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Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen, brauchen Hilfe – auch in Hameln

Wenn die Seele leidet und das Leben zur Sackgasse wird . . .

Hameln(kar). Als die Kinder groß waren, eigene Wege gingen und schließlich das Zuhause verließen, geriet für Annette S. (Name von der Redaktion geändert) das Leben aus den Fugen: „Mit einem Mal war die Welt in Schräglage: Die Familiensituation war eine andere geworden“, sagt die Hamelnerin. „Vorher war alles in festgefügten Bahnen verlaufen, jetzt wurde eine neue Richtung verlangt.“ Annette S. fühlte sich überfordert und erschöpft, kam mit der Situation und ihrem Leben nicht mehr klar, wurde depressiv.

veröffentlicht am 03.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2009 um 12:45 Uhr

Andreas Stolle ist Facharzt für Psychiatrie in Hameln.  Foto: pa

Autor:

Karin Rohr

 

Sabine W. (Name von der Redaktion geändert) lernte erst durch die langen Gespräche mit ihrem Psychotherapeuten, dass sie die Trennung ihrer Eltern, als sie acht Jahre alt war, nie richtig verkraftet hat: „Scheidungskinder neigen häufiger zu Depressionen“, weiß sie heute. Ihre Traurigkeit war wie eine Mauer zur Außenwelt. In der Firma wurde sie deswegen gemobbt. Sie hielt es nicht mehr aus, verlor ihren Job, wollte Selbstmord begehen. Seit 1996 nimmt sie professionelle Hilfe in Anspruch: „Und da ist noch kein Ende in Sicht“, sagt sie: „Manchmal habe ich Angst, dass ich den Psychiater bis zu meinem Lebensende brauche, und dass man mir meine Depression ansieht.“

Zwei Frauen mit Depressionen, die das Gespräch in einer Selbsthilfegruppe gesucht haben: Hier können sie sich öffnen, über ihre Probleme reden und werden dabei nicht allein gelassen. Eine Betreuerin steht ihnen als Ansprechpartnerin zur Verfügung, greift notfalls ein, wenn die Gefahr besteht, dass sich die Gruppenteilnehmer gegenseitig runterziehen.

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Depressionen – ein Fass ohne Boden. Es gibt so viele Symptome und unterschiedliche Formen, dass sich nichts verallgemeinern und pauschalisieren lässt. Fakt aber ist: „Depressionen nehmen zu“, sagt Andreas Stolle, Facharzt für Psychiatrie, der zusammen mit seinem Kollegen Peter Heiser eine Praxis in Hameln führt. Gewachsen ist vor allem die Gruppe der reaktiv Depressiven, der sogenannten erlebnisreaktiven Depressionen: „Darunter fallen Depressionen, die durch äußere Anstöße ausgelöst werden, die gesellschaftlich bedingt sind“, sagt der Facharzt. Durch den Druck auf dem Arbeitsmarkt zum Beispiel: Die einen bewältigen die Arbeit nicht mehr, die sich zunehmend verdichtet hat. Die anderen reagieren depressiv auf den Verlust ihres Arbeitsplatzes. „Eine großes Klientel in unserer Praxis sind Hartz-IV-Empfänger“, sagt Stolle. Soziale Umstände, private Katastrophen, finanzielle Probleme – das eine zieht oft das andere nach sich: Nach dem Verlust der Arbeit scheitert die Beziehung, das Geld reicht hinten und vorne nicht. Das Leben wird zur Sackgasse. Betroffen sind oft labile Personen, die dünnhäutiger sind als andere: „Sie reagieren sensibler auf belastende Situationen“, sagt Andreas Stolle.

400 bis 500 seelisch Erkrankte betreut der Facharzt für Psychiatrie zurzeit. Nur er und sein Kollege Peter Heiser nehmen in Hameln überhaupt noch neue Patienten auf. Zehn bis zwölf Gespräche führt Stolle pro Tag. Wie lange er einen Patienten begleitet, hängt von der Schwere seiner seelischen Erkrankung ab: In der Mehrheit leiden seine Patienten unter erlebnisreaktiven Depressionen: „Da dauert die Behandlung durchschnittlich ein, zwei, bis zu drei Jahre“, sagt Stolle: „Manchmal reichen auch wenige Gespräche.“ Und einige Patienten sieht er nur alle sechs Wochen.

Zunächst hört der Arzt nur zu, lässt seinen Patienten erzählen: „Es muss alles rauskommen“, sagt Stolle. Beim Zuhören sucht er nach Ansätzen, wie er weiterhelfen kann. Nicht selten gehen Depressionen mit einer Sucht Hand in Hand, werden Alkohol, Tabletten oder Drogen konsumiert. Hier stößt Stolle an Grenzen: „Bei schweren Suchterkrankungen und bei schweren Persönlichkeitsstörungen kann ich nicht mehr helfen. Die Patienten muss ich an die Institutsambulanz weiterleiten“, erklärt der Facharzt für Psychiatrie. Er und sein Kollege behandeln nur „die Spitze des Eisbergs“, sagt Stolle: „Die niedergelassenen Hausärzte und Psychotherapeuten versorgen ganz viele seelisch Erkrankte. Sie leisten die Basisarbeit.“ Auch bei Erschöpfungs-Depressionen. „Mobbing und Arbeitsverdichtung haben deutlich zugenommen“, stellt Stolle fest. Bei den Betroffenen äußere sich das sogenannte Burn-out-Syndrom sowohl in körperlichen als auch in psychischen Symptomen. Je nach der Schwere des Erschöpfungszustandes würden dann Pausen und Rehabilitations-Maßnahmen in psychosomatischen Kliniken verordnet.

Depression ist die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt, dass vier Millionen Deutsche davon betroffen sind und dass gut zehn Millionen Menschen bis zum 65. Lebensjahr eine Depression erlitten haben. Die Zahlen schwanken. Das hängt zum einen mit der hohen Dunkelziffer zusammen – viele Depressionen werden nicht als solche erkannt – und zum anderen mit der Definition der Krankheit. Denn: Die Anzeichen für eine Depression sind so vielfältig und komplex wie das Erkrankungsbild selbst. Sucht man im Internet nach Symptomen, stößt man auf lange Listen: Als Kernsymptome werden Stimmungseinengung (Verlust der Fähigkeit zu Freude oder Trauer; Verlust der affektiven Resonanz, das heißt: der Patient ist durch Zuspruch nicht aufhellbar), Antriebshemmung, zu der auch eine Denkhemmung gehört, innere Unruhe und Schlafstörungen genannt. Diese Schlafstörungen sind Ausdruck eines gestörten 24-Stunden-Rhythmus.

Häufig geht es dem Kranken in den frühen Morgenstunden so schlecht, dass er nicht mehr weiterschlafen kann. Liegt diese Form des gestörten chronobiologischen Rhythmus vor, fühlt sich der Patient am späten Nachmittag und Abend jeweils besser, bis dann einige Stunden nach Mitternacht die depressive Symptomatik in voller Stärke wieder einsetzt.

Weniger beweisend und aus den Kernsymptomen ableitbar sind übertriebene Sorge um die Zukunft, unter Umständen überbetonte Beunruhigung durch Bagatellstörungen im Bereich des eigenen Körpers, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, Minderwertigkeit, Hilflosigkeit sowie soziale Selbstisolation, Selbstentwertung und übersteigerte Schuldgefühle, dazu Müdigkeit, verringerte Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit, das Denken ist verlangsamt, sinnloses Gedankenkreisen (Grübelzwang), dazu Störungen des Zeitempfindens. Häufig bestehen Reizbarkeit und Ängstlichkeit. Negative Gedanken und Eindrücke werden über- und positive Aspekte nicht adäquat bewertet. Das Gefühlsleben ist eingeengt, was zum Verlust des Interesses an der Umwelt führen kann. Auch kann sich das sexuelle Interesse vermindern oder erlöschen. Bei einer schweren depressiven Episode kann der Erkrankte in seinem Antrieb so gehemmt sein, dass er nicht mehr einfachste Tätigkeiten wie Körperpflege, Einkaufen oder Abwaschen verrichten kann. Oft gehen depressive Erkrankungen mit körperlichen Symptomen einher.

Die Vielfältigkeit und Komplexität der Symptome macht die Diagnose so schwierig. „Manchen sieht man die Depression an, aber bei vielen kann man sie nicht unbedingt erkennen. Das geht erst im Gespräch“, sagt Andreas Stolle. Er empfiehlt deshalb immer zunächst den Gang zum Arzt.

„Ärztliche Abklärung“ nennt auch Diana Reichenbach vom Hamelner Verein SeeLe e.V. als ersten, wichtigen Schritt bei Verdacht auf Depression. Und: „Darüber sprechen.“ Das können Betroffene seit April dieses Jahres einmal im Monat in der SeeLe-Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen und deren Angehörige. Diana Reichenbach betreut die Selbsthilfegruppe, sagt: „Zu uns kommen Menschen aus allen Schichten und ganz unterschiedlichen Alters, Frauen und Männer, Berufstätige und Rentner.“ In dem Verein, der vor allem Senioren zur Seite steht, weiß man: Altersdepressionen nehmen bei Frauen und Männern zu. „Aber Männer gehen anders damit um“, sagt Reichenbach. Grundsätzlich sieht sie die Selbsthilfegruppe nur als begleitendes Instrument: „Wir sind keine Therapiegruppe. Wichtig ist, was der Arzt sagt“, stellt die SeeLe-Mitarbeiterin klar. Sie sieht ihre Aufgabe denn auch vorrangig als Ansprechpartnerin für die Gruppe und in der Begleitung der Gespräche, die sie nicht nur strukturiert, sondern in die sie auch notfalls eingreift, wenn negative Strömungen auftreten. Wichtig findet sie, dass in der Gruppe gemeinsam etwas erarbeitet wird, um die Wahrnehmung für andere Dinge zu schärfen. So habe sie zum Beispiel einen Klangfrosch aus der Entspannungstechnik eingesetzt, um Klänge zu erzeugen, die von den Gruppenmitgliedern als angenehm oder unangenehm empfunden wurden. „Darüber wurde dann gesprochen.“ Reichenbach: „Wir schauen, was wem geholfen hat. Und wir haben Fortschritte festgestellt. Aber wir gehen nur den Weg mit, wir therapieren nicht.“

„Ohne Begleitung funktioniert eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen nicht“, sagt Regina Heller von der Kontaktstelle für Selbsthilfe im Paritätischen Hameln-Pyrmont. Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen könne man nicht sich selbst überlassen. „Es muss jemand dabei sein, der Abstand hat“, so Regina Heller, „sonst besteht die Gefahr, dass sich die Gruppenmitglieder gegenseitig runterziehen.“ Deshalb hat der Paritätische die Selbsthilfegruppe für Depressive an den Verein Die Brücke weitergeleitet: „Dort werden seelisch Erkrankte professionell betreut.“ Eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Burn-out-Syndrom aber gibt es beim Paritätischen: „Die Gruppe bekommt von uns das Handwerkszeug an die Hand, um so einen Abend zu strukturieren“, sagt Regina Heller, räumt aber ein, dass die Grenze zwischen Burn-out und Depression oft nur schwer zu ziehen sei.

Depressive Verstimmungen hat dagegen wohl fast jeder Mensch hin und wieder. Als saisonal abhängige, depressive Störungen treten sie vor allem in den Herbst- und Wintermonaten auf und wurden schon in der Antike von Hippokrates und Aretaios beschrieben. Winterdepressionen äußern sich oft in gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit, einem vermehrten Schlafbedürfnis und Heißhunger auf Süßes und Kohlehydrate. Die Ursache: In der lichtarmen Jahreszeit produziert der Körper mehr Melatonin. Melatonin ist ein Hormon, das in der Zirbeldrüse, einem Teil des Zwischenhirns, aus Serotonin produziert wird und den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers steuert. Im Winter, wenn das Tageslicht nur wenige Stunden vorhält, bleibt der Melatoninspiegel auch tagsüber erhöht. Müdigkeit, Schlafstörungen und Winterdepressionen sind die Folge.

Doch dagegen gibt es wirksame Tipps: „Sonne und Licht“, nennt Andreas Stolle als wichtige Waffe gegen die Winterdepression. Beides aber macht sich in der dunklen Jahreszeit rar. Berufstätige verlassen dann meist schon vor Tagesanbruch das Haus und kehren erst nach Einbruch der Dunkelheit heim. Draußen herrscht Schmuddelwetter. Es ist kalt und ungemütlich. Der Himmel ist grau und wolkenverhangen. Kein Wunder, wenn man da trübsinnig wird. Lichttherapie ist dann eine Möglichkeit, den Mangel an Tageslicht auszugleichen. „Sie wurde früher nur bei saisonal bedingter Depression eingesetzt. Heute wissen wir, dass sie mehr hilft als lange angenommen wurde“, sagt Stolle. Als größten Therapiefaktor aber nennt der Facharzt Kontakte. Sein Tipp gegen den „November-Blues“: „Rausgehen, sich einer Gruppe anschließen. Das kann eine Selbsthilfegruppe, ein Sportverein oder eine Kirchengemeinde sein.“ Und: „Bewegung. Körperliche Betätigung stabilisiert auch die Seele.“

Ideal ist eine halbe Stunde täglich. Denn: Durch regelmäßige Bewegung wird der Serotonin-Spiegel im Gehirn erhöht und das führt zu einer Stimmungsaufhellung. Belebende Farben, Düfte und Musik sind weitere wirksame Stimmungsaufheller. Und bei der Ernährung sollte man auf viel Obst und Gemüse achten.

Was gegen Winterdepressionen hilft, wirkt oft auch bei Depressiven, die in ärztlicher Behandlung sind: Sabine W. hat von ihrem Psychotherapeuten den Rat bekommen, sich nicht zu verkriechen, wenn sie die Traurigkeit überfällt: „Ich soll laufen, wenn’s mir schlecht geht, hat mein Arzt gesagt: Das hilft.“ Das macht sie seither: „Und es hilft tatsächlich.“

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