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Wenn das Glück in Schwarz von oben grüßt

Der alte Seat ruckelt durch die Straßen. Am Steuer sitzt ein schwarzer Mann. Sein Name: Peter Felsner. Sein Beruf: Schlotfeger. „Vorsicht!“, warnt er. „Bloß nichts anfassen. Hier ist alles voller Ruß!“ Von vorne bis hinten und vom Dach bis zum Boden – überall im Innern des spartanisch ausgestatten „Arbeitsautos“ liegt ein schwarzer Schleier. Und in der kalten Luft beißender Rauch-Geruch. „Hinten im Kofferraum transportiere ich das Werkzeug – das riecht natürlich“, erklärt Felsner.

veröffentlicht am 04.01.2010 um 10:43 Uhr
aktualisiert am 06.01.2010 um 17:48 Uhr

In seinem Element: Schornsteinfeger Peter Felsner liebt seinen B

Autor:

Alda Maria Grüter

Der alte Seat ruckelt durch die Straßen. Am Steuer sitzt ein schwarzer Mann. Sein Name: Peter Felsner. Sein Beruf: Schlotfeger. „Vorsicht!“, warnt er. „Bloß nichts anfassen. Hier ist alles voller Ruß!“ Von vorne bis hinten und vom Dach bis zum Boden – überall im Innern des spartanisch ausgestatten „Arbeitsautos“ liegt ein schwarzer Schleier. Und in der kalten Luft beißender Rauch-Geruch. „Hinten im Kofferraum transportiere ich das Werkzeug – das riecht natürlich“, erklärt Felsner. Er selber, mit seiner Arbeitskleidung – einem Kehranzug aus ölrußfestem und strapazierfähigem Stoff mit Lederbesatz an den Knien – ist natürlich auch vom Scheitel beziehungsweise vom Käppi bis zur Sohle mit Ofenschwärze übersät. Das ehemals weiße Halstuch ist mittlerweile, nach drei Stunden Fegen und Kehren, sichtlich ergraut. Einige Einsätze hat der Schornsteinfegergeselle an diesem Vormittag bereits hinter sich, insgesamt 25 werden es am Ende des Arbeitstages sein. Rund 2400 Haushalte, darunter Privathäuser sowie auch einige Betriebe, betreut Felsner gemeinsam mit Bezirksschornsteinfegermeister Harald Feisthauer in dem Kehrbezirk Groß Berkel, Klein Berkel, Laatzen, Wördeholz, Dehmke und Dehmkerbrock.

Früher, erzählt Peter Felsner auf der Fahrt zu einem Kunden in Groß Berkel, da sei er mit dem ganzen Werkzeug bepackt übers Land geradelt. Die Leiter auf dem Rücken, Handkehrhaspel, Stoß- und Leinenbesen um die Schulter, Rußkratzer und Schultereisen am Ledergürtel befestigt, ging es selbst bei Schnee und Eis mit dem Fahrrad über die Dörfer. Schornsteinfeger sei eben kein Schönwetter-Beruf, meint er. Dennoch: Seine Begeisterung für das Handwerk ist einfach nicht zu überhören. „Man ist frei, das ist das wirklich Schöne.“ Und während Felsner die alten Zeiten in Erinnerung ruft, sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Ob nun gerade Hochzeit oder ein Schlachtfest auf einem Bauernhof gefeiert wurde – wenn der Schornsteinfeger kam, dann war er selbstverständlich zu dem Fest eingeladen. Viele Kunden kennt er seit seinem ersten Arbeitstag vor 37 Jahren: Denn ein „schwarzer Mann“ war Peter Felsner schon als 15-Jähriger. Wie er zu dem Beruf kam? „Wir waren mehrere Geschwister zu Hause, da waren die Eltern froh, die Kinder beruflich unterbringen zu können.“ So stand denn eines schönen Tages Meister Ulbrich aus Bad Pyrmont in dem Garten der Felsners und fragte den Vater, ob er einen Lehrjungen hätte. „Mein Vater zeigte auf mich: Den da können Sie mitnehmen, sagte er. Und 14 Tage später hatte ich einen Lehrvertrag.“ Heute ist Felsner froh darüber, dass des Sprösslings Werdegang einfach bestimmt wurde: „Denn Schornsteinfeger ist mein Traumberuf“, sagt er, dreht mit seinen kohleschwarzen Händen das Lenkrad herum, biegt in die Straße Hohe Linden ein und macht Halt vor der Haus-Nummer 12. An der Garagenauffahrt steht schon der Kunde. Als Franz Kleppek das Automobil mit der langen Leiter auf dem Dach sieht, läuft er ihm entgegen. Die herzliche Begrüßung – noch während Felsner die Arbeitsgeräte aus dem Kofferraum holt – macht deutlich: Man kennt sich seit vielen Jahren, der Schornsteinfeger ist ein gern gesehener Gast! Schließlich trägt er dazu bei, die Brandgefahr in Häusern zu verringern. Aber nicht nur deswegen: Für viele ist der Schornsteinfeger schlichtweg ein Glücksfall. Denn ihm, der immer ein offenes Ohr habe, könne so mancher seine Sorgen mitteilen. An vielen Schicksalen nehme er Anteil, und viele Menschen freuen sich, wenn sie ihren tristen, einsamen Alltag mit einem kleinen Schwätzchen mit dem Schlotfeger aufpeppen können. Franz Kleppek führt Felsner in das dreigeschossige Gebäude, das er seit der Ölkrise 1976 ausschließlich mit Holz beheizt. „Wegen der gestiegenen Energiepreise“, sagt Felsner, während er die schmale Treppe ins Dachgeschoss hinaufgeht. „heizt mittlerweile jeder zweite Haushalt in unserem Kehrbezirk zusätzlich mit Holz.“ Das Dachbodenfenster ist bereits geöffnet. Felsner zieht die Handschuhe über, klettert durch die Öffnung hinaus ins Freie. Die Dachziegel sind glitschig, doch der Weg über den Lauftritt und schließlich über das Dachsims ist für Felsner der reinste Morgenspaziergang. Routiniert setzt er einen Fuß vor den anderen, bleibt vor dem Kamin stehen, rollt das Kehrgerät aus und lässt es in den Schlot hinab. Eine kleine Staubwolke bildet sich über der Öffnung. Felsner blickt in den pechschwarzen Rauchfang, kratzt mit der Hand etwas von dem Belag an der Wand ab: „Da ist nur wenig Glanzruß drin – ein Zeichen, das mit gutem Holz geheizt wird“, sagt Felsner zu dem 75-jährigen Hausherrn, der gerade seinen Kopf aus der Luke in der Dachschräge steckt, um mit dem Mann auf dem Dach zu fachsimpeln. Später wird Felsner mit einem Messgerät die Feuchtigkeit („Sie sollte nicht mehr als 20 Prozent betragen, denn je niedriger der Wert, desto besser die Verbrennung.“) in dem Holz ermitteln, das der Kunde draußen am Schuppen gestapelt lagert. Ein paar Mal noch verschwindet das Kehrgerät im Kamin – dann ist alles sauber. Es geht jetzt in den Keller, zur Schornsteinsohle. Mit dem Sternenschlüssel öffnet Felsner die Reinigungsöffnung an der Wand, sammelt den Abfall mit dem Handfeger auf und kehrt ihn in den Rußsack, der dann in der Mülltonne entsorgt wird. „Im Februar sehen wir uns wieder“, sagt Felsner zum Kunden. Selbstverständlich begleitet Franz Kleppek ihn bis zum Auto. Am offenen Fenster steht Frau Kleppek und winkt dem Schlotfeger freundlich hinterher. Der nächste Kunde: Hermann Henke. Wieder tuckert der kornblumenblaue Seat Marbella durch die Straßen, biegt in den Hummebogen ein. Felsner hat sich heute verspätet, Hermann Henke wartet schon ganz ungeduldig auf den Schornsteinfeger. Natürlich, weil der Kamin gefegt werden muss. Aber nicht nur: Hermann Henke freut sich besonders auf das Tässchen Kaffee. Heißt es sonst „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, bleibt es diesmal jedoch nur bei der Verrichtung des Jobs – mit dem Kaffee wird es nichts: „Ich habe heute sehr viele Kunden abzufahren“, sagt Peter Felsner zu dem Senior, „aber das nächste Mal trinken wir wieder einen Kaffee zusammen, versprochen“. Doch der 78-Jährige lässt nicht locker, und selbst als Felsner sich verabschiedet, versucht der ehemalige Postzusteller, ihn „herumzukriegen“. Seine herzliche Hartnäckigkeit zahlt sich letztlich doch aus: Immerhin kann Herr Henke ein paar Minuten herausschlagen, und so erzählt der Mann mitten auf der Straße von den großen Reisen, die er früher mit seiner Frau unternommen hat.

Zurück zum Job: Diesmal wird der Schornstein nicht vom Dach aus, sondern von innen gefegt. Die Treppe, die zum Dachboden des mehr als 300 Jahre alten Hauses führt, knarrt unter den Füßen. Direkt unter dem Gebälk ist der Zugang zu dem Kamin. Über eine Leiter klettert Felsner hinauf, öffnet das Türchen. Und wieder wird mehrmals rauf und runter gebürstet. Der Ruß wird unten eingesammelt: In einer Ecke des Treppenhauses befindet sich das Reinigungstürchen. Felsner öffnet’s, nimmt Feger und Schaufel zur Hand und kehrt den Ruß in den schwarzen Sack – „fertig“. Doch ein Schornsteinfeger ist mittlerweile ja nicht nur Kaminputzer, sondern auch Fachmann in Sachen Schadstoffemissionen und Energieverbrauch. Er misst die Abgasbelastung, kontrolliert Heizung und Durchlauferhitzer. „Als Gebäude-Energieberater im Handwerk erstellen wir auch Energiepässe.“ Während sein Mitarbeiter Peter Felsner fleißig die Kamine putzt sowie Messungen durchführt, ist Bezirksschornsteinfegermeister Harald Feisthauer selber ebenfalls auf Tour. Familie Brucksch aus Klein Berkel ist einer von zehn Kunden, bei denen er heute zum Messen angemeldet ist: Vor vier Monaten wurde ein neuer Kamin und ein Außenschornstein gebaut. Beide sollen jetzt abgenommen werden. Der Meister lässt sich erst einmal das Typenschild geben, das alle notwendigen technischen Daten über den Kamin enthält: „Beispielsweise die zugelassene Abgastemperatur“, sagt Feisthauer. Er nimmt alles genauestens unter die Lupe und nebenbei erläutert er dem Hausherrn, wie der Kamin optimal zu betreiben ist. Mit dem Zollstock misst Feisthauer, ob die Abstände zwischen Kamin und Wand eingehalten wurden: „Seitlich 40 Zentimeter, vorne 1,30 Meter und hinten 50 Zentimeter“, notiert Feisthauer. Der Fußbodenschutz – feuerfeste Fliesen – und dessen Abstand zum Feuerrahmen im Kamin sind in Ordnung. „Alles in Topform“, sagt Feisthauer am Ende der umfangreichen Mess- und Kontrollprozedur.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Bezirksschornsteinfegermeister Harald Feisthauer.

Der Fachmann kann guten Gewissens die Kaminabnahme bescheinigen. Und das gilt auch für den Außerschornstein, den Feisthauer im Anschluss inspiziert. Im Gegensatz dazu gibt es bei dem folgenden Einsatz, bei dem zwei Schornsteine zu prüfen sind, nicht wenig zu mokieren. Die Messungen, die Feisthauer an der Ölheizung vornimmt, zeigen beispielsweise einen Abgasverlust von 15 Prozent – erlaubt wären bei dem speziellen Ölheizungstyp lediglich elf Prozent. „Der Brenner ist nicht richtig eingestellt“, sagt Feisthauer. Zwar ergibt die Abgasmessung – einmal jährlich sind Heizungsanlagen auf ihre Emissionen hin zu messen – dass die Rußzahl im grünen Bereich liegt. Aber unter dem Filter findet Feisthauer eine undichte Stelle. Öl tröpfelt auf den Boden. „Die Dichtung muss ausgetauscht werden.“ Auch der „Hardware-Test“ am Kamin und die Kontrolle der Reinigungsöffnung, die sich im Dachboden befindet, bringen Mängel ans Licht: „Ein Stein im Brennraum des Kamins ist beschädigt“, stellt Feisthauer fest, als er den Kaminofen im Wohnzimmer in Augenschein nimmt. Und dann die dicke Schicht Glanzruß auf dem Deckel der Reinigungsöffnung: Da werde beim Anfeuern wohl zu wenig Luft gegeben und zu feuchtes Holz verwendet. Also: In sechs Wochen wird der Schornsteinfegemeister wiederkommen und prüfen, ob die Mängel, die die Betriebs- und Brandsicherheit beeinträchtigen können, behoben wurden. „Die Feuerstättenschau, die alle Dreieinhalbjahre durchgeführt wird, ist ein wesentlicher Beitrag zum vorbeugenden Brandschutz“, erklärt Feisthauer. Alle Teile der Feuerungsanlagen wie Ofenrohr, Schornstein, Verbrennungsluftversorgung müssen daher in regelmäßigen Abständen kontrolliert werden. Dass dicke Schichten Glanzruß im Schornstein ein richtig heißes Eisen sein können, hat Harald Feisthauer während seiner 28 Berufsjahren schon oft erlebt: „Etwa fünf Mal jährlich brennt irgendwo in meinem Kehrbezirk ein Kamin“, erzählt Harald Feisthauer während der Kaffeepause in einer Bäckerei. Dann rücken nicht nur die Feuerwehr, sondern auch der Schornsteinfeger an. Wegen der extremen Hitze müsse der Schornstein dann mit einem Spezialkehrgerät gefegt werden. Und während er die korrekte Bedienung eines Kamins und die richtigen Brennstoffe erläutert, wechselt das Gespräch von Feuer und Flamme zu einem eher kühlen Kapitel: Ob künftig dem Schornsteinfeger der kalte Wind des Wettbewerbs um die Nase weht, wenn 2013 das ausschließlich in Deutschland geltende Kehrmonopol gelockert wird? Zwar gibt es dann immer noch einen auf sieben Jahre gewählten Schornsteinfeger im Bezirk, die Kunden sind aber nicht mehr auf dessen Leistungen alleine angewiesen. „Was genau sein wird, kann man jetzt noch gar nicht abschätzen, aber die Feuerstätten-Schau wird weiterhin zu den hoheitlichen Aufgaben des Bezirksschornsteinfegermeisters zählen“, sagt Feisthauer.

Der kornblumenblaue Seat von Schornsteinfegergesellen Peter Felsner dürfte demnach also auch in Zukunft regelmäßig von Haus zu Haus tuckern…



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