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500 Jahre Prior- und Pfarrhaus im Kloster Falkenhagen

Wenn diese Balken erzählen könnten …

Das Leben mit all seinen Schattierungen würde zutage treten, wenn diese Balken reden könnten.

veröffentlicht am 30.05.2009 um 06:00 Uhr

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500 Jahre stützen und tragen Balken das Fachwerkhaus, das als zusätzliches „Schlafhaus“ (Dormitorium) an das Kloster angebaut wurde. Wenn diese Balken reden könnten, würden wir uns wundern, denn sie erzählten von Festfreude und herzlichem Lachen genauso wie von Tränen und mitleidender Trauer. Das Leben in den Klostermauern verlief zwar nach anderen Regeln als der Alltag der Menschen draußen und nach einem Tagesrhythmus, der sich an Gebetszeiten orientierte, eine Gewohnheit, die in den umliegenden Dörfern nicht selbstverständlich war. Aber die Empfindungen, Gefühle und menschlichen Regungen waren bei den Mönchen die gleichen wie bei den Menschen im Dorf. Vielleicht ist ein Kloster wie ein kleines Dorf nur enger, intensiver und unmittelbarer, weil man sich immer begegnet, zusammen arbeitet und lebt. Freuden, Sorgen, Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit und nach Liebe kannten sie genauso wie die Mitmenschen außerhalb der Mauern. Gestern saß ich mit dem Küster der Kirchengemeinde im Klosterhof auf einer Bank und wir aßen in der Mittagshitze ein Eis – was nicht häufig geschieht. Er sagte unvermittelt: „Dieser Ort strahlt Ruhe aus, er ist wie eine Oase – hier kann ich gut arbeiten und tue es gerne.“ Vielleicht hat vor 500 Jahren ein Mönch etwas ähnliches zu einem Freund oder Bruder gesagt. Der Lärm der Straße ist da, und im Sommer fahren hier am Wochenende weit über 1000 Motorräder am Tag vorbei. Und doch und gerade dann lädt das Kloster zur Stille ein, ist ein Rückzugsort für die Seele und kann dazu helfen, etwas abseits der Straße zur Ruhe zu kommen. An solchen Orten gelingt es eher, über sich nachzudenken, zu Suchen und zu finden. Den tiefen Fragen meines Lebens kann ich mich nur in der Stille und in einem Raum der Geborgenheit nähern. Darum haben die Mönche diesen Ort geschaffen. Sie haben sich selbst gefunden, Erfahrungen mit Gott gemacht und Gemeinschaft gelebt. Wenn diese Balken reden könnten, würden sie ebenso wie das Fragen, Klagen und Seufzen der Mönche ihr Lachen, Feiern, Scherzen und ihre Fröhlichkeit wiedergeben. Sie haben ausgelassen und konzentriert gelebt, etwas, was sich bis heute erhalten hat, wenn wir an die Menschen denken, die nach 500 Jahren hier zusammenkommen: Die kleinen Kinder der Krabbelgruppe bis zu den reifer gewordenen Erwachsenen beim Gemeindenachmittag. Damals wie heute erleben Menschen in diesem Haus und zwischen diesen alten Balken das wahre Leben. Mit Gesang und Tanz, voller Freude und unter Tränen, ausgelassen und konzentriert, suchen wir nach unserem wahren Leben, nach Gott und nach Formen gemeinsamen Lebens. Ich wünsche diesem Haus, dass der Gott, der das Leben will, seine Menschen unter diesen alten Balken segnet, zur Stille und zum Leben führt.

Matthias Grundmann, Pastor Zeittafel des Klosters Falkenhagen:

1231Erwähnung je einer Kirche in Borchagen und Falkenhagen.

1246besteht in Borchagen ein Nonnenkloster. Standort bislang unbekannt.

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1247wird das Kloster Borchagen aufgehoben und von Graf Volkwin IV.von Schwalenberg in Falkenhagen als Zisterzienserinnenkonvent neu gegründet.

1361beginnende Verarmung des Klosters durch Wüstungsvorgänge.

1407in der Eversteinschen Fehde Zerstörung des Klosters durch braunschweigische Truppen; das Kloster fällt wüst.

1427Wiederaufbauversuch durch Mönche des Wilhelmiten-Ordens.

1432Auszug der Wilhelmiten; Übertragung der Klosterstätte an den Kreuzherren-Orden.

1443Übernahme und beginnender Wiederaufbau des Klosters durch die Kreuzherren.

1447Plünderung des Klosters durch böhmisch-sächsische Truppen in der Soester Fehde.

1479teilweise Vernichtung verschiedener Gebäude durch Feuer.

1484sterben während des Sommers 29 Mönche an der Pest.

1487Weihe des Chores der neuen Klosterkirche.

1497Fertigstellung und Weihe der Klosterkirche.

1509Errichtung des Dormitoriums; ältestes Fachwerkhaus in Lippe.

1518Höhepunkt der Klosterblüte; das Kloster ist wirtschaftlich autark; im Kloster leben 89 Mönche.

1522Beginn der Wiederbesiedlung der wüsten Klosterdörfer. Der Vorgang findet um 1555 seinen Abschluss.

1533Fertigstellung und Weihe der Kreuzgänge

1538Einführung der lippischen Kirchenordnung nach dem lutherischen Bekenntnis.

1541Visitiation des Konvents durch den Reformer Antonius Corvinus; Beginn des Verfalls klösterlicher Zucht.

1555sterben infolge eines Pestumzugs von 6 Konventualen vier; in Sabbenhausen wird die Zehntscheune errichtet.

1596Nach Jahrzehnten des Niedergangs Aufhebung des Klosters und Teilung zugunsten der Grafschaft Lippe und des Fürstbistums Paderborn.

1597Einsetzung eines luth. Predigers in den lippischen Teil.

1603Übernahme des paderbornischen Teils durch die Jesuiten.

1607Einzug der Jesuiten. Wiederaufbau einer kath. Gemeinde.

1627Nach Erscheinen des Heerführers Tilly wird der luth. Prediger vertrieben; die Jesuiten besetzen das gesamte Kloster.

1649Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges werden die Jesuiten in ihren Anteil verwiesen; das ehem. Kloster wird ev.-reformiert.

1675Einsturz des westlichen Klosterflügels, danach auch Abbruch des südlichen Flügels.

1678Umbau des Ostflügels mit Beseitigung des Kreuzgangs.

1695Bau der heutigen kath. Kirche durch die Jesuiten.

1773Verbot des Jesuitenordens. Abzug der Jesuiten aus Falkenhagen. Die gesamte Klosteranlage wird lippisch und der Wirtschaftsbetrieb in eine herrschaftliche Domäne umgewandelt. Die kath. Kirchengemeinde bekommt einen weltlichen Pfarrer.

1929Auflösung der lippischen Domäne; Kauf des ehem. Verwalterhauses (Priorgebäude) durch die kath. Kirchengemeinde und Umwandlung in ein Pfarrhaus.

1984umfassende Renovierung der ev.-ref. Klosteranlage.

2009Prior- und Pfarrhaus feiert 500-jähriges Jubiläum

aus: „750 Jahre Kloster Falkenhagen“ – Festschrift zur 750jährigen Wiederkehr der Klostergründung und zum 500jährigen Jubiläum der Kirchweihe von Willy Gerking.

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