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Journalist hält Vortrag über Neonazis in der "Alten Polizei"

Wehrsport und "Nazi-Lätzchen"

Stadthagen (han). Rechtsradikalismus war das Thema eines Vortrags im Kommunikationszentrum "Alte Polizei". Referent war André Aden, Journalist und Mitarbeiter der Medien-Agentur "Recherche Nord".

veröffentlicht am 07.01.2008 um 00:00 Uhr

Der Journalist André Aden berichtet über die rechtsradikale Szen

Adenärgert es, dass Rechtsradikale lediglich mit Klischeebildern wie Glatzen und Springerstiefeln in Zusammenhang gebracht werden. Ebenso bedenklich findet es der Journalist und Fotograf, dass Rechtsradikalismus von den Medien überwiegend als Gewaltthema behandelt wird. "Nazis sind nicht gleich Nazis", beteuerte der Referent. Und: "Rechtsradikale sind keine Randerscheinung. Sie sind auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft." Aden bemühte sich um einen Rundumschlag. Der 27-Jährige analysierte die "Szene" und beleuchtete eingehend "braune" Überzeugungen. Zu unterscheiden sei zwischen Parteien und Kameradschaften. Rechtsradikale Parteien, wie zum Beispiel die NPD, treten seriös auf, bezeichnen sich als nationale Demokraten und streben die Machtübernahme auf parlamentarischem Weg an, so Aden. Genau wie Kameradschaften streben Parteien die Abschaffung der Demokratie und die Errichtung eines "Vierten Reichs" an. Kameradschaften hingegen wollen dieses Ziel auf nicht-parlamentarischem Wege, sprich durch Bürgerkrieg, erreichen. Viele Neonazis rechnen mit einer Machtübernahme in 15 bis 20 Jahren, erzählte Aden. Auf der "untersten Stufe" seien Kameradschaften lediglich Freundeskreise, in denen Bier getrunken und Lieder gegrölt werden. Darüber hinaus gebe es militante Kameradschaften. Diese laufen nicht nur mit "Gotcha"-Gewehren durch den Wald, sondern führen Wehrsportübungen aus. Beispielsweise werde mit Hilfe selbstgebauter Barrikaden das Stoppen "feindlicher" Fahrzeuge geübt. Weitere Splittergruppen seien "Autonome Nationalisten" und "Völkische Gruppen", berichtete der Journalist. Autonome Nationalisten seien auf den ersten Blick nicht als Neonazis zu erkennen, da sie sich am Kleider- und Musikkodex der linken Antifa-Bewegung orientieren. Völkische Gruppen bestehen aus rechtsradikalen Familienclans, die zum Teil seit Ende des Zweiten Weltkrieges bestehen. Bereits Kinder im Alter von zwei Jahren werden in die Gruppen integriert. Der eigene Nachwuchs müsse oft draußen übernachten, um abgehärtet zu werden, so Aden. Völkische Gruppen betrachten ihre Kinder als "völkische Elite", die später Führungspositionen innerhalb der Nazi-Szene besetzen soll. Um einem möglichen Mitgliederschwund vorzubeugen haben Neonazis Partneragenturen gegründet, erklärte Aden, der selber (aus Recherchegründen) als Frau bei einer Nazi-Agentur registriert ist. Auf diese Weise werde verhindert, dass ein Mitglied unter dem Einfluss eines politisch andersdenkenden Lebenspartners aus der Szene aussteigt ("Das Schwert wird nicht weitergetragen"). Schmunzeln erntete Aden, als er dem Publikum Fotos von Konsumartikeln zeigte, auf denen beispielsweise ein Babylätzchen mit rechtsradikalen Symbolen abgebildet war.

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