weather-image

Wenn das Handy über Satellit Hilfe holt

Als Joachim Sinen vor drei Jahren just an der Autobahnabfahrt bei Garbsen die Autobahn verlassen musste, in dessen unmittelbarer Nähe kurz zuvor die Kleidungsstücke eines kleines Mädchens gefunden worden waren, das vermisst wird, stellten sich ihm die Nackenhaare auf. „Da muss man doch was tun“, dachte der 44-jährige Geschäftsführer eines Rintelner Sicherheitsunternehmens, für den das Thema Schutz und Sicherheit tägliche Routine ist.

veröffentlicht am 01.11.2010 um 18:22 Uhr

SDOS-Partner Joachim Sinen und Jörg Herzog: „Ein Handy hat

Autor:

Matthias Rohde

In zahlreichen Beratungs- und Sondierungsgesprächen mit Experten aus der Sicherheits-, Präventions- und IT-Branche widmeten sich Sinen und sein Team anschließend der Frage, wie man in einer Notfallsituation möglichst schnell reagieren kann. „Ausgangspunkt der Überlegungen war: Um den Aufenthaltsort einer Person bestimmen zu können, brauchen wir ein Signal, das von dieser Person ausgeht. Was lag also näher als das Mobiltelefon,“ erklärt Sinen. So entstand die Idee, ein auf GPS, also der satellitengestützten Positionsbestimmung basierendes Notfall- und Ortungssystem für Mobiltelefone zu entwickeln.

Einer der Berater, der diesen Prozess von Anfang an begleitet hat, ist Axel Bergmann. Der Fachmann für Kriminalprävention der Polzeiinspektion Nienburg/Schaumburg ist seit zwölf Jahren in diesem Bereich der Polizeiarbeit tätig und erinnert sich noch gut an die zahlreichen SDOS-Testläufe: „Ich habe mir damals die erste Software auf mein Handy geladen und von vielen Orten Testalarme ausgelöst, auch aus dem außereuropäischen Ausland, zum Beispiel den USA.“

Handy-Ortung ist weder für die Polizei noch für kommerzielle Anbieter etwas Neues. Schon seit einigen Jahren ist es nämlich möglich, ein beliebiges Handy über die vorhandene Infrastruktur zu orten. Allerdings werden bei diesen Ortungsverfahren in der Regel die wabenförmig angeordneten Mobilfunknetze genutzt. Wer also beispielsweise ein auf seinen eigenen Namen registriertes Handy orten lässt, bekommt von den Anbietern die Auskunft, in welcher Nähe eines bestimmten Mobilfunkmasten sich das Handy gerade befindet. Bergmann: „Im Gegensatz zu den kommerziellen Anbietern, können wir als Polizei, nur unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen eine Handortung vornehmen.“

Diese sogenannten Zellen, in die die Mobilfunknetze eingeteilt sind, haben je nach Netzdichte einen Radius von wenigen Hundert Metern in Ballungsgebieten bis hin zu mehreren Kilometer in ländlich strukturierten Regionen. Anhand der Signalstärke des Handys kann dann noch annähernd ermittelt werden, ob sich das Handy sehr nah, oder sehr weit von einem Funkmast entfernt befindet. „Für eine Notfallsituation keine guten Voraussetzungen“, meint Sinens Partner Jörg Herzog. Wie das wesentlich effizienter gehe, zeige die Rintelner Erfindung, wie Betriebswirt Herzog meint. Er und Sinen haben eine Firma mit dem Namen SDOS gegründet und am Standort Rinteln eine 24 Stunden erreichbare Alarmzentrale eingerichtet, von der aus eine zentimetergenaue Ortung eingehender Notrufe möglich ist. Sinen: „Lediglich zwei Dinge braucht der Kunde: Ein GPS-fähiges Mobiltelefon und unsere Software.“ Sinen und Herzog haben laut eigenem Bekunden in den letzten drei Jahren rund eine Millionen Euro in die Entwickung dieses Ortungssystems investiert, haben neben vielen Fortschritten auch Rückschläge hinnehmen müssen. Und sie haben in zahlreichen Vorgesprächen mit Behörden, Firmen und Sicherheitsfachleuten eine ganze Reihe von denkbaren Szenarien besprochen.

Hauptkommissar Bergmann, der vor allem polizeiliche und kriminalpräventive Erkenntnisse in die Entwicklung der SDOS-Idee einfließen ließ, hält das Konzept im Rahmen einer möglichen Gefahrenabwehr für schlüssig. „Generell ist dieses Ortungssystem ein zusätzliches Angebot, das praktisch für jeden Mobilfunknutzer Verwendung finden kann. Ob nun Extremsportler, Kinder und Jugendliche, oder Taxi- und Kraftfahrer, um nur einige Gruppen zu nennen, im Grunde genommen kann jeder Mensch in eine Krisensituation geraten.“

Die Funktionsweise des Rintelner Ortungssystems ist denkbar einfach: Der Kunde lädt sich die Software von der firmeneigenen Internetseite herunter, registriert sich und schaltet einen bedarfsgerechten Vertrag frei.

Im Notfall drückt der Kunde dann fünf Sekunden eine entsprechende Taste auf dem Telefon, und der Alarm wird ausgelöst. Dieser geht dann in der Alarmzentrale ein. Dort arbeitet ein SDOS-Mitarbeiter den vom Kunden bei Vertragsabschluss festgelegten individuellen Interventionsplan ab. Bergmann: „Genau diese individuelle Krisenintervention könnte sich als einer der größten Vorteile dieses Systems herausstellen, denn die Mitarbeiter der Alarmzentrale können durch Abarbeiten des Interventionsplans zunächst feststellen, um was für einen Notfall es sich handelt und dann bedarfsgerechte Maßnahmen einleiten.“

So könnten die Einsatzkräfte nicht nur zielgenau an den Notfallort geleitet werden, sondern bereits im Vorfeld über das Notfallszenario informiert werden, so Bergann weiter. Sinen betont, dass ein einmal ausgelöster Alarm bis zur Klärung der Situation alle 30 Sekunden wiederholt werde.

Auch den Fall, dass ein Alarm aus Versehen oder missbräuchlich ausgelöst wurde, haben die SDOS-Männer bedacht. Herzog: „Der Kunde hat nach Auslösen des Alarms 30 Sekunden Zeit, ihn durch eine wiederholte Auslösung zu widerrufen.“ Dennoch werde es sicherlich, wie bereits jetzt bei den bekannten Notrufnummern auch, zu Täuschungsalarmen kommen. „Ein aus Spaß ausgelöster Alarm wird dem Kunden in vollem Umfang in Rechnung gestellt“, stellt Sinen unmissverständlich klar. Und Herzog ergänzt: „Wir behalten uns natürlich vor, Kunden von der Nutzung unseres Ortungssystems auszuschließen, wenn damit Missbrauch betrieben wird.

Auch Bergmann kennt diese Fälle missbräuchlicher Notrufnutzung: „Um ein solches Zusatzangebot auf einem Handy verantwortungsvoll nutzen zu können, ist es wichtig, dass sich alle Beteiligte über die Tragweite eines Täuschungsalarms im Klaren sind. Das gelte auch dann, wenn Eltern die Handys ihrer Kinder mit einem solchen Ortungssystem ausstatten. „Der sachgerechte Umgang mit einem der Gefahrenabwehr dienenden Angebot muss sicherlich manchmal erst erlernt werden.“

Selbstverständlich gebe es auch denkbare Szenarien, in denen selbst ein so ausgeklügeltes Sytsem wie das neue SDOS-Ortungssystem zum Scheitern verurteilt sei, so Sinen und Herzog. „Hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nicht“, meint Herzog. Beispiel Tiefgarage. „Ja, es gibt Gebäude, in denen teilweise keine Ortung möglich ist, aber wenn ein Alarm ausgelöst wurde, wiederholt er sich alle 30 Sekunden. Wenn also das Mobiltelefon die Tiefgarage verlässt, und das GPS wieder in der Lage ist, eine Verbindung zwischen Satellit und Handy herzustellen, spätestens dann geht der Alarm in unserer Zentrale ein“, so Sinen.

Für Bergmann steht fest, dass es in allen Bereichen der Gefahrenabwehr ein Restrisiko gibt. Zudem, so der Hauptkommissar weiter, werden die Handynetze immer weiter ausgebaut. In einigen besonders großen und mit zahlreichen Untergeschossen versehenen Gebäuden gibt es bereits hausinterne Funkmasten, die die Verfügbarkeit der Funknetze erweitern.

Sinen: „Natürlich gibt es bereits schon seit vielen Jahren GPS-Systeme auf dem Markt, aber wer ein solches System nutzt, hat den Nachteil, dass das Kind neben dem Handy noch ein zweites Gerät mit sich führen muss.“ Von den Kosten ganz zu schweigen, wie Herzog ergänzt: „So ein GPS-Gerät kostet je nach Qualität und Ausführung zwischen 150 und 1000 Euro.“ Und ob es auch wirklich immer mitgeführt wird, das wagen die beiden Männer zu bezweifeln.

Für die meisten modernen Mobiltelefone gehöre GPS jedoch bereits zur Standardausrüstung. Derzeit ist die SDOS-Software für Nokia-Telefone, das iPhone, Blackberry und das „Andreoid“-Betriebssystem nutzende Smartphones wie HTC oder Sony Ericsson verfügbar. „Natürlich entwickeln wir auch noch für weitere Hersteller eine SDOS-Software“, stellt Herzog klar, der gemeinsam mit Partner Sinen nun gespannt ist, wie mögliche Nutzer auf das System reagieren.

In einer immer mobiler werdenden Welt spielt die Personensicherheit eine immer größere Rolle. Bei einem Unfall, anderen Notfällen oder gar einem Verbrechen ist eine rasche Intervention gefragt. Gefahrenabwehr ist das erklärte Ziel des Rintelner Unternehmens SDOS, das mit einem innovativen Ortungssystem an den Start geht.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt