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Fullbrock, der Frost und die Flüchtlinge

Was geschah in Hameln in den Jahren 1946 und 1947?

Was geschah in Hameln in den Jahren 1946 und 1947? Es wurde ziemlich eng in der Stadt und zugleich bitterkalt. 1946/47 war kein Winter wie jeder andere. Es gab Probleme über Probleme.

veröffentlicht am 16.03.2018 um 15:54 Uhr

Thomas Wünsche

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Redakteur zur Autorenseite
Heinrich Löffler (SPD), Seite an Seite mit Oberstadtdirektor Georg Wilke, nach eineinhalbstündiger Ratssitzung am 22. Oktober 1946, um 18.30 Uhr vors Portal des Stadtsaals tritt, ziehen nicht nur am Abendhimmel dunkle Wolken auf. Löffler, im Zuge der Eröffnungs-Sitzung des ersten frei gewählten Nachkriegsrates einstimmig als Oberbürgermeister bestätigt und vom britischen Stadtkommandanten Lt. Colonel Fullbrock eingeschworen, drücken schwere Sorgen. Dass kürzlich die Schulspeisung eingeführt wurde, jedes Hamelner Kind einen Viertelliter Süßmolke pro Tag erhält, ist – wenn der Kämmerer auch 35 Reichspfennige pro Mund und Mahlzeit aus dem Stadtsäckel beisteuern muss – zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin: Doch ob die Bürger bei der Stadt-Sammlung genug Bucheckern abliefern werden, damit er, Löffler, im Gegenzug Margarine und Speiseöl ausgeben kann, macht dem Oberbürgermeister Kopfzerbrechen.

Was der Buchdrucker und Geschäftsführer der Gewerkschaft ötv noch nicht ahnt: In nur einem Monat, am 27. November 1946, wird er wieder im Stadtsaal stehen und einem fassungslosen Rat – 18 Sozialdemokraten, 9 Angehörige der Niedersächsischen Landespartei, 2 Christdemokraten, 1 Freier Demokrat – die Hiobsbotschaft aus der Landeshauptstadt verlesen: Hameln, Ende 1945 mit 3839 Evakuierten und 762 Flüchtlingen vollgestopft, wird weitere 4000 Flüchtlinge beherbergen müssen. 32 Kommissionen werden die Viertel durchkämmen und ausspähen, wo sich überhaupt noch ein Mensch unterbringen lässt. Der Rat wird überlegen, die Schulen zu schließen und als Flüchtlingsunterkünfte umzufunktionieren. Aber das wird noch nicht alles sein: Nur einen Tag vor Heiligabend, am 23. Dezember 1946, wird – bei 15 Grad minus – der „Kältetransport“ mit 1000 Breslauern auf dem Bahnhof einrollen. 24 von ihnen werden bereits an Erschöpfung und Erfrierungen gestorben sein, weitere elf werden ihre Ankunft in der neuen Heimat nur wenige Tage überleben.

Tausende von Flüchtlingen kommen nach Hameln, es wird bitterkalt – und die Briten wollen den Stadtwald abholzen

Bis zur Gründung der Bundesrepublik wird die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen – bei 34 000 „Ureinwohnern“ – auf annähernd 13 000 anwachsen. Von all dem kann Löffler, als er jetzt in die Admiral-Scheer-Straße einbiegt, noch nichts ahnen. Auch nichts davon, dass das, was dann im Frühjahr 1947 kommt, seine schlimmsten Ängste noch in den Schatten stellen wird. Wenn der Oberbürgermeister am 12. Februar 1947 erneut in die (Rats-)Bütt steigen wird, wird eine nie dagewesene Kältewelle die Arbeit von Industrie, Handwerk und Gewerbe seit Monaten eingefroren haben, werden in den Spitälern Minusgrade herrschen. Zufrieden werden bei diesem Frost einzig die Schüler sein, deren Weihnachtsferien mangels Brennmaterial bis zum 3. Februar 1947 ausgedehnt werden.

Was Löffler am Abend des 22. Oktober 1947 ebenfalls noch nicht ahnt: Das erste Jahr seiner Amtszeit wird mit einem Eklat enden. Am 16. Oktober 1947 wird der Hamelner Rat – ohne überhaupt in die Tagesordnung einzutreten – aus Unmut darüber, dass die Briten den Stadtwald abholzen „aufs Tiefste erschüttert“ auseinandergehen. Die Politiker werden aufgrund des Einschlags von 125 000 Festmetern Buchen- und Fichtenholzes von der Angst getrieben, dass die Hamelner Holzindustrie total in die Knie geht. Und kein Mobiliar mehr für die Flüchtlinge, die fast alles zurücklassen mussten, gefertigt werden kann.

Von all dem ahnt Hamelns Stadtoberhaupt am 22. Oktober 1946 noch nichts. Da es merklich abgekühlt ist, schlägt er seinen Mantelkragen hoch und die Tür hinter sich zu. Im stockfinsteren Hausflur – Stromsperre, noch immer – riecht’s nach Bauchfleisch. Die Lebensmittelmarken neben der tropfenden Wachskerze fehlen. „Lies-chen“, denkt Löffler, „das Anstehen hat sich doch gelohnt.“



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