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Thomas Lunacek: Aus der DDR nach Schaumburg geflohen - und jetzt als Politiker zurückgekehrt

"Was soll denn an der DDR gut gewesen sein?"

Landkreis (gus). Vor 18 Jahren ist Thomas Lunacek aus der DDR geflohen und vorübergehend im Landkreis Schaumburg heimisch ge worden. Inzwischen ist er CDU-Fraktionsvorsitzender im Brandenburger Landtag. Regelmäßig kehrt Lunacek zurück zu seinen politischen Wurzeln - denn in Schaumburg startete er seine Karriere. Unsere Zeitung hat mit dem 43-Jährigen über seine Gedanken zu Land und Landkreis gesprochen.

veröffentlicht am 19.12.2007 um 00:00 Uhr

Enge mag Thomas Lunaceküberhaupt nicht. Gemeint ist geistige Enge. Fehlende Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung haben Lunacek dazu gebracht, die DDR zu verlassen. "Wer angepasst war, konnte in der DDR gut leben. Ich habe schnell gemerkt, das geht für mich nicht", erzählt der Politiker. Als er eine Ausgabe des Magazins "Spiegel" in die Hände bekommen habe, sei ihm klar geworden, was den DDR-Bürgern per Nachrichtenpolitik verschwiegen wurde. Der Drang, die Heimat zu verlassen, wurde immer größer. Ausschlaggebend war letztlich ein Besuchsverbot seiner Verwandten in Hagenburg Mitte der achtziger Jahre. Es vergingen aber noch Jahre bis zur Flucht. "So etwas entscheidet man nicht von heute auf morgen", so Lunacek. Verschiedene "Spielarten" wie eine Flucht per Heißluftballon und das Durchschwimmen der Ostsee wurden verworfen. Lunacek entschied sich schließlich, mit einem Begleiter an der ungarischen Grenze "rüber zu machen". Kurz zuvor habe er über den Sender "RIAS" erfahren, dass die Selbstschussanlagen dort abmontiert worden waren. Was der Politiker erzählt, klingt filmreif: DDR-Grenzsoldaten entdeckten die Flüchtigen und nahmen die Verfolgung auf. "Wir waren aber motivierter und schneller", erzählt er mit leichtem Schmunzeln. Nach den StationenÖsterreich und Friedland folgte der Landkreis Schaumburg. Genauer gesagt: Auhagen. Dort lebte Lunacek anderthalb Jahre lang. In dieser Zeit arbeitete der gelernte Funktechniker in Hannover. "Die Region ist mir ans Herz gewachsen", betont er. Noch immer besuche er regelmäßig seinen Bruder, der vor ihm in den Westen geflohen war und in Obernkirchen wohnt. Und er verfolgt die Entwicklung des Landkreises. "Damals war noch nicht alles perfekt. Es hat sich vieles zum Positiven verändert", sagt Lunacek. Ein Beispiel sei die Stadthäger Innenstadt. An seine Zeit im Landkreis hat der jetzige CDU-Fraktionschef gute Erinnerungen. Die DDR-Propaganda von der "Ellenbogengesellschaft" habe sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Die Menschen in Westdeutschland habe er vor allem als hilfsbereit in Erinnerung. Zu den angenehmen Erinnerungen zählt der Eintritt in die Junge Union im Jahr 1989. Zwischenzeitlich war Lunacek Geschäftsführer. Als die Wende vollzogen war, wurde er zum Wahlkämpfer Lothar de Maizières, und nach dessen Wahlsieg entschied sich Lunacek, in den Osten Deutschlands zurückzukehren und dort Politik zu machen. Über die DDR-Zeit macht sich der jetzige Brandenburger keine Illusionen. Eine "knallharte Diktatur" habe geherrscht. Lunacek erinnert an die Todesurteile. Allerdings werde manches im Nachhinein glorifiziert. So erklärt sich der Christdemokrat auch, dass sich manche Ostdeutsche die DDR zurückwünschen. "Was soll denn damals gut gewesen sein? Die DDR-Mark, der Trabant, die fehlende Freiheit, dass man sich umdrehen muss, bevor man etwas sagt?" Die deutsche Einheit ist nach Lunaceks Meinung ein gutes Stück vorangekommen. Die "Mauer in den Köpfen" werde nach und nach verschwinden. Bei den Jugendlichen gebe es diese bereits nicht mehr. Das endgültige Zusammenwachsen sei eine Frage der Zeit. Länger als der geistige Vollzug werde der sächliche dauern. In puncto Wirtschaft und Bausubstanz gebe esnoch viel Nachholbedarf.

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