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Wenn professionelle Pflege notwendig wird

Wenn ein älterer Mensch ganz plötzlich pflegebedürftig wird, dann trifft das den betroffenen Senior und seine Familie oftmals wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Dabei sind die Ursachen für eine Pflegebedürftigkeit ganz unterschiedlich: Ein Sturz, ein Schlaganfall, aber auch eine schubweise Verschlechterung des gesundheitlichen Allgemeinzustandes. Gefragt ist in diesen Situationen dann der Rat der Experten.

veröffentlicht am 09.05.2011 um 16:38 Uhr
aktualisiert am 09.05.2011 um 17:23 Uhr

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Für Annelies Fischer, Pflegedienstleiterin des ambulanten Pflegedienstes der Hamelner Paritäten, gehören solche Beratungsgespräche zu ihrem Arbeitsalltag. Sie stellt fest: „In der Regel suchen die Menschen in dieser Situation vor allem Rat in formalen Angelegenheiten.“ Zwar werde bei einigen betroffenen Familien bereits bei den ersten Gesprächen deutlich, dass sie sich auf eine Pflegebedürftigkeit vorbereitet hätten, jedoch sei das eine Minderheit. „Meistens sind die Pflegebedürftigen und ihre Familien mit der Situation überfordert. Sie wissen einfach nicht, was sie machen sollen oder müssen. Das zumindest ist ein Satz, den ich im ersten Beratungsgespräch immer wieder höre.“ Klar indes äußerten sich nahezu alle Ratsuchenden über die Art der Unterstützung: „Bloß nicht ins Heim.“

Diese Erfahrung macht auch Waltraud Meier. Sie ist Pflegedienstleiterin der Hessisch Oldendorfer Sozialstation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Zeitgleich aber wachse auch eine neue, aufgeklärtere und vor allem selbstbestimmende Generation von Senioren heran, meint sie, und sagt: „Unabhängig davon, ob ein pflegebedürftiger Mensch allein, mit dem Ehepartner oder den Kindern, oder beiden zusammenlebt, erfahre ich in den zahlreichen Beratungsgesprächen immer wieder eines: In der Regel stellen die betroffenen Senioren sehr dezidiert fest, dass sie auf keinen Fall in eine Alten-Einrichtung möchten.“ Klar sei, dass ein pflegebedürftiger Mensch, dessen Alltag von einem aktiven Familienleben geprägt ist, in seinem sozialen Umfeld verbleiben möchte; aber auch die zahlreichen alleinstehenden Senioren zögen selbst dann den Verbleib in den eigenen vier Wänden vor, wenn der Unterstützungsbedarf groß sei.

Margarete Merfort ist seit sieben Jahren nach der zweiten Operation an ihrem Rücken dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen. Gemeinsam mit ihrem Mann Hubert lebt sie nur unweit von der Hessisch Oldendorfer DRK-Sozialstation im eigenen Haus. Margarete Merfort: „Ich möchte auf keinen Fall in ein Pflegeheim, lieber möchte ich hier gemeinsam mit meinem Mann leben.“ Noch während seine Frau damals im Krankenhaus lag, wandte sich Hubert Merfort an das DRK. „Auch für mich war sofort klar, dass ich meine Frau hier zu Hause pflegen werde; aber dass ich das nicht alleine kann, war mir ebenso klar. Also habe ich mich um Unterstützung bemüht.“

Heute ist im Alltag der Merforts vieles auf die Pflegebedürftigkeit der 79-jährigen Rentnerin abgestimmt. Aber das war nicht immer so, wie ihr ein Jahr jüngerer Ehemann erzählt: „Ich musste hier im Haus natürlich einiges umbauen.“ Im Badezimmer sei ein Tiefablauf eingebaut worden, damit seine Frau die Dusche benutzen kann, einige Türen und Wände hätten herausgebrochen werden müssen, und dort, wo früher Treppen waren, seien nun Rampen angebracht worden. Der Geschäftsführer der Hamelner Paritäten, Norbert Raabe: „Viele Betroffene wissen gar nicht, dass auch für Umbaumaßnahmen, die durch die Pflegebedürftigkeit eines Menschen entstehen, Zuschüsse gezahlt werden.“ „Das hat natürlich nicht gereicht“, insistiert Hubert Merfort und betont: „Lieber investiere ich meine Rente in unser gemeinsames Leben, das wir noch haben, als dass ich das Geld auf dem Sparbuch lasse und einmal vererbe.“

Rund zwei Drittel aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause von Angehörigen und ambulanten Pflegediensten betreut. Für die überwiegende Mehrzahl dieser häuslich betreuten Menschen gilt die Pflegestufe 1. Von den rund 100 Hamelner Kunden der Paritäten befinden sich lediglich fünf Prozent in Pflegestufe 3, und bei den rund 130 Kunden der Hessisch Oldendorfer DRK-Sozialstation sind es mit rund zehn Prozent ebenfalls die wenigsten.

Für Margarete Merfort wurde 2004 die Pflegestufe 1 festgestellt und wenige Wochen später bereits die Pflegestufe 2. Das Auto haben die Merforts so umbauen lassen, dass sie weiterhin mobil bleiben: „Ich fahre so gerne raus in den Wald und gehe mit meinem Mann in der Sonne spazieren“, sagt die Rentnerin. Ihre Bezugspflegekraft, die stellvertretende Pflegedienstleiterin Urszula Kampa, kommt zweimal am Tag und versorgt die Kundin. Keineswegs vermittele die „Schwester“ den Eindruck, dass sie unter Zeitdruck stünde, stellen die Merforts fest. Im Gegenteil: „Och, wir nehmen uns immer Zeit für einen Kaffee und einen Plausch“, erklärt Hubert Merfort.

Auch DRK-Pflegedienstleiterin Waltraud Meier reagiert empfindlich auf die Vorbehalte, ambulante Pflege werde im Minutentakt geleistet. „Richtig ist, dass Leistungen nach einem Leistungskatalog vergütet werden, der auch ein Zeitkontingent berücksichtigt. Unsere Mitarbeiter vor Ort pflegen die Menschen aber nicht mit der Stoppuhr, sondern entsprechend den Bedürfnissen.“ Wenn die Versorgung eines Pflegebedürftigen mehr Zeit in Anspruch nehme als kalkuliert, dann nähmen sich die Pflegekräfte selbstverständlich auch diese Zeit, so die Pflegedienstleieterin.

Für Stephan Nielsen, den Fachbereichsleiter für die ambulante und teilstationäre Pflege des DRK-Kreisverbandes, steht indes fest, dass sich das Pflegesystem angesichts des demografischen Wandels in naher Zukunft ändern wird: „Noch warten wir auf die ersten Ergebnisse der Pflegereform 2011, aber klar ist, dass angesichts des immer stärker werdenden Zulaufs auf die professionellen Pflegeangebote eine bessere finanzielle Ausstattung der Pflegesysteme notwendig ist.“ Zudem sieht der diplomierte Pflegewirt ein enormes Potenzial in alternativen Pflegeformen, wie zum Beispiel in der Tagespflege. „Außerdem könnten sich Senioren-Wohngemeinschaften als ein veritables Zusatzangebot zur klassischen ambulanten Pflege in den nächsten Jahren etablieren.“

Mit der neuen, selbstbewussteren Generation an Senioren, die laut Waltraud Meier derzeit heranwachse, bestünde auch die Chance, dass das Ansehen der Altenpflege insgesamt steige. Das zumindest hofft auch Stephan Nielsen, der in diesem Zusammenhang auf das europäische Ausland, insbesondere Skandinavien verweist, wo die Pflege älterer Menschen ein hohes Ansehen genießt.

Die Zahl derer, die persönlich von Pflegebedürftigkeit betroffen seien, oder in deren Verwandtschaft, Nachbarschaft oder Freundeskreis ein Pflegebedürftiger lebe, nehme unaufhörlich zu, stellt Norbert Raabe fest, und deswegen setzt er seine Hoffnung vor allem auf ein zunehmendes Bewusstsein in der Gesellschaft insgesamt: „Im Gegensatz zu vielen anderen Lebensabschnitten wird die Pflegebedürftigkeit häufig nur unzureichend und sehr spät ins Kalkül gezogen. Wichtig wäre, dass sich ältere Menschen schon vor einer akuten Pflegebedürftigkeit informieren, bei ambulanten Pflegediensten nachfragen und Einrichtungen ganz unverbindlich in Augenschein nehmen.“

Die Merforts haben für sich einen Weg gefunden, auch mit der Pflegebedürftigkeit der Frau ein würdevolles Leben Zuhause zu führen. „Wir haben sogar schon einmal ausprobiert, uns das Mittagessen regelmäßig liefern zu lassen, aber davon haben wir wieder Abstand genommen“, erklärt Hubert Merfort. Heute kaufe er die Zutaten für das Mittagessen ein, stelle Töpfe, Pfannen und Messer bereit, und dann bereite seine Frau das Essen zu. Jederzeit könne er beim Pflegedienst anrufen und dort zusätzliche Leistungen einkaufen, wenn er sie benötigt. Deswegen schwankten die monatlichen Kosten: „In einigen Monaten bekomme ich einige Euro zurück, in wieder anderen Monaten muss ich einige Euro zuzahlen. So oder so: Jeden Cent, den wir in unser gemeinsames Leben investieren, ist er uns wert.“

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Und die Altenpflege ist vom demografischen Wandel gleich doppelt betroffen: Auf der einen Seite herrscht Fachkräftemangel, auf der anderen Seite kommen immer mehr Menschen ins pflegebedürftige Alter. Wie erleben die Pflegebedürftigen, deren Angehörige, das Pflegepersonal sowie Führungskräfte den Alltag, in dem immer häufiger vom drohenden „Pflegenotstand“ die Rede ist? Heute veröffentlichen wir den ersten Teil unserer Hintergrund-Serie zum Thema „Leben im Alter“.



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