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Kulturpolitikerin warnt: Kinder leiden unter "Wohlstandsverwahrlosung"

Welche Oma liest noch dem Enkel vor?

Eilsen (sig). Der Spielraum für persönliche Auslegungen ist groß, wenn jemand den Begriff "Kultur" möglichst genau definieren möchte. Es soll nämlich an die 500 verschiedene Deutungen geben. Dieser Mühe unterzog sich Gitta Connemann nicht. Die aus Leer stammende CDU-Bundestagsabgeordnete ist dennoch eine anerkannte Expertin in diesem Bereich. Sie leitet unter anderem die Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland", der elf anerkannte Kulturschaffende und die gleiche Anzahl Abgeordnete angehören.

veröffentlicht am 21.08.2006 um 00:00 Uhr

Was sie zum Thema "Kultur in Deutschland, Kultur vor Ort" in einer gemeinsamen Veranstaltung des Schaumburger CDU-Kreisverbandes und des Samtgemeindeverbandes Eilsen der CDU im "Haus des Gastes" zu sagen hatte, das war hörens- und nachdenkenswert. Zuerst lag es ihr am Herzen, mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass Kultur nur etwas für Privilegierte sei, die sich in große Opern- und Konzerthäuser drängen. Connemann ist auch stellvertretende Bundesvorsitzende der nationalen Musikvereinigung, in der Tausende von Musikensembles zusammengefasst sind. Dazu zählen unter anderem zahlreiche heimische Musik- und Spielmannszüge. Sie weiß deshalb um das große Gewicht ehrenamtlich tätiger Kulturträger, zu denen auch die Chöre, die Laienspielscharen, die Tanzgruppen und andere heimatgebundene Organisationen sowie Einrichtungen gehören. Selbst eine Vielzahl von Museen wird nicht von der öffentlichen Hand geführt. Die Bedeutung Deutschlands als Kulturnation wird durch die Tatsache unterstrichen, dass mehr als sieben Millionen Einwohner sich auf diesem Feld ehrenamtlich engagieren. Sie haben es nicht immer leicht in unseren Tagen, denn bei knappen Kassen wird der Rotstift meistens zuerst bei den freiwilligen Leistungen angesetzt. Gitta Connemann: "Das heißt im Zweifelsfall: Die Bücherei wird geschlossen, aber die Straße wird geteert." Anders werde das, so die 42-jährige Politikerin, im Bundesland Sachsen gehandhabt. Dort seien die Aufwendungen für die Kultur zu Pflichtaufgaben gemacht worden. Damit seien dann auch überproportionale Kürzungen ausgeschlossen. Niedersachsen habe keine Kürzungen vorgenommen, dafür aber Kompetenzen an die jeweiligen Landschaften übertragen, die einfach näher dran seien an diesem Aufgabenfeld. Kultur fange zunächst einmal in der Familie an, unterstrich Connemann. Aber dort gebe es inzwischen auch auf diesem Feld deutliche Defizite. Connemann fragte: "Wo wird denn noch daheim gemeinsam gesungen oder musiziert; wo liest die Großmutter noch dem Enkelkind eine Geschichte vor?" Weil sich zunehmend mehr Kinder nur noch mit dem Fernseher und dem PC befassen, müsse man bereits von einer "Wohlstandverwahrlosung" sprechen. Das Fazit der Referentin: "Die Kulturpolitik muss heute Aufgaben übernehmen, die in vielen Familien nicht mehr geleistet werden." Die Kulturpolitikerin stellte die Forderung auf: "Die Kultur sollte als Staatsziel gesetzlich festgelegt werden; daran sollen und möchten wir intensiv arbeiten." Auch volkswirtschaftlich sei ein solches Engagement durchaus sinnvoll. Immerhin seien in den vergangenen Jahren im Bereich der Kulturwirtschaft mehr als 30 Prozent sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden. Als nicht minder wichtig bezeichnete Connemann die Verbesserung der Rahmenbedingungen für die ehrenamtlich Tätigen. Die Bundestagsabgeordnete forderte außerdem, dass nicht in allen Fällen eine akademische Karriere Voraussetzung für einen Einstieg bei den musischen Berufen sein müsse. In Baden-Württemberg gebe es zu diesem Zweck Berufsakademien. Mit solchen Überlegungen befasse man sich auch in Niedersachsen, wo bereits Lehrkräfte für den musischen Bereich unterhalb des Gymnasiums fehlen. Auf die angeregte Aussprache mit Schaumburger Kulturschaffenden, die sich dem Referat anschloss, geht unsere Zeitung in einem weiteren Beitrag ein.

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