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Wenn der Familienalltag allzu schwer wird

Der Vater ist sehr krank, auch die Mutter ist aus gesundheitlichen Gründen schnell erschöpft. Drei Jahre alt ist das Mädchen, der Junge fünf. Beide bekommen Sprach- und Entwicklungsförderung, für den Vater kommt mehrmals wöchentlich der Pflegedienst ins Haus. „Das ist nicht einfach für eine Familie“, erzählt die 62-jährige Gerda Weiß, die sich ehrenamtlich als Familienpatin engagiert. „Vor allem die Frau war völlig überfordert.“

veröffentlicht am 21.12.2009 um 11:59 Uhr

Sie geben wichtige Hilfe zur Selbsthilfe: Gerda Weiß (v.r.) und

Autor:

Bärbel Zimmermann

Wenn einem das Leben über den Kopf zu wachsen droht, helfen die Familienpaten des Kinderschutzbundes Rinteln: Die Paten gehen in die Familien, spielen mit den Kindern, reden mit den Eltern und sind auch da, um manchmal einfach nur zuzuhören – und um zu verhindern, dass sich eine schwierige Lebenssituation zur Krise ausweitet. Die Familienpaten sind zum Beispiel da für Familien, die neu in der Stadt sind und noch niemanden kennen, für Alleinerziehende, die durch ihren Alltag momentan überlastet sind, aber auch nach der Geburt eines Babys oder bei Familien, die der Alltag mit den Kindern besonders viel Kraft kostet. Ihr Ziel ist es, Eltern zu entlasten und die Kinder zu stärken.

Diese Hilfe kann sehr unterschiedlich aussehen. „Wichtig ist manchmal einfach nur, die Mutter so zu entlasten, dass sie mehr Zeit und innere Ruhe für ihre Kinder hat“, sagt Gerda Weiß, „da fasst man notfalls auch schon mal mit an.“ Seit April unterstützt sie die Familie Meier (Name von der Redaktion geändert) in alltäglichen Dingen. „Es gehört Mut dazu und spricht für verantwortungsvolles Handeln“, lobt Gerda Weiß, „dass die Familie sich rechtzeitig bei uns gemeldet hat. Denn dazu sind wir da, zu helfen, bevor ,nichts mehr geht‘“.

Denn: Sind Eltern überfordert, leiden vor allem die Kinder darunter. Um das zu verhindern, sind die Familienpaten da. Gerda Weiß erzählt: „Im Sommer bin ich mit den Kindern viel nach draußen auf den Spielplatz gegangen. Da konnten sie sich austoben und die Mutter hatte Zeit für andere Dinge. Jetzt im Winter lese ich viel vor.“ Aber sie fasst auch mit an: Die Familie wohnt noch nicht sehr lange im jetzigen Heim, durch die Krankheit des Vaters blieb viel liegen. Da krempelt Gerda Weiß auch schon mal die Ärmel hoch und packt eine Kiste aus oder macht einen Schrank sauber. „Wenn es irgend möglich ist, lasse ich die Kinder dabei helfen“, sagt sie, „die Kleine ist ganz stolz, wenn sie einen Lappen in die Hand bekommt und mitmachen kann.“

Gerda Weiß hatte Glück mit „ihrer“ Familie: Die Kinder haben sie von Anfang an akzeptiert, sie freuen sich auf jeden Besuch der Familienpatin, und von der Seite der Mutter erlebt sie viel Dankbarkeit. „Natürlich ergeben sich auch Gespräche von Frau zu Frau und es werden Ratschläge eingeholt. Das Verhältnis ist inzwischen freundschaftlich“, erzählt sie, „jetzt werden mir sogar schon ab und zu Fotoalben gezeigt oder man nimmt sich mal in den Arm.“

„Das ist nicht immer so“, weiß Inge Huxol, ebenfalls 62 Jahre alt, die seit August eine Familie mit Migrationshintergrund betreut. Schon die sprachliche Barriere bringe Probleme mit sich und man müsse innerhalb der Familie erst einmal „seinen Platz, seine Stelle finden“. Auch die Kinder müssen sich öffnen. „Das kann manchmal ein paar Monate dauern“, weiß die erfahrene Helferin. Drei Kinder hat die von ihr betreute Familie, einen Jungen von sechs Jahren und zwei Mädchen von neun und zehn Jahren. Die Familie lebt schon lange in Deutschland, der Vater ist Handwerker, die beiden Mädchen gehen in die Grundschule, dennoch gibt es sprachliche Probleme. Die Mutter ist traditionell zu Hause, spricht kein deutsch, und der Wortschatz der Kinder ist auf den Bereich „Schule und Kinder“ begrenzt. „So habe ich neulich eine Dreiviertelstunde gebraucht, die Worte ,dichten‘ oder ,komponieren‘ zu erklären, da ist der Wortschatz dieser Kinder eingeschränkt.“

Inzwischen hat sie das Herz „ihrer“ Kinder erobert, auch hier ist die Freude groß, wenn die Familienpatin kommt. „Sie stehen dann schon geschniegelt und gebügelt bereit“, lacht Inge Huxol. Sie hilft bei den Hausaufgaben, aber sie geht auch mit zu Veranstaltungen, so beispielsweise zu einem Konzert, das der Chor der Grundschule auf der Bühne des Weihnachtsmarktes gibt. Beide Mädchen singen dort mit und sind stolz, wenn die „Familienoma“ dabei ist. Der Junge geht noch in den Kindergarten, auch zu ihm hat sie inzwischen ein gutes Verhältnis entwickelt, wenn es auch etwas schwieriger war als bei den Mädchen.

„Es ist eben manchmal eine Gratwanderung“, berichtet Inge Huxol. „Man muss eine andere Glaubensrichtung respektieren und natürlich auch die eigene Kultur solcher Familien. Zwar wünschen sich die Eltern vor allem gute Noten und Erfolg für ihre Kinder, aber die kultureigenen Ansichten stehen dem manchmal entgegen. Man braucht schon viel Einfühlungsvermögen.“ Erste Erfolge hat sie inzwischen erzielt: Die Lehrerin der „Großen“ bemerkt positive Fortschritte, auch ist das Mädchen deutlich selbstsicherer geworden. „Das macht Mut“, freut sie sich. „Und ganz stolz bin ich darauf, dass ich gerade kleine, selbst gebastelte Weihnachtsgeschenke von ihnen bekommen habe, obwohl diese Kinder das Weihnachtsfest gar nicht kennen. Ist das nicht schön?“

Inge Huxol hat lange ehrenamtlich und beruflich mit Kindern gearbeitet und war deshalb schnell begeistert, als sie von dem Familienpaten-Projekt Rinteln erfuhr. „Wenn ich im Rentenalter bin, möchte ich mich noch stärker einbringen“, sagt sie. Gerda Weiß war 17 Jahre lang Tagesmutter und erfuhr durch einen Gemeindebrief von den Familienpaten. Inzwischen betreut sie drei Familien, jeweils einmal in der Woche für zwei bis drei Stunden, aber „bei Bedarf auch schon mal mehr“, wie sie selber es ausdrückt.

Aber wie kommt die „richtige“ Patin, der „richtige“ Pate zu der „richtigen“ Familie? Albrecht Schäffer, Leiter des Familienpaten-Projektes Rinteln, gibt darüber Auskunft: „Wer sich dafür interessiert, Familienpate zu werden, wird zunächst zu einem ausführlichen Gespräch eingeladen. Oft wird dabei schon deutlich, ob die Paten eher mit kleineren oder größeren Kindern zusammen arbeiten möchten oder wo besondere Eignungen liegen. In Schulungen des Kinderschutzbundes als Träger des Projektes werden die Paten dann auf ihr künftiges Amt vorbereitet.“ Aber auch die Familien haben unterschiedliche Vorstellungen von „ihrem“ Paten. Vom der jungen Frau bis zur Ersatzoma kann alles dabei sein. Kein Problem für das Familienpaten-Projekt Rinteln, denn es gibt inzwischen 24 ehrenamtliche Helfer im Alter von 18 bis 69 Jahren.

„Es sind keine extrem schwierigen Familien, die begleitet werden“, betont Albrecht Schäffer, „sondern ganz normale Familien, die durch den Alltag besonderen Belastungen ausgesetzt sind. Das können finanzielle Probleme sein, Krankheit, in vielen Fällen gibt es auch keine Oma mehr, die eine Mutter gelegentlich entlastet. Wir versuchen, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, die Familien in der eigenen Kompetenz zu stärken.“

Der Einsatz liegt weit vor den Aufgaben einer sozialpädagogischen Familienhelferin des Jugendamtes. „Unser Plus ist, dass die Familien sich freiwillig an uns wenden“, erläutert Albrecht Schäffer. „Dadurch wird kein Druck aufgebaut. Gerade die Freiwilligkeit ist eine große Chance für unsere Arbeit.“ Sind auch andere Institutionen wie Frühförderung, Pflegedienst oder eine sozialpädagogische Familienbetreuung vor Ort, ist vor allem eine gute Abstimmung untereinander erforderlich. „Da setzen wir uns auch zusammen und stimmen uns ab, denn jeder hat seinen eigenen Aufgabenbereich in und für die Familie.“

Zum ersten Besuch in der Familie geht Albrecht Schäffer mit. „Der persönliche Draht muss von beiden Seiten passen“, sagt er, „sonst kann keine gute Zusammenarbeit entstehen. Beide Parteien haben die Möglichkeit, abzulehnen, bislang ist das aber noch nicht vorgekommen. Wichtig ist, dass die Familien verantwortlich mit der Zeit ihres Paten umgehen, dass es ein faires Miteinander gibt.“

Allerdings gebe es schon mal „Durchhänger“, räumt Schäffer ein: „Da sagt eine Familie beispielsweise mehrmals einen Termin ab, das verunsichert natürlich den Paten.“ Damit auch die Paten Hilfestellung bekommen, gibt es einmal monatlich ein Treffen aller Ehrenamtlichen, das immer sehr gut besucht ist. Dort können Schwierigkeiten besprochen werden. „Es ist ein Kreis ähnlich Denkender, Gleichgesinnter. Das ist eine moralische Stütze“, sagt Inge Huxol dazu, und Gerda Weiß ergänzt: „Ich empfinde es als schön und hilfreich, diese Gruppe zu haben, aber vor allem in Herrn Schäffer immer einen kompetenten Ansprechpartner zu wissen.“ Mindestens dreimal pro Jahr wird jedem Familienpaten zusätzlich Unterstützung mit einer Supervision angeboten, das ist auf Wunsch auch kurzfristig möglich.

Die Familienpaten unterliegen der Schweigepflicht, die Begleitung ist für die Familie kostenlos. Auskunft für Familien oder interessierte Paten bei Albrecht Schäffer unter (0 57 51) 96 52 18 oder familienpaten-rinteln@gmx.de.



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