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Evelyn Ennulat holt ihren Mann Arno Peter aus dem Herminenhof / Fünfseitige Kündigung prangert zahllose Missstände an

Was eine Angehörige Casa Reha ins Stammbuch schreibt

Bückeburg (rc). Dass beim "Herminenhof" offensichtlich immer noch einiges im Argen liegt, zeigt ein ganz konkretes Einzelbeispiel. Viereinhalb Jahre war Arno Peter Ennulat Bewohner d es Seniorenheims - und damit einer der ersten. Jetzt kündigte seine Frau den Vertrag und veranlasst den Umzug ihres Mannes in eine Einrichtung in Rehren. "Wenn einer den Herminenhof kennt, dann mein Mann und ich", sagte Evelyn Ennulat im Gespräch mit unserer Zeitung.

veröffentlicht am 20.09.2008 um 00:00 Uhr

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In ihrer fünfseitigen Kündigung hat sie ihrem Unmut Luft gelassen. "Das alles ist unter Casa Reha passiert", versichert sie, "zum Teil noch, nachdem zum ersten Mal die Vorwürfe an die Öffentlichkeit gedrungen sind und Abhilfe gelobt wurde." Hier wörtliche Auszüge aus der Kündigung: Abstellkammer: "Wenn man ein sehr schönes großes Zimmer hat, das auch wohnlich eingerichtet, aber das leider immer wieder nicht sauber und nicht aufgeräumt ist und mehr und mehr wie eine Abstellkammer aussieht, weil Kleidungsstücke auf Stuhllehnen mehrfach übereinander abgelegt werden, weil Schuhe unter dem Bett abgestellt sind, weil Inkontinenzmaterial überall im Zimmer herum liegt, weil Tischsets klebrig und große Flecke auf dem Teppich sind, weil stinkende Einlagen im Badezimmer liegen, dann kann man diesen Zustand doch nicht mit würdig bezeichnen." Essensreste: "Wenn ein Rollstuhl so mit Essensresten bekleckert ist, dass man daran die Speisekarte der letzten Zeit ablesen kann und - wenn der behandelnde Physiotherapeut mich darauf aufmerksam machen muss, dann fühle ich mich beschämt und es macht mir ein schlechtes Gewissen. Denen, die es angeht, auch?" Ohne Würde: "Wenn einem beim Essen im Speiseraum ein Malheur passiert und nur ein Handtuch auf die Pfütze unter den Rollstuhl geworfen wird und wenn man dann sitzen gelassen wird, während andere Bewohner und Angehörige das alles mit ansehen, wenn man aus dieser misslichen Lage erst dann befreit wird, wenn man aufgegessen hat, dann kann man das doch nicht ,in Würde leben' nennen." Gefährliche Pflege: "Wenn eine Pflegerin meinen Mann in meinem Beisein fragt: ,Ich habe hier zwei Spritzen, welche bekommen Sie, oder bekommen Sie beide?', dann kann man wahrlich nicht von Professionalität reden? Dann muss man von einer ganz gefährlichen Pflege sprechen?" Harnwegentzündung: "Wenn mein Mann innerhalb weniger Wochen zweimal eine Harnwegentzündung bekommt, dann kann doch etwas mit der regelmäßigen Gabe von Flüssigkeit nicht stimmen und auch nicht mit guten hygienischen Verhältnissen." Vergesslichkeiten: "Wenn man auf seine Wünsche nicht ausreichend eingeht, also vergisst, seinen gelähmten Arm abzupolstern, wenn ihm in seiner Bauchtasche oder auf seinem Nachttisch wichtige Dinge fehlen, wenn das Gelkissen in seinem Rollstuhl falsch reingelegt wird, dann ist für seine persönlichen Bedürfnisse nicht ausreichend gesorgt." Fingernägel: "Wenn die Fingernägel nicht regelmäßig ordentlich beschnitten und gefeilt werden, wenn dadurch Verletzungen auftreten und erst durch Ermahnung der Angehörigen eine Maniküre gemacht wird, dann kann man weder von Professionalität noch von würdevoller Pflege sprechen." Erbarmungswürdig: "Wenn die Haare gar nicht gekämmt sind, wenn man befleckte Hemden und Hosen tragen muss und es der Friseurin unangenehm auffällt, wenn die Kleidungsstücke nicht ordentlich angezogen werden, wenn man mit bekleckertem Lätzchen von einem Essen bis zum nächsten sitzen gelassen wird, wenn man unsachgemäß mit einem Schwung vom Bett in den Rollstuhl befördert und der Sitz noch nicht korrigiert wird, sodass eine gute Sitzposition erreicht wird, die das lange Sitzen überhaupt erträglich macht, dann ist das gesamte Erscheinungsbild eines Menschen schlampig und erbarmungswürdig. Dann kann man das doch alles nicht ,in Würde leben' nennen?" Pflegekräfte in Angst: "Wenn Pflegekräfte sich nicht trauen, eigene Fehlleistungen den Vorgesetzten unverzüglich zu melden, dann sind die alten Menschen fast immer die Leidtragenden. Erst als ich fragte, warum mein Mann nicht in seinem E-Rollstuhl sitzt, erfuhr ich, dass durch eine Fehlbedienung eines Pflegers der Rollstuhl nicht mehr funktionsfähig war. Es hatte keine Meldung, keine Eintragung in die Dokumentation, keine Anforderungen einer Reparaturverordnung oder gar einer Reparatur gegeben." Zähne weg: "Nicht viel anders hat es sich mit seiner verschwundenen Zahnprothese verhalten." Falsches Essen: "Dazu kommt noch, dass mein Mann tagelang kein entsprechend zubereitetes Essen bekommen hat." Schimmel: "Im Badezimmer steht eine private Wäschetonne, die ausschließlich für wollene Pullover und Jacken gedacht ist, die ich selbst waschen will. Aber immer wieder finde ich darin eingenässte Unterwäsche und Oberbekleidung, gelegentlich auch feuchte Bettwäsche. Wenn ich die Tonne leere, sind manchmal sogar Schimmel und Stockflecke dran. Nicht selten finde ich darin auch Müll, alte Latex-Handschuhe oder Papierhandtücher. Zuletzt habe ich eine sehr übelriechende Tagesbettdecke vorgefunden, die durch Erbrechen stark verschmutzt war." Gerät kaputt: "Auch für das Ladegerät des E-Rollstuhls gibt es eine schriftliche Anweisung vom Haus. Es wird darum gebeten, jedes Mal nach dem Laden den Netzstecker zu ziehen, weil sonst das Ladegerät kaputt geht. Das ist schon oft geschehen." - Jede Fehlleistung für sich allein genommen sei diesen Brief nicht wert. Aber die Summe aller Unzulänglichkeiten mache das große Unbehagen. Evelyn Ennulat: "Viel zu lange haben wir auf den Wandel zum Guten gehofft und sind doch immer wieder enttäuscht worden." Schon immer habe sie dem Pflegepersonal nicht allein die Schuld an der schlechten Pflege gegeben. Schon mit der Zunahme an Bewohnern habe sich die "anfangs noch gute" Pflegequalität geändert und es habe Anlass zu ernsthaften Beschwerden gegeben. "Ganz schlimm aber", sagt Evelyn Ennulat, "wurde es erst, als Casa Reha das Heim übernommen hat." Einiges sei in der letzten Zeit zwar besser geworden. So hätten die Menschen eine größere Auswahl an Beschäftigungsprogrammen. Es gebe endlich auch Tischdecken auf den Terrassentischen und seit dem "Tag der offenen Türe" auch mehr Blumentöpfe. Insgesamt aber, meint Evelyn Ennulat, sei "viel PR und viel Kosmetik" betrieben worden.

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