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Die größten Raubfische Mitteleuropas sind auch in der Weser und in heimischen Baggerseen zu Hause

Welse - die unsichtbaren Riesen

HAMELN-PYRMONT. Um den Wels, den Riesen aus den Tiefen der Weser und Baggerseen, rankt sich so manche Schauergeschichte. Die bis zu drei Meter großen Fische würden ganze Hunde, die sich am Ufer aufhalten, verschlingen, heißt es. In unserer Serie „Einfach tierisch“ geht es in diesem Teil um den Wels.

veröffentlicht am 04.05.2018 um 18:36 Uhr
aktualisiert am 05.05.2018 um 12:11 Uhr

Ein Wels kann bis zu drei Meter groß werden. Foto: dpa
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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1994 war ein gutes Jahr für den Wels. Oder für die Angler. Kommt ganz auf die Perspektive an. Jedenfalls berichtete die Dewezet in diesem Jahr gleich zweimal über Fänge von Riesenwelsen in den heimischen Gewässern. Entweder ging es diesen Fischen damals besonders gut, sodass sie groß und alt werden konnten oder die Angler hatten einfach Glück.„Riesenwels aus Baggersee gezogen“ titelte die Dewezet am 20. Juli 1994. Damals landete Angler Wolfgang Ruder an einem Kiesteich in Fischbeck einen zwei Meter langen, 45 Kilogramm schweren und wohl über 20 Jahre alten Waller. „Nach gut dreistündigem, schweißtreibenden Drill gab sich das Unterwasser-Monster am Haken dann geschlagen“, schrieb der Redakteur über den nächtlichen Fang des Hamelners.

Fünf Monate später hatte Joachim Reichel an der Weser Glück. Oberhalb von Latferde zog der Angler einen 2,03 Meter langen und gut 50 Kilogramm schweren Wels an Land. „Über eine Stunde mußte Reichel mit dem schwarzen Riesen kämpfen, ehe er ihn trotz des Hochwassers sicher ans Ufer ziehen konnte“, hieß es am 21. Dezember 1994 in der Dewezet. „Das mächtige Gebiß will Reichel präparieren.“

Heute ist das Präparat an der Wand seines Wintergartens in Latferde zu bewundern. Es ist nicht das Einzige, sondern reiht sich ein in ein ganzes Ensemble von weiteren präparierten Welsköpfen an der Wand. Auch das Präparat eines kapitalen Zanders ist zu sehen. Dass noch weitere Trophäen hinzukommen, ist aber eher unwahrscheinlich. Auf Wels, Hecht oder Zander geht der heute 71-jährige Reichel schon länger nicht mehr. „Heute gehe ich nur noch auf Aal“, sagt er, „das ist der bestschmeckende Fisch.“ Er räuchert die Aale selbst.

Joachim Reichel Mitte der 90er Jahre mit einem in der Weser gefangenen Wels. Kleines Bild: ein Präparat des Riesen, den er 1994 fing. Foto: J. Reichel/pr
  • Joachim Reichel Mitte der 90er Jahre mit einem in der Weser gefangenen Wels. Kleines Bild: ein Präparat des Riesen, den er 1994 fing. Foto: J. Reichel/pr
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Joachim Reichel Foto: pk
  • Joachim Reichel Foto: pk
Am 20. Juli 1994 berichtete die Dewezet über den Fang eines Riesenwelses in einem Fischbecker Kiesteich.
  • Am 20. Juli 1994 berichtete die Dewezet über den Fang eines Riesenwelses in einem Fischbecker Kiesteich.
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Joachim Reichel Mitte der 90er Jahre mit einem in der Weser gefangenen Wels. Kleines Bild: ein Präparat des Riesen, den er 1994 fing. Foto: J. Reichel/pr
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Joachim Reichel Foto: pk
Am 20. Juli 1994 berichtete die Dewezet über den Fang eines Riesenwelses in einem Fischbecker Kiesteich.
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Im Gegensatz zum Aal, der in der Weser schon immer heimisch war, kommt der Wels erst seit den 1970er beziehungsweise -80er Jahren in den heimischen Gewässern vor, wie der Hamelner Fischwirtmeister Alexander Meyer zu berichten weiß. Es handelt sich um den Europäischen Wels, der ursprünglich aus Osteuropa stammt. „Aber er hat hier einen guten Lebensraum gefunden, er mag kiesigen und steinigen Untergrund“, so Meyer. Wohl fühle er sich besonders in etwas wärmerem Wasser. Dies würde auch erklären, weshalb Joachim Reichel aus Latferde besonders erfolgreich Welse geangelt hat. Im Sportfischerverein Hameln und Umgegend, dessen Fischereibereich an der Weser sich von Ohr bis nach Rinteln erstreckt, sind so gut wie keine Welsfänge bekannt, wie der Vorsitzende Peter Siegmann unter Verweis auf den Grohnder Sportfischerverein sagt. Dort, meint er, würden Welse gefangen werden. Vereinsmitglied Joachim Reichel ist einer dieser Wels-Bezwinger.

Bei Grohnde ist das Wasser der Weser etwas wärmer. Der Grund ist das Kühlwasser, welches das Atomkraftwerk in die Weser ableitet. „An der Oberweser gibt es deutlich mehr Welse als hier“, bestätigt Alexander Meyer. Die warme, sogenannte Wasserfahne reiche von Grohnde aus weiter bis nach Emmerthal und Tündern. „Warmes Wasser führt zu einem anderen Nahrungsangebot“, führt Meyer aus. Auch für das Laichen sei eine bestimmte Wassertemperatur nötig. Umstände, die den hiesigen Welsbestand begünstigen. Wie viele Welse heute in der Weser schwimmen, lässt sich nicht sagen. „Es ist schwierig, den Fischbestand in Fließgewässern zu bestimmen“, sagt Meyer. Zwar sei der Wels eher standorttreu. „Aber wenn die Nahrung weniger oder die Konkurrenz größer wird, dann zieht er weiter“, sagt Meyer. Das erklärt auch, weshalb Joachim Reichel, wie er im Gespräch mit der Dewezet sagt, längst nicht nur hinter dem Einlauf des Atomkraftwerks Welse gefangen hat, sondern auch davor.

Doch jüngere Berichte über den Fang von Riesenwelsen sind weder Reichel noch Meyer bekannt. „Früher haben wir größere Welse gefangen“, sagt Meyer. „Aber in den letzten Jahren waren es eher kleinere.“ Es komme aber auch nicht allzu häufig vor, dass ein Wels dem Fischer in die Falle geht. Die langen beweglichen Barteln am Kopf des Welses dienen dem Fisch als Sensoren, weshalb er sich eher selten in eine Reuse oder ein Netz verirre, mit denen Meyer fischt. Auch haben Welse einen starken Geruchssinn.

Das heutige Aufkommen von eher kleinen Welsen in der Weser ist Meyer zufolge allerdings weniger ein Indiz dafür, dass es keine Riesenwaller mehr gebe, sondern vielmehr dafür, dass sich der Wels auf natürliche Weise reproduziere. Ist das gut oder schlecht für den heimischen Fluss? Welse sind Raubfische, die meistens in der Dämmerung und Nacht aktiv sind und sich von lebenden und toten Fischen sowie von Amphibien ernähren. „Aber dass der Wels den am Ufer schnuppernden Dackel der Oma frisst, kann ich so nicht bestätigen“, sagt Meyer mit einem Schmunzeln. Schauergeschichten, wie diese werden über Welse immer wieder erzählt. Dass kleine Wasservögel von einem Wels gefressen worden sind, das sei allerdings schon gesehen worden, so Meyer.

Den Weißfischen, die in der Weser viel vorkommen, wie Rotfeder, Rotauge und Brasse, mache der Wels nichts aus, meint Meyer. Problematisch werde es erst dann, wenn das Gleichgewicht in eine Schieflage gerät. Das ist der Fall, wenn die Jungfische anderer Arten größeren Welsen über Gebühr zum Opfer fallen.

Im Rahmen der Hegeverpflichtung entnehme er daher überschüssige Welse und gebe sie entweder an Teichbesitzer ab oder verkaufe sie auf dem Markt. Dort gebe es eine „erhöhte Nachfrage“ nach Wels. „Das Fleisch ist sehr schmackhaft“, sagt Meyer. Inzwischen hätten sich Zuchtfarmen auf den Wels als Speisefisch spezialisiert.

Und wie fängt man als Angler nun einen Wels? „Mit Geduld und Glück“, sagt Reichel. Beißt einer an, sei es unmöglich, den Wels zu halten. Er habe die Schnittwunden an den Händen eines Bekannten gesehen, der sich die Schnur, bei dem Versuch einen Wels zu halten, um die Hand gewickelt habe. „Da muss man dann am Ufer schon mitgehen, wenn es sein muss, auch ins Wasser“, sagt Reichel. Blutig werde es am Ende meist trotzdem. Da Reichel beim Angeln keine Handschuhe trage, habe er sich an den Zähnen der Welse immer wieder die Hände aufgerissen.



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