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Mais beliebtes Mastfutter für Borstentiere / Rotte richtet Schaden von 5000 Euro an / "Drückjagd sinnlos"

Warum Wildschweine Biogas-Anlagen lieben

Schaumburg (wm). Zum fünften Mal in den letzten zwölf Monaten hat eine Rotte Wildschweine in der Nacht zu Sonntag die Gartenanlage eines Grundstückes in Schaumburg großflächig durchwühlt und eine Kraterlandschaft hinterlassen. Der Grundstückseigentümer schätzt den Gesamtschaden auf über 5000 Euro.

veröffentlicht am 04.09.2007 um 00:00 Uhr

"Über zwanzig Tiere müssen das gewesen sein", vermutet Jagdpächter Wilhelm Rinne sen., der sich den Schaden schon angeschaut hat. Helfen kann er nicht, denn der Garten in unmittelbarer Wohnbebauung liegt im so genannten "befriedeten Bereich" - das heißt: Schießen ist hier verboten. "Und ich will meine Jagderlaubnis noch ein paar Jahre behalten", bedauert Rinne. Außerdem seien Wildschweine "heute hier, morgen dort" - da könne man nächtelang ansitzen, ohne eine einzige Sau ins Zielfernrohr zu bekommen. Der Grundstückseigentümer in Schaumburg will deshalb selber die Initiative ergreifen und einen Elektrozaun rund ums Grundstück anlegen lassen - ein teurer Wildschutz. Denn die Rotte hat sich bisher von einem normalen stabilen Drahtzaun, noch verstärkt mit Brettern, keineswegs abhalten lassen. Ob Elektrozäune hundertprozentige Sicherheit bieten, dafür will zumindest Rinne nicht unbedingt die Hand ins Feuer legen: "Wildschweine sind hart im Nehmen." In der Jägerschaft und bei den Förstern ist das Problem der explosionsartig gewachsenen Wildschweinpopulation bekannt und dafür gibt es gleich mehrere Gründe: Durch die gute Eichel- und Buchenmast im Herbst und die milden Temperaturen sind die Borstentiere prächtig über den Winter gekommen. Jetzt istdas Nahrungsangebot groß, entsprechend wächst die Zahl der Frischlinge. In schlechten Jahren, erzählt Revierförster Heiko Gropp, bringe eine Bache vier bis fünf Frischlinge durch, jetzt bis zu zehn. Und dann gibt es eine neue Gleichung durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft, die da heißt: Mehr Biogasanlagen - gleich mehr Maisanbau - gleich riesige Felder - gleich mehr Wildschweine. Mais ist für die Sauen wie Mastfutter und steht anders als Weizen oder Raps deutlich länger auf den Feldern, oft bis in den Oktober. Wildschweine finden da nicht nur einen gedeckten Tisch, berichtet Forstdirektor Christian Weigel, sondern sind in den riesigen Felder mit denübermannshohen Pflanzen auch kaum aufzuspüren. Deshalb mache eine Drückjagd zurzeit keinen Sinn. So viele Jäger und Treiber, um ein Maisfeld komplett zu umstellen, gibt es nicht. Genaue Zahlen für die Wildschweine kann Weigel nicht nennen: Anders als bei Hasen und Rehen seien Zählungen schwierig, die Tiere großräumig unterwegs. Warum Bachen und Keiler trotz der gedeckten Mais-Tafel in Gärten wühlen, das habe, so Rinne, vor allem damit zu tun, dass sie auch "tierisches Eiweiß" brauchen, also Würmer, Insekten und sogar Mäuse - und die buddeln sie bevorzugt in Gärten aus. Vielleicht, scherzt der Jagdpächter, "hat sich auch herumgesprochen, dass wir hier nicht schießen dürfen". Die Jagd auf die Schwarzkittel wird traditionsgemäß am Hubertustag im Herbst eröffnet, wenn die Felder weitgehend abgeerntet sind. Abschussquoten gebe es nicht, erläuterte Weigel und dementierte gleichzeitig das Gerücht, die Jäger würden unter anderem deshalb so wenig Borstenvieh schießen, weil es keine Absatzmärkte mehr für Wildschweinfleisch gebe. Das sei zumindest für unsere Region nicht richtig: Es gebe im Herbst genügend Gaststätten und auch Metzger, die Wildbret aufkauften. Anders sei die Lage jetzt: Im Sommer sei es sicher schwieriger, Wildschwein zu vermarkten.



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