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Der Zauber der Maremma: Eine Entdeckungsreise von der Therme zur Trattoria in der südlichen Toskana

Wenn bei „Montebello“ die Hunde zur Jagd kläffen …

Der Letzte zieht das Tor hinter sich zu und folgt den anderen in wilder Panik hinauf in die Berge. Eine ganze Stadt, Mensch und Tier, befindet sich jährlich auf der Flucht. Denn schon erhebt sich der Feind als dunkle Wolke aus den Sümpfen und sticht und mordet, wo er kann. „Sei verflucht, Maremma!“ lautet der verzweifelte Aufschrei der gepeinigten Bewohner von Grosseto. Doch selbst mit solch drastischen Worten ist der todbringen-den Malaria nicht beizukommen.

veröffentlicht am 23.10.2009 um 15:20 Uhr

Imposant: die Tuffstein-Felsenstadt Pitigliano. Fotos: Kregel

Autor:

Dr. Bernd Kregel

Was Flüche über Jahrhunderte hinweg nicht schaffen, gelingt den Drainagebaggern und Insektenvertilgungsmitteln. Seit mehreren Jahrzehnten ist die Maremma nun von ihrer Geißel befreit. Eine Landschaft beginnt, sich auf ihre Reize zu besinnen und aus dem Schatten der nördlichen Toskana herauszutreten. Immer stärker fällt daher das Interesse auf eine Gegend, die bisher selbst für passionierte Italienreisende nicht mehr war als ein weißer Fleck auf der Landkarte. „Maremma?“

Direkt an der alten Handelsstraße zwischen Pisa und Rom präsentiert sich die Bilderbuchstadt Pitigliano. Gelegen auf einem steil aufragenden Tuffsteinmassiv, wachsen die braunen Häuserfassaden wie eine Bühnenkulisse aus dem Felsen heraus und verweisen auf die Wehrhaftigkeit dieser einstmals reichen und zugleich begehrten Stadt.

Innerhalb der Mauern sind es vor allem die verwinkelten Gassen, die noch heute mit ihren unregelmäßigen Hauseingängen und versteckten Lädchen den mittelalterlichen Reiz der Stadt konservieren. „Klein Jerusalem“ lautet ihr Ehrentitel. Denn sie ist zugleich die Heimat einer einst starken jüdischen Gemeinde, die sich trotz aller Zerstörungen und Opfer im Zweiten Weltkrieg erneut um die Synagoge herum sammelt und ihre eigene bürgerliche Identität für sich reklamiert.

Massimo Casagrande arbeitet im Weingut „Rocca di Frassinel
  • Massimo Casagrande arbeitet im Weingut „Rocca di Frassinello“.

Gleich hinter Pitigliano erstreckt sich die „Campagna“, das von der Landwirtschaft geprägte weite Hochland. Hier wechseln sich bestellte Felder ab mit der wild wuchernden Macchia, in deren Gestrüpp sich Wildschweine die unterschiedlichsten Beeren und Kräuter schmecken lassen. Mit der Aussicht auf kulinarische Leckerbissen ist die Jagd in dieser Gegend zu einem wahren Volkssport geworden. Gewehrschüsse und Hundegebell zeugen schon am frühen Morgen von der Jagdleidenschaft. Einer der Bauernhöfe dieser Gegend heißt „Montebello“. Etwas abseits der Straße gelegen, ist er nicht leicht zu finden. Als „Agriturismo“ jedoch steht er für Gäste aus aller Welt offen. Stolz berichtet Besitzer Paolo von seinem 260 Hektar großen Anwesen, auf dem er den gesamten Eigenbedarf herstellt. Ja, selbst eine ansehnliche Herde von Maremma-Langhornrindern tummelt sich auf seinen Weiden.

Doch es gibt kein Halten mehr. Denn nicht weit entfernt lockt die Therme von Saturnia, die mit ihrem schwefelhaltigen Wasser selbst Totgeglaubte wieder lebendig machen soll. Als Wasserfall stürzen die aus einem Vulkankrater hervorquellenden Fluten über einen Felsen über runde Terrassen, auf denen es sich die Badegäste bei angenehmen 37 Grad wie in Badewannen bequem machen. Wie an kaum einem anderen Ort, spricht die pure Lebensfreude aus allen Gesichtern.

Oder sollte es noch eine Steigerung geben? Auf dem Weg zur Küste zeichnet sich bereits die modernistisch anmutende Silhouette des Weingutes „Rocca di Frasinello“ ab. Konzipiert vom italienischen Stararchitekten Renzo Piano, ist der Baron de Rothschild einer der Haupteigentümer, wie Mitarbeiter Massimo Casagrande beim Abstieg in den riesigen Weinkeller erklärt.

Bei der sich anschließenden Weinprobe in hypermodern gestyltem Hallen-Ambiente wird deutlich, dass es sich nicht nur um ein italienisch-französisches Joint-Venture-Unternehmen im wirtschaftlichen Sinn handelt. Auch konzeptionell wird bei den hier heranreifenden Weinen eine nicht unumstrittene Vereinigung vollzogen zwischen maremmanischen Sangioveto-Trauben und französischem Merlot und Cabernet.

Ähnlich auch die Marktstrategie des nicht weit entfernten Weingutes „Petra“, dessen schräg ansteigende, mit Treppenstufen versehene Fassade des Schweizer Architekten Mario Botta sich seit seiner Entstehung als „Weinkathedrale“ einen Namen gemacht hat. Von hier aus weitet sich der Blick über Weinstöcke, Pinien- und Zypressenalleen hinweg bis hin zur Insel Elba. Derart geübt, gewöhnt sich das Auge schnell an den langgezogenen, tunnelartig gestalteten Weinkeller mit indirekter hellblauer Illumination.

Beschwingt vom Wein und bezaubert von der Landschaft, deren mediterrane Konturen sich nach Sonnenuntergang immer klarer gegen den gelbroten Himmel abzeichnen, erweist sich das Agriturismo „Il Cavallinone“ nahe Gavorrano als der passende Ort für den Abend. Besitzer Enzo del Bianco wartet auf mit einem stilvollen Mahl, dessen Qualität sich über mehrere Gänge hinweg noch zu steigern scheint. Es sind kulinarische Genüsse in einfacher ländlicher Form.

Nahe dem Fischerort Castiglione della Pescaia führt eine Pinien-Zypressen-Allee hinauf zum Hotel L’Andana, einem einstigen Jagdanwesen des Großherzogs der Toskana. Erst vor wenigen Jahren wurde es unter der Regie des französischen Sternekochs Alain Ducasse umgebaut zu einer der ersten Adressen in der Maremma. Umgeben von Weinbergen und Olivenhainen, erweist es sich als ein von der Außenwelt abgeschirmter Ort, an dem sich in stilvollem Ambiente die Zeit angenehm verbringen lässt. Wenigstens für ein paar Tage, um den gepflegten Park und den geschmackvoll gestalteten Wellness-Bereich ausgiebig genießen zu können. Und nicht zuletzt die gute Küche in der hauseigenen „Trattoria Toscana“, auf deren Speisekarte Sternekoch Ducasse unübersehbar seine Spuren hinterlassen hat.

So ist die Maremma auf dem besten Wege, sich nicht nur kulturell, sondern auch kulinarisch vom toskanischen Norden zu emanzipieren. „Sei besucht, Maremma!“ könnte der abgewandelte Ruf von damals heute einladend lauten. Kein Zweifel, dass er bei dem vorhandenen Angebot wohl immer öfter gehört werden wird.



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