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Mehr als einmal im Jahr Silvester: Aus dem Hobby wurde für Thomas Amelung ein zweites Standbein

Wenn es richtig kracht, fühlt er sich wohl

Coppenbrügge. Nein, zu jenen Lümmeln, die der Lehrerin früher aus hinteren Bankreihen mit der Zwille zündelnde Knallfrösche unter die schwingenden Röcke schossen, gehöre er nicht. Auch nicht zu denen, die später vom Ehrgeiz getrieben als Himmelsstürmer ganz hoch hinaus wollten, sagt Thomas Amelung schmunzelnd. Er entwirrt ein geordnetes Chaos von Kabelknäueln zwischen mächtigen Gasflaschen und schwarzen Boxen (Gasprojektoren) – oben auf dem Toilettenwagen am Rande des Bikercamps in Hamelspringe und neben verstreuten Minizelten hinter sorgfältig aufgereihten heißen Öfen von kernig coolen Typen an der Bierzelttheke. Ganz besonders wohl fühlt sich der 46-Jährige heute, wenn er es um sich herum herzhaft krachen lässt und dabei leuchtende Bilder bis in 90 und 300 Meter Höhe an den Nachthimmel schießt, deren filigrane Mächtigkeit jedermann mit Kopf im Nacken die Luft anhalten und einfach nur staunen lässt: Feuerwerke faszinieren die Menschheit seit Jahrhunderten. Und der Coppenbrügger ist da alles andere als eine Ausnahme. Seit seiner Kindheit genießt er die Magie der Explosionen am nächtlichen Firmament – Silberkometen, Funkenregen, Rauchwolken, Schwefelgestank, römische Lichter, rot aufblühende Chrysanthemen, goldenen Glitzerflitter wie Sternenstaub… „Ich war wohl höchstens fünf Jahre alt“, überlegt er, „als ich das erste Mal mit den Eltern in Bodenwerder war“. Und seitdem habe er wohl kaum ein Lichterfest an der Weser versäumt. „Es war einfach immer nur schön“, sagt er, beließ es bald nicht nur bei passivem Genuss, sondern wurde zum leidenschaftlich und künstlerisch kreativen Hobbyzündler, der Silvester gern öfter im Jahr hätte. Und dabei wäre es möglicherweise auch geblieben, wenn nicht der Jahrhundertwechsel dazwischen gekommen wäre und mit ihm der erste mit einem Freund richtig geplante Ablauf eines Feuerwerkes zum Start in das neue Jahrtausend. „Da merkte ich, es geht viel mehr!“ Und von da ab war „Silvester“ öfter und es ging himmelwärts immer höher hinaus: „Das Hobby wurde zum zweiten Standbein.“

veröffentlicht am 21.09.2010 um 19:00 Uhr

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50 Kilogramm Sprengstoff, Schwarzpulver sowie Kupfer, Eisen, Zink und andere farbgebende Metalloxide, wird der staatlich anerkannte Pyrotechniker mit dreijähriger Ausbildung in dieser Nacht in den Himmel schicken. Zwischen der „Ouvertüre“, den Flammen aus den Glasbrennern vom Wellblechdach, über lodernde Vulkane, „Golden Rain“, Römische Lichter und knatternde „Krisselsachen“ wie den „Crackling-Co“-Feuertopf bis zum himmelüberspannenden Finale der abschließenden Megabombe vom Anhänger in 50 Meter Entfernung auf dem Feld werden haargenau 5 Minuten und 18 Sekunden vergehen. Was da in Minuten am Nachthimmel verpufft, ist das Ergebnis stundenlanger Arbeit. Vorbereitung und Aufbau im Gelände sind nur ein kleiner Teil davon: Da werden Feuerwerksbomben in Abschussrohre aus Glasfaser, Mörser genannt, gestopft, kiloschwere Sprengstoffpakete auf Abschussposition geschleppt und Raketen an Abschussstangen befestigt. Dann sind Haupt- und kurze Nebenlunten zu legen. Sechs Stunden Vorbereitung auf dem Feld hat der Coppenbrügger einkalkuliert. Der größte und wichtigste Teil der pyrotechnischen Vorarbeit dagegen war in der Woche davor Hausarbeit am Rechner. 16 Stunden brauchte Amelung für die Entwicklung des genauen Ablaufplanes in Sekundenschritten. „Weil es ja nur ein kleines Feuerwerk ist“, sagt er. Für einen Großauftrag in Schwöbber seien 300 Rechnerstunden für 18 Minuten Feuerwerk keine schlechte Zeit gewesen. Hauptberuflich ist Amelung bei der Volkshochschule Fachbereichsleiter für Fortbildungen, Umschulungen, Erstausbildung. Die eigene nebenberufliche Zusatzschulung aus Leidenschaft in Sachen elektronisch entwickelten und elektrisch gezündeten Feuerwerks war für den Informatiker willkommene Herausforderung und rannte gleichermaßen offene Türen ein. Die Problematik feuchter Streichholzschachteln vermisst der Informatiker als letzter. Bei elektronischen Zündsystemen mit elektrischen Zündern, Kabelverbindungen und Mehrkanal-Zündmodulen sowie Fernbedienung aus komfortabler Betrachterposition fühlt er sich heimisch. Funksender werden direkt an das Notebook angeschlossen, übertragen die Zündsequenzen codiert an Zündmodule, die die Codes auswerten und abarbeiten. „Das Rennen von Abschussrampe zu Abschussrampe, durchaus nicht ohne Anspruch an sportliche Fitness, ist passé.“ Der Pyrotechniker darf Bauchansatz haben. Vorbei auch längst der Kampf von Streichholz gegen Wind, von Feuerwerkskörper gegen Regen. Moderne Verpackungs- und Pyrotechnik pfeifen mit wasserdichtem Kunststoff und Hightech auf Wetterunbilden. „Im Gegenteil!“ Amelung schraubt Sprengstoffpakete auf Holzpodesten fest. „Jedes Wetter ist willkommen. Ob klare und windstille Nacht oder Gewitter – hatten wir alles schon –, und jede Wetterlage schafft eine ganz eigene Stimmung.“ Ebenso wie die musikalische Untermalung, auf die Amelung ungern verzichtet. Und da sei nichts unmöglich: für die Hamelspringer Biker ein harter Rock, romantische Klassik beim Hochzeitsfeuerwerk… Die Kombination von Informationstechnik, Chemie, dazu künstlerische Kreativität und Ästhetik hat bei dem hauptberuflichen Informatiker über die Jahre immer mehr ein Zuhause gefunden.

Klar, dass Silvesterfeiern in und mit der Familie Amelung schon immer echte Knüller waren. Und dass ihr Mann – ansonsten eher ausgeglichen und ruhig – in Sachen Feuerwerk abgeht wie die sprichwörtliche Rakete, ist für Ehefrau Heike kein Problem. Das künstlerisch Kreative, sagt sie, sei bei beiden gut aufgehoben. Und wenn Thomas am Rechner einen neuen Ablaufplan entwickelt, sind Heikes Tipps willkommen. Während er von den Feldern seine Kompositionen an den Himmel schießt, greift sie im Maleratelier zum Pinsel und bringt ihre Kunstwerke auf die Leinwand.

Herzstück ist die Zündanlage. Rechts: 50 Kilogramm Sprengstoff werden in sechs Stunden positioniert, verkabelt und scharf geschaltet.

3 Bilder
Für fünf Minuten Feuerwerk sind aufwendige Vorbereitungen nötig. Fotos: ist


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