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Riesenandrang ehemaliger Vikilu-Schülerinnen / Zahllose Anekdoten bei Kaffee und Kuchen

„Weißt du noch …?“ – „Kennst du noch …?“

Hameln. „Bist Du nicht die…? Weißt Du noch …? Kennst Du noch …?“ – Fragen, die an diesem Nachmittag im Vikilu-Gebäude an der Grütterstraße hundertfach gestellt werden. Der Andrang zum großen Ehemaligentreffen anlässlich des Schuljubiläums ist gewaltig. Nach Abi-Jahrgängen geordnet, fanden sich die Schüler der bis 1972 Mädchen vorbehaltenen Schule in ihren alten Unterrichtsräumen zusammen. Auch die von ihren Töchtern begleitete Margret Corleis aus Hameln hat sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen.

veröffentlicht am 07.09.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 23.10.2009 um 15:00 Uhr

Fit und munter trafen sich Gisela Kröhne (v.li.), Margarete Corl

Autor:

Ernst August Wolf

Hameln. „Bist Du nicht die…? Weißt Du noch …? Kennst Du noch …?“ – Fragen, die an diesem Nachmittag im Vikilu-Gebäude an der Grütterstraße hundertfach gestellt werden. Der Andrang zum großen Ehemaligentreffen anlässlich des Schuljubiläums ist gewaltig. Nach Abi-Jahrgängen geordnet, fanden sich die Schüler der bis 1972 Mädchen vorbehaltenen Schule in ihren alten Unterrichtsräumen zusammen. Auch die von ihren Töchtern begleitete Margret Corleis aus Hameln hat sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen. Im Containerraum C1 auf dem Schulhof herrscht großes Hallo, als die 92-Jährige erscheint. Sechs Jahre lang hat sie die Vikilu besucht, 1933 musste sie abgehen. „,Du heiratest ja sowieso’“, hat mein Vater gesagt“, sagt sie mit Wehmut. Das sei eben damals so gewesen. Ihr Lieblingsfach? „Was für eine Frage, schauen Sie hier, mein goldenes Sportabzeichen. Habe ich mit 72 noch gemacht.“ Sport hat Margret Corleis körperlich und geistig topfit gehalten.

Zusammen mit der Riege der 80-plus-Schülerinnen schwelgt sie in Erinnerungen. Die Damen vom Abi-Jahrgang 1947 berichten nicht nur über schwere Zeiten, sondern auch darüber, dass das „Pudding-Abitur“ nach dem Krieg nicht mehr zu einem Hochschulstudium berechtigte. „Die meisten haben deshalb woanders Abitur gemacht“, berichtet die 81-jährige Grete Riesel. Sie studierte später Pharmazie und arbeitete in der Apotheke ihres Vaters. Viele in Raum C1 blicken auf für damalige Verhältnisse erstaunliche Karrieren zurück. Sogar eine Ingenieurin der Metallkunde ist dabei.

„Wisst ihr noch, wie der Gruß sich änderte?“ fragt eine der Ehemaligen in die Runde. Statt „Guten Morgen Herr Doktor“ habe man dann etwas anderes sagen müssen. Bedenken? Protest? „Wo denken Sie hin? Wir waren gewohnt, uns zu disziplinieren, und erlaubten uns keinen Widerspruch“, erklärt eine der Damen. „Wir hatten absolute Achtung vor unseren Lehrern“, ergänzt eine andere.

Erinnern sich an ziemlich brave Zeiten: Christiane Stichweh und
  • Erinnern sich an ziemlich brave Zeiten: Christiane Stichweh und Jutta Guntau, die im Jahr 1971 Abi gemacht haben. Foto: eaw

Auch die Mädchen des Abi-Jahrgangs ’71 erwiesen sich als ziemlich brav. „Also, der 68er Aufstand wurde an der Vikilu nicht geprobt“, so Christiane Stichweh. Nur in einer Philosophie-AG mit Schiller-Schülern wurde „auch mal härter diskutiert“. Die Abi-Feier habe man aber ausfallen lassen und sei stattdessen „in superkurzen Miniröcken“ zur Zeugnisverteilung erschienen, erinnert sich Jutta Guntau. „Stimmt. Unsere Eltern haben sich geschämt“, fügt Christiane Stichweh hinzu.

Für Hella Mundhra vom Abi-Jahrgang ’59 stellten sich die Lebensweichen, als sie einen indischen Medizinstudenten kennenlernte. 1973 folgte sie ihm nach Indien, wo sie noch heute ein Krankenhaus für 250 Kinder betreibt. „Die haben alles frei“, sagt die auf Albert Schweitzers Spuren wandelnde Ehemalige, die in der Jubiläumswoche sogar die letzten Ruhestätten ihrer damaligen Lehrerinnen besucht.

Dr. Marcus Schaper, Bundestagskandidat der Grünen und Vikilu-Absolvent des Jahres 1993, resümiert: „Eine hilfreiche Schule, die nicht aufmüpfige, sondern engagierte Schüler hervorbringt.“ Generationen von Frauen, die gegen die Unbilden der Zeiten immer und überall ihren Mann gestanden haben, sind ein beeindruckender Beleg dafür. Dass sich die Zeiten ändern, wurde am Abend deutlich: nicht nur, dass männliche und weibliche Ehemalige überhaupt zusammen feierten, sie holten dann doch noch die 68er nach, auch wenn der Aufstand damals ausgelassen worden war: Beim „Woodstock“ genannten Musikspektakel auf dem Schulhof, bei dem sich mehrere Hundert auf Zeitreise begaben und den 150. Geburtstag ihrer Schule feierten – Männer und Frauen, Jungs und Mädchen. Zusammen.

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