit, für Kinder und deren Familien bedarfsgerechte Lösungen zu finden“, erklärt Krause.

Seit vielen Jahren gibt es beim Kinder- und Jugendpsychologischen Dienst Gruppenangebote, bei denen aber darauf geachtet werde, dass die Zusammensetzung der Gruppen nicht ausschließlich einem Krankheitsbild geschuldet sei. „Gerade für Kinder und Jugendliche, die eine depressive Episode erleben, ist es wichtig, dass sie auch mit anderen Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen, die eben nicht die gleichen Probleme haben“, so Nüsgen.

Aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont werden täglich Kinder und Jugendliche, teilweise per Taxi, in die Tagesklinik nach Hildesheim gebracht. Die tägliche Fahrtzeit von insgesamt rund zwei Stunden bewertet Felbel insbesondere für die jüngeren Kinder als ungünstig. „Es gibt schon seit einiger Zeit das Bestreben, in Hameln eine psychiatrische Tagesklinik für Kinder und Jugendliche einzurichten.“ Derzeit laufen die Vorbereitungen für eine solche Klinik bereits auf Hochtouren. Mit dem neuen Gesundheitszentrum in der Wilhelmstraße stünde bereits der Ort für die Tagesklinik fest, und auch ein Oberarzt sei bereits gefunden, so Felbel. „Wir warten derzeit nur noch auf die Zusage vom Landeskrankenhausausschuss des Sozialministeriums.“

Auch Susanne ist keine Hildesheimerin, und ihr Heimatort liegt viele Kilometer entfernt von ihrer Klinik. Dennoch hat sie erste Schritte zurück in ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben unternommen, wie sie mit einem zwar verhaltenen, aber optimistischen Lächeln erzählt: „Ich habe wieder Lust auf mein größtes Hobby und habe sogar schon wieder am Training teilgenommen.“ Ihr nächstes Etappenziel ist der regelmäßige Besuch der Schule: „Zwei Tage in der Woche gehe ich bereits wieder zur Schule. Das ist zwar alles noch ein wenig ungewohnt, aber ich denke, ich kann es schaffen.“

Das denkt auch Chefarzt Felbel, und er betont: „Eine Krankheit trägt die Chance in sich, eine deutliche Änderung herbeizuführen. Wichtig ist, dass Menschen handlungsfähig werden oder bleiben und zum Beispiel frühzeitig Hilfen aufsuchen können.“ Ohnehin sei die möglichst frühe Erkennung einer depressiven Erkrankung ein wichtiger Faktor, denn je eher professionelle Hilfe in Anspruch genommen werde, desto größer seien die Erfolgsaussichten, meinen Felbel, Nüsgen und Krause.

Die häufigste auftretende psychische Erkrankung in Deutschland ist die Depression. Frauen sind dabei doppelt so häufig betroffen wie Männer. Auch vor Kindern und Jugendlichen macht diese Krankheit nicht Halt, allerdings ist die Diagnose im Vorschulalter kompliziert. In der Pubertät hingegen kommt es verstärkt zu depressiven Erkrankungen.



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