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Wenn Spinnen Angstattacken auslösen

Die Liste der bekannten und namentlich dokumentierten Phobien ist lang, und selbst Fachleute und Betroffene staunen über einigen dieser Namen, schmunzeln oder schütteln den Kopf. Die Stasiphobie beispielsweise hat weder etwas mit der Wiedervereinigung noch den neuen Bundesländern und auch nicht mit dem ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit zu tun, sondern ist der Begriff für die Angst, aufrecht zu stehen.

veröffentlicht am 23.02.2011 um 16:59 Uhr
aktualisiert am 24.02.2011 um 09:57 Uhr

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Die Liste der bekannten und namentlich dokumentierten Phobien ist lang, und selbst Fachleute und Betroffene staunen über einigen dieser Namen, schmunzeln oder schütteln den Kopf. Die Stasiphobie beispielsweise hat weder etwas mit der Wiedervereinigung noch den neuen Bundesländern und auch nicht mit dem ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit zu tun, sondern ist der Begriff für die Angst, aufrecht zu stehen. Zu einer unmittelbaren Begegnung mit der Angst kommt es für einen Menschen, der Angst vor langen Wörtern hat, wenn er nach dem Fachbegriff gefragt wird: Hippopotomonstrosesquippedaliophobie. Was jedoch für Außenstehende und Nichtbetroffene wie ein übler Scherz wirken mag, ist für einen Phobiker bittere Realität. Allen Phobien gemeinsam sind jedoch die Symptome: Herzrasen, Mundtrockenheit, Schweißausbrüche, Atemnot, Beklemmungsgefühle in der Brust, Magengrummeln, Schwindelgefühl und die Angst zu sterben.

Vor rund vier Jahren begann für Hergen Preback (Name von der Redaktion geändert) ein neuer Lebensabschnitt. Während einer medizinischen Behandlung kam es zu einer unerwarteten Situation. „Mein Körper reagierte quasi paradox auf die Behandlung“, erinnert er sich. Dieses Ereignis löste etwas in ihm aus, das er damals noch nicht benennen konnte, heute aber weiß er: „Ich leide an Agoraphobie und Klaustrophobie.“ Besonders Drehtüren seien für ihn fortan eine unüberwindbare Hürde gewesen, aber auch das Auto hätte er nicht mehr wie gewohnt nutzen können. „Auf der Fahrt zu Verwandten bekam ich auf der Autobahn plötzlich einen ganz trockenen Mund, mir wurde heiß und mein Herz begann, wie verrückt zu pochen.“ Einmal sei er sogar am Steuer zusammengebrochen. Seine neben ihm sitzende Frau hätte das Lenkrad ergriffen und den Wagen auf den Seitenstreifen bugsiert.

Lange Zeit schrieb Preback die Ursachen für diese „Anfälle“ seinem Kreislauf zu, ließ sich von mehreren Ärzten komplett untersuchen. „Aber ich bekam immer wieder die gleiche Auskunft: Mein Körper ist nicht das Problem. Man riet mir, einen Neurologen zu konsultieren.“ Als er wieder einmal im Auto einen solchen Angstanfall hatte, das Fahrzeug mitten auf einer Kreuzung verließ und sich an den Straßenrand setzte, andere Verkehrsteilnehmer sich um ihn und sein Auto kümmerten, da fasste er kurze Zeit später den Entschluss, sich in psychologische Behandlung zu begeben.

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Ein Blick aus luftiger Stahlkonstruktion massive Höhenangst auslösen. Foto: Dana

Axel Mathony – in Hameln praktizierender tiefenpsychologischer Psychotherapeut – begleitet Preback nach dessen stationärer Behandlung in einer Spezialklinik. „Zunächst muss man erst einmal unterscheiden, ob es sich um eine sogenannte isolierte Phobie oder eine Phobie in Kombination mit einer anderen zugrunde liegenden Störung handelt,“ so Mathony. Eher seltener seien die isolierten Phobien. Darüber hinaus kombinieren sich auch bisweilen mehrere Phobien in einem Beschwerdebild.

„Bei den isolierten Phobien kann in der Regel über eine Verhaltenstherapie in relativ kurzer Zeit eine Behandlung zu messbaren Ergebnissen führen. Bei den Phobien, denen eine andere Störung zugrunde liegt hingegen, ist die Therapie längerfristig anzulegen.“ Nicht selten nämlich seien die Ursachen für eine phobische Störung in der Kindheit der Betroffenen zu finden, fügt Mathony hinzu. Bei diesen kombinierten Beschwerdebildern greifen vor allem tiefenpsychologische Therapien. Der Hamelner psychologische Psychotherapeut Dr. Michael Heilemann ergänzt: „Aus psychologischer Sicht lässt sich eine Phobie in drei Kategorien unterteilen, nämlich: Ursache, Äußerung und Behandlung.“ Jeder Mensch habe ein Kontrollbedürfnis über sein Leben. Heilemann vergleicht diese Kontrolle mit einer Stellschraube. „Wenn du aber nun an dieser Schraube drehst, und es tut sich nichts, dann führt das zunächst zu Verunsicherung. Passiert das häufiger, dann wird aus dieser Verunsicherung eine Ängstlichkeit oder eine Angstbereitschaft und auf Dauer eben Angst.“ Die Wahl, an welcher Phobie ein Betroffener leidet, habe er aber nicht. Diese Wahl sei, so Heilemann, ein unbewusster und ein eher zufälliger Prozess.

Als Verhaltenstherapeut hat Heilemann auch Erfahrung in der Behandlung mit isolierten Phobien: „Über eine punktuelle Therapieform, die sogenannte systematische Desensibilisierung, versucht der Patient, sich seiner Angst zu stellen, sie anzunehmen und sie im Ergebnis zu beherrschen.“ Am Beispiel der Arachnophobie, der Angst vor Spinnen, erklärt der Fachmann: „Der Patient wird gebeten, zehn Situationen und Begegnungen mit einer Spinne zu nennen und sie nach Angstpotenzial zu sortieren.“ Zum Beispiel würde ein solcher Patient das Krabbeln einer Spinne auf seinem Gesicht als die Situation nennen, die ihm am meisten Angst einflößt. An zweiter Stelle rangierte dann das Streicheln einer Spinne, und so weiter bis zum letzten Punkt der Liste, der zum Beispiel das Betreten eines Kellers sein könnte. Heilemann: „Wir versuchen dann gemeinsam mit dem Patienten die Liste von unten nach oben abzuarbeiten.“ Für den Betroffenen bestünde so die Möglichkeit, in Begleitung eines Fachmanns positive Erfahrungen in konkreten Angstsituationen zu machen und damit alltägliche Situationen, wie beispielsweise den Gang in den Keller, wieder erledigen zu können. Wichtig aber sei im Vorfeld, dass der Patient Entspannungstechniken beherrsche, bevor mit der systematischen Desensibilisierung begonnen werden könne.

Hergen Preback fährt zwischenzeitlich auch wieder Auto, hat mit Mathony, wie er selbst sagt, intensiv an sich gearbeitet und bekommt ein Medikament. Vor einiger Zeit aber kam es zu einem Rückfall und die Erkenntnis: „Ich bin trotz Pille und intensiver Arbeit an mir selbst vor einem Angstanfall nicht geschützt“, traf ihn wie der Blitz. Zwar gelang es ihm relativ schnell, Herr der Lage zu werden, dennoch grübelt er seitdem, woher denn plötzlich diese Angst kommt. Mit seiner Familie und später auch mit seinem Therapeuten kam er dem Grund schließlich auf die Spur. „Ich hatte rund ein Dutzend Freunde aus Norddeutschland zu einem gemeinsamen Essen eingeladen. Als ich am Tag des Dinners vom Einkauf nach Hause kam, berichtete meine Frau mir, dass alle abgesagt hätten, weil ein Freund aus Hamburg krank geworden sei.“ Enttäuscht sei er gewesen, maßlos enttäuscht, vor allem darüber, dass die ganze Truppe abgesagt hätte, „nur“ weil einer von ihnen krank war. Und plötzlich keimte eine „hässliche“ Fantasie in Preback: „Der kranke Freund ist eingefleischter St.-Pauli-Fan. Just an diesem Tag fand das Hamburger Fußballbundesliga-Derby zwischen dem HSV und St. Pauli statt. Ich sah meinen Freund bequem auf der Couch vor seinem riesigen Fernseher liegend das Fußballspiel genießen.“ Preback sprach seine Fantasie aber nicht aus, sondern trug sie lange Zeit mit sich herum. Heute meint er: „Wenn ich damals sofort den Freund angerufen hätte und ihn darauf angesprochen hätte, dann hätte ich mir vermutlich einen Angstanfall ersparen können.“ Diesen Anruf holte er später nach.

Experte Mathony aus tiefenpsychologischer Sicht: „Alle Phobien sind in unterschiedlicher Ausprägung Projektionen nach außen getragener, unbewusster innerer Konflikte.“ Da es sich bei Ängsten um eine vegetative Reaktion des Körpers handelt, für die im Gehirn das limbische System zuständig sei, gäbe es für den Menschen in der Regel nicht die Möglichkeit, alleine über den Verstand in solchen Angstsituationen Herr der Lage zu werden. Mit psychologischer Hilfe und individuellen therapeutischen Werkzeugen könnten Patienten lernen, ihre Ängste abzubauen oder sie zumindest soweit zu beherrschen, dass sie keine Einbußen bei der Lebensqualität hinnehmen müssten, so Mathony. Wenn Preback heute zurückdenkt, dann hadert er ein wenig mit der langen Zeit, die er hat verstreichen lassen, bis er sich seiner Krankheit gestellt hat. „Der Leidensdruck war schon ziemlich groß, aber trotzdem habe ich nicht akzeptieren wollen, dass ich ein psychisches Problem habe.“

Die Experten wissen: Häufig werden Betroffene und ihr Verhalten durch das soziale Umfeld lange Zeit aufgefangen. Relativ schnell hingegen konsultierten Menschen mit einer phobischen Störung einen Fachmann, wenn die Angst zum Beispiel konkrete Auswirkungen auf den Beruf hat. Eine Architektin mit Höhenangst oder ein Taxifahrer mit Fahrangst sind solche Beispiele. Mathony: „Das Allerwichtigste aber ist: Der Patient muss bereit sein, sich seinen Ängsten zu stellen und an ihnen zu arbeiten.“ Ohne diese Voraussetzung sei eine Behandlung nicht möglich.

Ein für den Menschen überlebenswichtiger Affekt ist die Angst. Häufig bekommen wir in Situationen Angst, die uns unbekannt sind oder die uns überfordern. Der Körper reagiert in der Regel intuitiv mit Flucht oder Angriff. Für die Menschen hingegen, die an einer phobischen Störung leiden, ist die Angst alles andere als positiv, denn häufig beeinträchtigen diese Phobien den Alltag massiv.



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