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Das unermüdliche Wirken des Rintelner Professors Piepenbring zum Wohle der Volksgesundheit

Wenn die Aftergeburt nicht fort will

Seine Bücher liegen längst vergessen in staubigen Bibliotheksregalen, aber vieles von dem, was Georg Heinrich Piepenbring vor gut 200 Jahren zu Papier gebracht hat, ist auch heute noch aktuell. Zwar hatte der damalige Professor für Chemie und Pharmazie der Rintelner Ernestina-Universität noch keine Ahnung von Betablockern, Milchsäurebakterien oder Chlorophyllen, dürfte jedoch wesentlich vielseitiger und möglicherweise auch fleißiger als das Gros seiner heutigen Kollegen gewesen sein.

veröffentlicht am 24.09.2011 um 00:00 Uhr

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In einem Anfang des 19. Jahrhunderts erschienenen Literaturverzeichnis sind mehr als 50 von Piepenbring verfasste Bücher, Informationsschriften und Fachbeiträge nachgewiesen. Die Themenpalette reicht von Heillehre und Lebensmittelkunde bis hin zu Hygienetipps und unterhaltsamen Hinweisen zur Haus- und Gartengestaltung.

Als wissenschaftliches Hauptwerk des umtriebigen Professors darf das 1795 erschienene „Teutsche systematische Apothekerbuch ausgewählter Arzneymittel, nach den heutigen Kenntnissen in der Pharmacologie nnd Pharmacie, bearbeitet für angehende Aerzte, Wundärzte und Apotheker“, gelten. Zuvor hatte Piepenbring bereits durch Veröffentlichungen wie „Auserlesene Bereitungsarten pharmaceutisch-chemischer Arzneymittel“ „Auswahl der Arzneymittel für Arme“ und „Lehrbuch der Fundamental-Botanik“ auf sich aufmerksam gemacht.

Eine besondere Vorliebe scheint Piepenbring für die Themen „Gesunde Lebensweise“ und „Ernährung“ gehabt zu haben. Eine ganze Reihe seiner dazu verfassten Thesen und Vorschläge muten aus heutiger Sicht skurril-unterhaltsam an. Das gilt vor allem für den Versuch, vor den verderblichen Folgen des damals stark in Mode gekommenen Kaffee- und Teekonsums zu warnen. In einer 1778 herausgebrachten Schrift „Teutscher Kaffee und Thee, oder die vorzüglichsten Mittel, den ausländischen Kaffee und Thee möglichst zu ersetzen“ stellte er seinen Zeitgenossen mehrere vermeintlich besser schmeckende und vor allem gesündere „Ersatzlösungen“ vor. Populärster und erfolgreichster Beitrag des Professors in Sachen Gesundheitsfürsorge wurde die 1790 aufgelegte Reihe „Oekonomische Nützlichkeiten, Vortheile und Wahrheiten, für Naturkunde, Landwirthschaft und Haushaltungen“ – eine bunte Folge von neuen Forschungserkenntnissen, Verbrauchertipps und kurzweiliger Unterhaltung. Die Leser lernten Seife zu kochen, Johannisbeerwein anzusetzen und den „Flachs zart und weiß, der Seide ähnlich zu machen“. Daneben fanden sich Anmerkungen zum Leben und Treiben der „Maulwürfe, Erdmäuse und Erdkrebse“, den „Schnecken ohne Häuser“ sowie Erfahrungsberichte „Von der Pflege und Wartung der Kühe, wenn sie gekalbet haben, und was zu thun ist, wenn die Aftergeburt nicht fort will“. Grund für das rastlose Wirken Piepenbrings war laut eigener Aussage der Wunsch, die Mitmenschen aufzuklären. „Bekanntlich ist die Gesundheit das edelste Gut des Menschen und das größte Glück der Erden“, so seine Grundüberzeugung. Allerdings könnten sich „nur die wenigsten eines solchen Glücks rühmen“, weil „die mehrsten sich durch Luxus in Lebensart, in Speisen, Sitten und selbst durch Gewerbsarbeiten mancherley körperliche Uebel zuziehen“. Deshalb sei es die vornehmste und wichtigste Aufgabe der Ärzte und Apotheker, solche Auswüchse zu verhindern. „Nichts ist in dieser Welt Antheil nehmender, als die Ungesundheit und das Unglück eines Nebenmenschen!“ Die größte Gefahr ging laut Piepenbring von Müßiggang und ungehemmtem Medikamentenkonsum aus. Für den viel zu lockeren Umgang mit Pillen seien „theils das ungestüme Verlangen vieler aus Einbildung kränklicher Personen, theils die niederträchtige Gefälligkeit der „Medici“ verantwortlich. Der Müßiggang sei Folge des wachsenden Wohlstands und habe eine Art Teufelskreis in Gang gesetzt. „Alsdann findet sich eine Aenderung in Speisen, welche nun viel delicater seyn müssen, eine Aenderung im Gehen, daß man Pferd und Wagen zulegt, da man vorhin zu Fusse hat gehen müssen“. Außerdem trete „eine Aenderung in der Wirthschaft“ ein: „ist man auf dem Lande, so lässet man das mühsame Land-Leben, und ziehet in die Stadt; ist man in der Stadt, so kaufft man ein Land-Guth, und erwehlet das angenehme Land-Leben etc.“

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Neben der eigenen Schriftstellerei betätigte sich Piepenbring auch als Herausgeber. Eine Zeit lang betreute er die Reihe „Archiv für die Pharmacie und ärztliche Naturkunde“.

Über Aussehen, Lebensweise und Auftreten Georg Heinrich Piepenbrings ist wenig bekannt. Einige wenige Daten kann man in einer im „Westphälischen historisch-geographischen Jahrbuch 1806“ abgedruckten Kurzbiografie nachlesen. Danach war er am 5. Januar 1763 in Horsten (heute Ortsteil von Bad Nenndorf) geboren worden. Der Vater war Küster und Dorflehrer. Piepenbring junior wäre gern Pastor geworden, sein Vater aber habe „einen Apotheker aus ihm gemacht“. Als Vierzehnjähriger „wurde er in die (Stadt-) Apotheke zu Rinteln gegeben, wo er jedoch eigentlich nichts lernte, indem er seine Zeit mit Handverkauf, Branntweinschenken, Weinversellen, Scheuren, Waschen, Stoßen, Rechnungenaustragen und dgl. zubringen musste“. Nach sechs Jahren Lehrzeit wechselte Piepenbring in die Dienste des Pyrmonter Hofapothekers Kräger über. „Hier nützte er die Zeit, las, was in sein Fach schlug, übte sich in den notwendigen Nebenwissenschaften, und studierte Tag und Nacht, wie es seine Dienstgeschäfte erlaubten“. So vorbereitet, beschloss der mittlerweile 26-Jährige Medizin zu studieren. Er ging nach Marburg und „hörte Anatomie, Physiologie, Therapie, Geburtshilfe, theoretisch und praktisch, kurz alles, was ihm zu hören möglich war“. 1792 machte er in Erfurt sein Doktorexamen. Danach arbeitete Piepenbring in mehreren Orten als Apotheker, so unter anderem in Bad Meinberg und Karlshafen. 1805 wurde er als Professor der Chemie und Pharmazie an die Philipps-Universität Marburg berufen. Von dort aus wechselte er wenige Monate später an die Alma Ernestina nach Rinteln über, wo er am 6.1.1806, also einen Tag nach seinem 43. Geburtstag, starb.

So wie auf diesem Mitte des 18. Jahrhunderts entstandenen Ölgemälde „Der Apotheker“ des italienischen Malers Pietro Longhi (1702-1785) könnte es auch in den Lehr- und Arbeitsstätten des späteren Professors Piepenbring zugegangen sein.



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