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Bissige "Nachtausgabe" mit Ulrich Reineking und Volker Buck in der Volksbank

Warum Schmelzkäseecken und Esspapier der wahre Luxus sind

Rinteln. Der Kritiker einer Hildesheimer Zeitung hatüber einen Auftritt von Ulrich Reineking und Volker Buck einmal geschrieben, das sei wie Kindergeburtstag - man wisse nie genau, wie das Ganze ausgehe.

veröffentlicht am 10.09.2007 um 00:00 Uhr

Volker Buck sorgte mit seinen Solos für die Gänsehaut, während d

Autor:

Hans Weimann

So ganz richtig ist das nicht, kontern Reineking-Fans, am Ende gibt es immer die Geschichte von dem schönen Mädchen in der Wurst und dem Staat, dem man nicht trauen sollte (übrigens aktueller denn je). Aber so ganz falsch ist es auch nicht, denn mit Reineking und Buck agieren wahre Anarchisten auf der Bühne, die virtuos mit der Erwartungshaltung des Publikums spielen und genussvoll nach links wie rechts in Weichteile treten. Die Betroffenen brüllen dann auch los - vor Vergnügen. Wobei man fairerweise sagen muss, auch der Protagonist schont sich nicht. Saukomisch, dass der in Berlin geplante Banküberfall seiner Wohngemeinschaftler ausgerechnet an der Lust auf türkische Currywurst und dem Flirt mit dem charmanten Bankangestellten scheitert. Und warum ist eigentlich vor Reineking noch niemandem die frappierendeÄhnlichkeit von Superministerin Ursula von der Leyen mit Disneys Hexe Gundula Gaukel aufgefallen? Reineking kann mit einer Stimmgewalt loslegen, die Säle füllt und Lautsprecher überflüssig macht, doch wenn er leise wird, wie am Donnerstagabend in der Volksbank, sollte man noch genauer zuhören, damit man mitkriegt, wenn das Fallbeil runtersaust. Eine Klasse für sich war wie immer Volker Buck, ein Wandlungskünstler mit seiner Gitarre, der Schmäh aus der Alpenrepublik ("Ba-, Ba-, Banküberfall") so originär wie das Sandmännchen zum Mitsingen über die Rampe bringt. Wem Bucks Hannes-Wader-Interpretation oder "Donna Donna" nach Donovan keine Gänsehaut über den Rücken jagt, ist vermutlich scheintot. Zwischendrin fliegen rosa Kissen ins Publikum, stiftet Reineking beim Verteilen von bunter Kreide zu subversivem Tun an ("ist aber keine Sachbeschädigung") und ruft lauthals nach der nächsten Flasche Bier. Große und kleine Untaten waren Leitfaden der gut zweieinhalb Stunden dauernden Ausschweifungen, die auch überraschende Erkenntnisse brachten, etwa, dass Churchill gern in fremden Taschen nach Kleingeld krabbelte, Wehner ("leih mir mal zwei Mark") als "Kreditbetrüger" durchgehen könnte und Kohl unstillbaren Hunger auf Butter hatte. Dann gab es noch eine Lektionüber die Hemmnisse beim großen Coup: Können Sie sich einen Stotterer als Bankräuber vorstellen? Einen Kunsterzieher, der Geldscheine als Unikate von Hand fälscht? Mehr als der Stundenlohn eines chinesischen Reispflücker ist da als gesellschaftlicher Mehrwert wohl nicht drin. Ergo - Verbrechenlohnt nicht. Und Reineking schaffte locker den Spagat von den Panzerknackern zu Ewald vom Rintelner Bahnhof ("lauter nackte Pöter") und seinen durch "Micky Maus" frühzeitig geweckten Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der bürgerlichen Presse. Wer nach diesem Abend nicht begriffen hat, warum Schmelzekäseecken, Softeis und Esspapier der wahre Luxus sind, viel besser als Champagner und asiatisches Finger-Food, dem seien weitere Stunden mit diesem Duo Infernale empfohlen - am 15. Oktober beim "Blauen Sofa" oder am kommenden Freitag bei der "Langen Nacht der Kultur" in Bückeburg.



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