weather-image
×

Einblicke in die Entstehung und die Geschichte der heimischen Katasterämter

„Was darauß gedeiet, das sey die Grösse des Feldes“

Wie haben Landvermesser vor Hunderten Jahren gearbeitet? „Die Kunst dient zu erkündigen, wie weit oder groß ein Feld, Acker, Weingarte, Obstgarte, Krautgarte, Graßhof, Wise, Wald und sonst allerley Boden oder Platz sey“ heißt es dazu im 1578 erschienenen Werk „Bewerte Feldmessung und Theilung“. An dieser Aufgabenbeschreibung hat sich im Prinzip nichts geändert.

veröffentlicht am 08.11.2014 um 00:00 Uhr

Autor:

Komplett aus der Mode gekommen sind allerdings die in dem Buch geschilderten Messmethoden. So müsse bei der Vermessung „von viereckigen Feldern, die nicht allein lenger dann breiter, sondern auch an einem End breiter sind dann am andern“, in der Weise vorgegangen werden, „daß man ire Weite damit erlehrne, so man erstlich die zwo lange Seiten zusammen thu, und darnach auch die beide kurtzen, und alsdann das halb Theil von jeglicher summa nemme und ineinander multiplicire … Was darauß gedeihet, das sey die Grösse des Feldes“.

Genauso ungewohnt wie die Vorgehensweise muten aus heutiger Sicht auch die von einem Experten namens Johann Gutmann vor 430 Jahren genannten Messinstrumente und Maßeinheiten an. Gebräuchlichste Längenmaße waren Fuß (knapp 30 Zentimeter), Klafter (um 1,80 Meter) und Rute (zwischen drei und fünf Metern).

Die Erläuterung in der „Bewerten Feldmessung“ klang so: „Gemeinlich zu diesem Wercke benötigt wird eine Rute (hier im Sinne von Messlatte, Anm. d.Red.) oder Stange, in sechzehen gleiche Theile getheilt, welche Schuch (Schuh, Fuß) genant werden: darumb, daß sie eins zimlichen Mans Schuchs lang sind.“ Auf schwierigem Gelände seien „zu Zeiten auch eine Schnur in Klafftere (Klafter) undeknüpfft“ (unterteilt)“ sehr hilfreich.

3 Bilder

Nach Einschätzung der Geschichtswissenschaftler haben die „Bewerte Feldmessung“ Gutmanns und eine Reihe ähnlicher, im späten Mittelalter auf den Markt gekommener Fachbücher entscheidend zur Anwendung und Ausbreitung der Vermessungskunde im deutschsprachigen Raum beigetragen. Bis dato sei das bereits Jahrhunderte und Jahrtausende zuvor in China, Ägypten und im alten Rom genutzte geometrische Wissen nördlich der Alpen kaum bekannt gewesen.

Ob, wann und wo es in der hiesigen Region losging, ist unbekannt. Die im Staatsarchiv Bückeburg aufbewahrten Messkartenbestände aus der Zeit der alten Grafschaft Schaumburg reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Meist ging es um die Klärung von Grenzstreitigkeiten und Versuche der Obrigkeit, ihre Landbesitzer-Untertanen „angemessen“ zur Kasse zu bitten. Später spielten auch militärstrategische Planspiele eine Rolle. Das führte dazu, dass immer öfter auch „Officiers“ der herrschaftlichen Ingenieur- und Artillerie-Corps als Vermessungsbeamte zum Einsatz kamen.

Messmethoden, Maßeinheiten und Qualitätsstandards waren von Herrschaftsbereich zu Herrschaftsbereich sehr verschieden. Nach einer 1779 vom schaumburg-lippischen Grafen Philipp Ernst erlassenen „Verordnung wegen des Landmessens“ durften Grundstücke im Land nur „nach der hier im Lande gebräuchlichen Schaumburgischen Ruthen oder Fußmaas“ erfasst und ausgewiesen werden – und zwar „solchergestalt, daß 16 Schuhe auf die Ruthe und 120 Ruthen auf den Morgen gerechnet werden“. In der benachbarten hessischen Grafschaft Schaumburg waren zeitweise „eine Rute zu 18 Schuh, der Schuh zu zwölf Zoll“ vorgegeben. Fürs Maßnehmen kamen – statt Schnüren und Stangen – zunehmend Ketten in Gebrauch. Transport und Auslegen erledigten als „Kettenzieher“ bezeichnete Hilfsbeamte.

Einen Wandel erfuhr das hiesige Vermessungswesen Anfang des 19. Jahrhunderts. Auslöser waren die napoleonischen Eroberungskriege. Die von den Franzosen nach Überschreiten des Rheins in den besetzten Gebieten angeordnete „Bauernbefreiung“ brachte eine gewaltige Privatisierungswelle von Grund und Boden in Gang. Dass die Behörden mit den umfangreichen Mess- und Registrierungsarbeiten überhaupt klar kamen, hatte mit dem hohen Standard des vor allem auf die Erzielung von (Grund-) Steuern angelegten Vermessungs- und Registrierungswesen der Besatzer zu tun.

Kein Wunder, dass das System auch nach der Vertreibung Bonapartes beibehalten wurde. Zum Vorreiter und Taktgeber der Weiterentwicklung hierzulande wurde Preußen. Die Federführung lag beim königlichen Finanzminister. Um die Umsetzung vor Ort kümmerten sich „Steuerkommissare“, „Steuerinspektoren“ und „Katasterkontrolleure“. Zug um Zug kamen Begriffe wie Kataster, Parzelle und Liegenschaftsbuch in Mode.

Die ersten Katasterämter im Schaumburger Land sollen 1870 in Rinteln und vier Jahre später in Bückeburg aus der Taufe gehoben worden sein. In den bisher vorliegenden Chroniken wird auf entsprechende Weisungen der vorgesetzten Stellen verwiesen. So hatte die 1866 in Kassel eingerichtete preußische Provinzial-Regierung am 10. Februar 1870 angeordnet, dass die Dienststellen der Kataster-Fortschreibungsbeamten die Bezeichnung „Königliche Katasterämter“ zu führen hätten. Und die Gründung des Katasteramts Bückeburg wird als logische Folge des am 3. Januar 1873 vom damaligen Fürsten Adolf Georg erlassenen Gesetzes „betreffend die Vermessung, Bonitirung (Bodenschätzung) und Katastrirung des Landes“ gewertet.

Das Vermessungswesen gewann rapide an Bedeutung. Einen politisch bedingten, bisher noch weitgehend unerforschten Rückschlag gab es während der NS-Zeit, als der Aufgabenbereich auf den Führerstaat zugeschnitten und dem Reichsinnenminister unterstellt wurde.

Eine ganz anders geartete Rundumerneuerung erlebt das „Katastrirungs“-Geschäft seit den neunziger Jahren. Internet, elektronische Datenverarbeitung und Digitalisierung haben nicht nur zu einer tief greifenden Veränderung der Arbeitsverfahren, sondern auch zur Anpassung der Organisationsstruktur geführt. 1996 wurde das Katasteramt Bückeburg aufgelöst und in die Dienststelle in Rinteln integriert. Diese ist mittlerweile der in Hameln angesiedelten Regionaldirektion (RD) Hameln-Hannover des Landesamtes für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN) in der Landeshauptstadt zugeordnet.

Vor seiner Auflösung und Eingliederung in das Katasteramt Rinteln war die Dienststelle Bückeburg im Prachtbau des einstigen Bahnhofshotels (hier eine historische Aufnahme) untergebracht.

Romantisch-verklärte Darstellung eines Geometers bei der Arbeit (Gemälde des Schweizer Malers Albert Samuel Anker (1831-1910).gp



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt