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Wenn Opas Wumme auf dem Dachboden liegt

Noch bis zum 31. Dezember haben Bürger die Gelegenheit, Waffen straffrei abzugeben, für die sie keine Genehmigung haben. Dann läuft die Amnestieregelung aus, die Ende Mai eingeführt wurde. Anlass für die Straffreiheit bei illegalem Waffenbesitz war der Amoklauf des 17-jährigen Tim K. in Winnenden, bei dem 15 Menschen ihr Leben verloren. Die Amnestie soll bewirken, dass sich die Zahl der (illegalen) Waffen in Deutschland verringert, sodass diese nicht mehr in falsche Hände gelangen können. Wer nach Ablauf dieses Jahres noch eine genehmigungspflichtige Waffe besitzt, ohne eine Waffenbesitzkarte zu haben und die vorgeschriebenen Sicherheitsrichtlinien einzuhalten, wird ohne Ausnahme strafrechtlich verfolgt.

veröffentlicht am 18.12.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 08.01.2010 um 18:40 Uhr

Polizeioberkommissar Wilfred Fuchs, zuständiger Sachbearbeiter i

Autor:

Jessica Janson

Viele Schaumburger haben die Ausnahmeregelung bisher schon genutzt. In Rinteln wurden seit Beginn der Aktion 65 Waffen abgegeben, bei der Polizei Bückeburg, zu der auch die Gebiete Bad Eilsen, Obernkirchen und Nienstädt zählen, 113 Stück und in Stadthagen waren es 64 Stück. Dabei handelte es sich vor allem um Langwaffen, zu denen zum Beispiel die Gewehre zählen, aber auch Kurzwaffen wie Pistolen und Revolver waren darunter. Im gesamten Bezirk der Polizeiinspektion Schaumburg/Nienburg konnten die Behörden bisher über 700 Waffen in Empfang nehmen.

Allerdings handelte es sich nicht in allen Fällen um wirklich illegalen Waffenbesitz. Die Gründe waren vielmehr außerordentlich vielfältig. „Viele der Waffen stammen aus Erbschaften und verstaubten in den letzten Jahren auf dem Dachboden“, weiß Klaus Diebitz von der Rintelner Stadtverwaltung. Denn gerade für geerbte Waffen haben die neuen Besitzer oft keine Verwendung, und so werden sie in vielen Fällen einfach vergessen. Was streng genommen widerrechtlich ist: Denn gesetzlich ist ein Erbe verpflichtet, innerhalb von vier Wochen nach Antreten des Erbes eine Waffenbesitzkarte zu beantragen.

Für einen anderen Teil der abgegebenen Waffen lag zwar eine Waffenbesitzkarte vor, die Besitzer entschieden sich aber dennoch dazu, sich der Waffen zu entledigen. „Viele sind verunsichert“, erklärt Bernd Tünnermann, Kriminalhauptkommissar bei der Polizei Bückeburg. Durch die aktuelle Diskussion befürchten viele Waffenbesitzer, dass sie zu Hause kontrolliert werden könnten. Denn die Vorschriften zur Aufbewahrung von Schusswaffen sind streng und im Waffengesetz klar definiert: Genehmigungspflichtige Waffen und Munition müssen getrennt voneinander aufbewahrt werden. Für die Waffen ist dabei ein den Sicherheitsnormen entsprechender Waffenschrank zu verwenden. „Allein diese strengen Regelungen haben sicherlich viele Menschen dazu bewegt, ihre Waffen abzugeben“, sagt Tünnermann. Denn die Anschaffung eines solchen Schrankes ist nicht günstig, mindestens 200 Euro muss man einkalkulieren. Doch das ist vielen Menschen einfach zu viel, nur um ein Erb- oder Erinnerungsstück aufzubewahren. „In solchen Fällen werden die Waffen lieber abgegeben, als viel Geld für einen Tresorschrank auszugeben“, weiß auch Gabriela Mielke von der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg. Wer sich aber nicht an die Vorschriften hält, muss mit einem Strafverfahren rechnen. „Bevor der Paragraf 52a in diesem Jahr zum Waffengesetz hinzugefügt wurde, wurde lediglich ein Bußgeld verhängt“, erklärt Mielke.

Insgesamt gibt es in Schaumburg rund 4400 Inhaber von Waffenbesitzkarten, 14 800 Waffen sind legal registriert. Eine Dunkelziffer ist kaum zu ermitteln, und kein Vertreter einer Behörde wollte dazu eine Stellungnahme abgeben.

Zu den Inhabern der Waffenbesitzkarten gehört auch eine Gruppe, die nach dem Amoklauf in Winnenden stark in die Kritik geraten ist – die Sportschützen. Denn der Vater des Amokläufers war Schütze, und er hat sich nicht an die geltenden Vorschriften zur Aufbewahrung von Schusswaffen gehalten. Anstatt die Waffen in einem Waffenschrank zu lagern, versteckte er sie im Schlafzimmer – was seinem Sohn letztlich erst ermöglichte, den geplanten Amoklauf durchzuführen. Am 26. November erhob die Staatsanwaltschaft Stuttgart nun Anklage gegen den Vater von Tim K. Sie wirft ihm fahrlässige Tötung in 15 Fällen vor. Ein Termin für die Verhandlung steht noch nicht fest.

Die heimischen Schützenvereine distanzieren sich jedoch ganz deutlich von dem Verhalten des Winnenders. „Es gibt immer Ausnahmen von der Regel“, räumt Rolf Netzer als Vorsitzender des Bückeburger Schützenvereins ein, allerdings dürfe man nicht von denen auf die Gesamtheit schließen. „Die allermeisten Sportschützen sind diszipliniert und wissen mit ihren Waffen umzugehen“, versichert er. Daher habe er auch keine Einwände gegen die Verschärfung des Waffengesetzes und gegen die Kontrollmöglichkeit durch die Behörden. „Wir verwahren unsere Waffen so, wie es das Gesetz fordert“, sagt er.

Auch Wolfgang Völz, Vorsitzender der Rintelner Bürgerschützen, stellt die Zuverlässigkeit der Sportschützen heraus. „Das Erste, was wir unseren Jugendlichen beibringen, ist Sicherheit im Umgang mit der Waffe“, sagt er. Durch diese Ausbildung wisse jeder Schütze, wie er sich an und mit der Waffe verhalten muss. Hinzu komme, dass nur wenige Mitglieder heimischer Schützenvereine eine eigene Waffe besitzen. „Die meisten nutzen die Vereinswaffen“, sagt Völz. Und die seien in Rinteln sehr sicher untergebracht. „Wir haben einen Tresor von der Sparkasse bekommen, der fest in der Wand verankert ist“, erklärt er.

Doch auch wenn man zu Hause einen vorgeschriebenen Waffenschrank hat, muss man laut Netzer unbedingt auf folgende Punkte achten: „Niemand darf Zugang zu dem Schlüssel haben oder die Kombination des Schlosses kennen“, stellt er klar – und betont: „Auch nicht der Ehepartner oder die Kinder.“

Wer immer noch genehmigungspflichtige Waffen ohne eine Waffenbesitzkarte zu Hause hat oder die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen nicht erfüllen kann, der kann diese Waffen noch bis Ende des Jahres straffrei bei den Polizeikommissariaten abgeben. Sie werden dann gesammelt und nach Hildesheim transportiert, wo sie von Experten demontiert werden.

Doch auch bei der Abgabe der Waffen muss einiges beachtet werden: Wer keine Genehmigung für eine Waffe hat, darf diese auch nicht transportieren. „Schon wer die Waffen zur Polizei bringt, um sie abzugeben, macht sich eigentlich strafbar“, mahnt Netzer. Für diese Fälle bietet die Polizei einen Abholservice an. „Betroffene sollten einfach bei der zuständigen Polizei anrufen und einen Termin zur Abholung vereinbaren“, rät auch Gabriela Mielke von der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg.

Den Kofferraum voller Waffen: In Hildesheim werden die abgegebenen Waffen demontiert.



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