weather-image
22°
Lebenshilfe: Zahl der behinderten Senioren steigt / Gesetzliches Taschengeld reicht hinten und vorne nicht

Weihnachten und andere Grundbedürfnisse

Rinteln. Weihnachten ist ein menschliches Grundbedürfnis. Und so wird heute Abend auch im Seniorenwohnheim der Lebenshilfe unter dem geschmückten Tannenbaum gesungen, es werden Geschenke verteilt und ausgepackt, es werden die Augen leuchten. Doch für den einen oder anderen Senior ist es dann schon die zweite Bescherung: Auch auf der Weihnachtsfeier am Freitag gab es Gaben - für alle, die Weihnachten in ihren Familien verbringen.

veröffentlicht am 24.12.2007 um 00:00 Uhr

Käthe Gerlach schmückt den kleinen Weihnachtsbaum im Flur des Se

Autor:

Frank Westermann

Sieben Menschen leben im Seniorenwohnheim, sie sind zwischen 35 und 75 Jahre alt. Gedacht ist das Wohnheim für Menschen mit einer geistigen Behinderung, die in den Wohnheimen der Lebenshilfe leben oder in Zukunft auf einen Wohnheimplatz angewiesen sind. "Diesen Menschen wollen wir Hilfen in vertrauter Umgebung anbieten", erklärt Marco Reinking als zuständiger Bereichsleiter: "Denn diese Menschen habendas Recht, sich auf Rahmenbedingungen zu freuen, die sich den Bedürfnissen älter werdender behinderter Menschen anpassen." Doch nicht allein das Alter entscheidet, wer im Seniorenwohnheim wohnen darf. Die jüngste Mitbewohnerin kann nach einem Schlaganfall nicht mehr arbeiten, eine andereist beruflich nicht mehr voll belastbar - Kriterien, die ebenso entscheidend sind wie das Ausscheiden aus dem Berufsleben mit 60 oder 65 Jahren. Zum 1. September 2006 hat die Lebenshilfe die Betriebserlaubnis für das Seniorenwohnheim erhalten. 24 Plätze wurden genehmigt. In Zukunft, so meint Reinking, würde das Angebot immer stärker in Anspruch genommen werden. Das ist eine logische Konsequenz einer demographischen Entwicklung. Die ersten geistig Behinderten, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, haben mittlerweile das Rentenalter erreicht. Hell und freundlich sind die Zimmer der Senioren, aufgeräumt und klar strukturiert. Auf den langen Fluren versuchen Weihnachtssträuße, dem Wohnheim seine Vergangenheit als Krankenhaus zu nehmen. "Es ist ein offenes Wohnheim", erklärt Reinking, Aktivitäten gehören zum Alltag. So werden regelmäßig Gottesdienste besucht, das Kino, Museen, der Karneval in Hessisch Oldendorf, Basare, natürlich auch Weihnachtsmärkte, aber auch die Landpartie oder die Rintelner Messe. Viel Kontakt haben die Senioren auch zu Bewohnern der anderen Heime. Es ist eine eigene Welt, in der Behinderte von der Frühförderung über die Schule und den Beruf und das Rentenalter ihr ganzes Leben zubringen können, wenn sie denn wollen - aber wichtig sind auch Außenkontakte, sagt Reinking. Keine bloßen Worte: Wir gehen an einer Vitrine vorbei, die gut gefüllt ist mit Sport-Pokalen. Behinderung schließt sportlichen Erfolg schließlich nicht aus. "Behinderte Menschen sollen auch im Alter ohne Ausgrenzung am Leben in der Gesellschaft teilnehmen können", heißt es dazu im Bericht der Bundesregierung zur Lage der behinderten Menschen und der Entwicklung ihrer Teilhabe. Darin wird explizit darauf hingewiesen, dass "Prävention und Gesundheitsförderung immer wichtiger werden, um vorzeitige Verrentung und Pflegebedürftigkeit bei Behinderten zu verhindern". Vor allem für ältere behinderte Frauen wird sich die Lebenssituation in den nächsten Jahren ändern. Denn während nach dem Mikrozensus 2003 bis zu 75 Jahren mehr Männer als Frauen schwerbehindert sind, ändert sich dieses Muster ab 75 Jahren aufgrund der höheren Lebenserwartung der Frauen. Sie leben im Alter von über 80 Jahren zu 75 Prozent in Einpersonenhaushalten. Bei der Entwicklung von Konzepten zur Rehabilitation für ältere Menschen müssten daher in allen Bereichen der Geriatrie und der Pflege die besonderen Bedürfnisse älterer, behinderter Frauen mit einbezogen werden. Zurück zur Lebenshilfe. Dürfte sich Cornelia Hildebrand etwas zum Fest wünschen, so bräuchte die Wohnheimleiterin nicht lange überlegen: "Etwas mehr Taschengeld für alle." Denn das Geld, das die Bewohner erhalten, ist gesetzlich festgelegt, es reicht aber hinten und vorn nicht. "Auch im Alter möchte man ja gern mal Urlaub machen", erklärt Hildebrand. Und: "Daher sind Spenden ja so wichtig." Auf dem langen Flur des Seniorenwohnheimes wird derweil Marco Reinking von einer Bewohnerin in den Arm genommen. Einfach mal so. Weil er hier gemocht wird. weil er angenommen wird. Und das ist auch so ein menschliches Grundbedürfnis: Liebe.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare