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Einsatz im Dschungel-Hospital / Interhelper behandeln 1000 Erdbebenopfer / Kinder brauchen Hilfe

„Was wir hier erleben, ist schwer zu ertragen“

Hameln/Padang (cla). Wenn es Abend wird im Dschungel von Sumatra (Indonesien), kehren die Hamelner Helfer erschöpft, aber glücklich aus ihrer „Interhelp-Ambulanz“ in ihr Nachtquartier zurück. Dann fallen sie todmüde in ihre Betten. Erst wenn die Sonne wieder aufgeht in der von einem Erdbeben der Stärke 7,6 schwer zerstörten Hafenstadt Padang, bereiten sich Lehrrettungsassistent Reinhold Klostermann (53) und Rettungsassistent Christian Käse (27) auf einen weiteren anstrengenden und Kräfte zehrenden Tag im Katastrophengebiet vor. Seit 13 Tagen sind die Männer der in Hameln gegründeten gemeinnützigen Hilfsorganisation im Erdbebengebiet im Einsatz, um Hilfe von Mensch zu Mensch zu leisten. In dieser kurzen Zeit haben sie viel erreicht.

veröffentlicht am 21.10.2009 um 10:51 Uhr
aktualisiert am 22.10.2009 um 10:53 Uhr

Viele Kinder sind traumatisiert. Interhelp-Sani Reinhold Kloster

Hameln/Padang (cla). Wenn es Abend wird im Dschungel von Sumatra (Indonesien), kehren die Hamelner Helfer erschöpft, aber glücklich aus ihrer „Interhelp-Ambulanz“ in ihr Nachtquartier zurück. Dann fallen sie todmüde in ihre Betten. Erst wenn die Sonne wieder aufgeht in der von einem Erdbeben der Stärke 7,6 schwer zerstörten Hafenstadt Padang, bereiten sich Lehrrettungsassistent Reinhold Klostermann (53) und Rettungsassistent Christian Käse (27) auf einen weiteren anstrengenden und Kräfte zehrenden Tag im Katastrophengebiet vor. Seit 13 Tagen sind die Männer der in Hameln gegründeten gemeinnützigen Hilfsorganisation im Erdbebengebiet im Einsatz, um Hilfe von Mensch zu Mensch zu leisten. In dieser kurzen Zeit haben sie viel erreicht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Deutschen aus dem Weserbergland den Distrikt Pariaman zugeteilt. In einem Tempel im Dorf Tepsa im Distrikt Lubuk Alung richteten Klostermann und Käse ein kleines Hospital ein. Weil Verwundete und Kranke vor dem Feldlazarett, dem sie den Namen ihrer Heimatstadt Hameln gaben, Schlange stehen, forderte Klostermann als Leiter der „Interhelp Medical Task Force“ schon bald Unterstützung an bei der WHO in Padang. Bereits am nächsten Tag kam Verstärkung. Britische, französische und sogar mexikanische Kollegen unterstützen die Interhelper. Bis gestern wurden 1051 Erdbebenopfer medizinisch versorgt“, sagt Interhelp-Vorsitzender Ulrich Behmann, der während des Sumatra-Einsatzes das Backoffice des mildtätigen Vereins neun Tage lang vom Balkan aus geleitet hat. Grund: Interhelp hilft zeitgleich Erdbebenopfern auf zwei Kontinenten: Neben der medizinischen Hilfe in Südostasien werden im Osten Bulgariens Menschen unterstützt, deren Häuser am 5. August bei einem Beben der Stärke 5,0 teils erheblich beschädigt wurden. „Die Verteilung von Baumaterial an Not leidende Familien mit Kindern ist am Samstagabend erfolgreich beendet worden“, berichtet Behmann. Von ehrenamtlichen Vertretern der heimischen Hilfsorganisation hatten die Opfer der Naturkatastrophe je einen Gutschein über 100 Lewa (50 Euro) erhalten. „Damit können sie mit eigener Hände Arbeit ihre beschädigten Häuser zumindest winterfest machen“, sagt Behmann.

In Sumatra kämpfen Klostermann und Käse gegen Tropenhitze (40 Grad im Schatten) und extreme Schwüle (90 Prozent Luftfeuchtigkeit nach Regengüssen), gegen Moskitos, Malaria und das Elend, das das Beben hinterlassen hat. „Wir bekommen hier alles zu sehen – von infizierten Wunden, über Kinder mit schweren Abszessen und viele akute Erkrankungen der oberen Atemwege und Knochenbrüche, die durch das Erdbeben verursacht wurden. Es gibt nicht genug sauberes Wasser. Einige Patienten haben über 40 Grad Fieber und eindeutige Zeichen von Austrocknung. Viele Menschen hier können sich den Transport in ein Krankenhaus nicht leisten, da sie wirklich alles verloren haben. Ich habe heute noch einmal die 30 Jahre alte Frau besucht, die die dreifache Beckenfraktur sowie eine eiterige über zehn Zentimeter lange Wunde am Schädel hat. Sie wurde am 30. September von einer Hauswand verschüttet und noch am selben Tag aus dem Krankenhaus mit nur fünf Schmerztabletten Paracetamol entlassen. Mithilfe des WHO-Direktors ist es mir gelungen, die Mutter von drei Kindern, die bei dem Erdbeben ihren Mann verloren hat, in das schwer beschädigte Krankenhaus von Padang einzuweisen, da sie dringend operiert werden muss. Orthopäden aus den USA haben Fitri Yanti kostenlos operiert“, berichtet Klostermann. „Die Menschen sind uns mehr als dankbar, sie küssen unsere Hände und sagen, dass die deutsche Hilfe von Interhelp hier vor Ort wie ein Geschenk Gottes ist“, erzählt Christian Käse.

Als der Krankenwagen das Dorf erreicht, um die Schwerverletzte abzuholen, macht der Fahrer rasch ein Foto. Noch niemals zuvor habe eine Infusion in seinem Auto gehangen, sagt er. Das müsse er festhalten. „Wenn man hier die Zerstörungen gesehen hat und die verzweifelten Menschen, die in den Trümmern mit bloßen Händen nach ihrem Hab und Gut suchen, dann freue ich mich, hier helfen zu können“, sagt Klostermann. Der 53-jährige Familienvater hat Tränen in den Augen, als er hinzufügt: „Die Kinder sind völlig traumatisiert. Sie wachen nachts auf, schreien und weinen, weil sie Angst haben, dass die Erde wieder bebt. Am späten Montagabend ist genau das passiert. Ein Erdbeben der Stärke 4,9 erschütterte Padang. „Alles hat gewackelt. Es war beängstigend. In Unterwäsche sind wir auf die Straße gerannt. Die Menschen waren in Panik“, sagt Klostermann – und fügt hinzu: „Angst, Elend und Tod – was wir hier erleben, ist nur schwer zu ertragen. Aber es ist umso wunderbarer, wenn man Kindern helfen kann. Diese leuchtenden Augen und ein Lächeln nach der Behandlung sagen mehr als ein Dankeschön.“

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Interhelp ruft zu Spenden auf. Geld kann ab sofort auf folgende Sonderkonten eingezahlt werden: Nr. 20313 bei der Sparkasse Weserbergland (BLZ 254 501 10), Nr. 33233 bei der Stadtsparkasse Hameln (BLZ 254 500 01) und Nr. 700 700 000 bei der Volksbank Hameln-Stadthagen (BLZ 254 621 60). Stichwort: Erdbeben.

Interhelp im Netz: www.interhelp.info und www.wesio.de/user/Interhelp

Ein Verschütteter hat in den Trümmern überlebt. Interhelp-Rettungsassistent Reinhold Klostermann und seine ehrenamtlichen Kollegen aus Mexiko behandeln den alten Mann.

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