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Die Professoren der Sommeruni: Helge Meyer, Künstler und Kulturwissenschaftler

Warum Performance kein Entertainment ist

Rinteln (cok). In der ganzen Welt reist Helge Meyer (37) herum, um seine ungewöhnlichen, bewegenden Kunst-Performances zu inszenieren. Trotzdem lebt der Künstler und Kulturwissenschaftler schon immer in einem kleinen Dorf bei Lengede, aus dem er zur Sommeruniversität nach Rinteln anreist, um angehenden Studenten die Grundlagen der Kunstform Körperperformance zu vermitteln.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 09:06 Uhr

Stein am Körper: Helge Meyer will die Last der anderen tragen -

"Ich bin kein Entertainer. Mir liegt nichts an der so genannten Kleinkunst", sagt er. "Mir geht es um Bilder und um die Begegnungen, die entstehen, wenn ich diese Bilder inszeniere." An einem seiner Darbietungen, die er in (stark) abgewandelter Form vor zwei Jahren auch auf dem Rintelner Marktplatz gezeigt hat, kann man das besonders gut verdeutlichen. "Taschlich" heißt diese Performance, so wie ein jüdisches Gebet, das gesprochen wird, wenn die Gläubigen um Vergebung ihrer Sünden bitten, indem sie Brotstückchen ins Meer werfen. Als Helge Meyer das zum erste Mal präsentierte, war das am Meer. Er bat die ihn umstehenden Menschen, auf schwere Steine eine persönliche Schuld zu schreiben. Fast nackt, goss er sich flüssiges Wachs über den Körper und ließ sich diese beschriebenen Schuld-Steine auf Kopf und Schulter, an Arme, Bauch und Beine binden, um so beladen dann ins Wasser zu wanken. Natürlich stößt er oft auf Skepsis und Unverständnis, zumindest im ersten Moment. Deshalb gehört zu diesen Inszenierungen und ihren meist zugleich berührenden Bildern unbedingt auch das Gespräch, sowohl zwischen Künstler und Zuschauer, als auch unter den Zuschauern selbst. Dann wird vielleichtdeutlich, dass die Qual mit dem heißen Wachs nicht einfach ein Happening ist, sondern den tiefen Ernst der Frage ausdrücken kann, ob es möglich sei, dass einer des anderen Last trage. "Es ist nicht so, dass ich ein Schamane bin, so wie Joseph Beuys es in seinem Selbstverständnis war. Was ich tue sind symbolische Handlungen", sagt Meyer. "Ich möchte in den Köpfen der Betrachter auf ein Echo stoßen, und dass sie Bilder, die ich entstehen lasse und die gleich wieder vergehen, trotzdem mit sich nehmen. Und auch, dass sich das Verständnis von dem, was Kunst sein kann, erweitert." Bereits in der Schulzeit, angeregt von einem Kunstlehrer, den er sehr bewundert hat, interessierte sich Helge Meyer leidenschaftlich für die Kunst der Performance. Er studierte "Angewandte Kulturwissenschaften" in Hildesheim und promovierte gerade mit einer spannenden Arbeit über: "Handeln und Leiden, Schmerz als Bild in der Performance Art". Als Lehrbeauftragter an der Uni Hildesheim gibt er sein Wissen in Theorie und Praxis weiter. "Ja, ich bin in der glücklichen Position, dass ich aus meiner Leidenschaft einen Beruf machen konnte." Wenn er jetzt an der Sommeruni für angehende Studenten einen Workshop und reich bebilderten Vortrag anbietet, dann geht es nicht nur darum zu zeigen, wie man mit einfachen Mitteln wie dem eigenen Körper, der Zeit und dem Raum ein Kunstwerk schaffen kann, sondern auch darum, in welchem kunstgeschichtlichen Kontext die Performance-Art steht. Und er wird auch von der Vorbereitungsarbeit erzählen, die hinter diesen Performances steckt, wozu in hohem Maße auch die Fähigkeit gehört, kluge wie ausführliche Anträge zu schreiben, Mitstreiter zu finden, damit zum Beispiel das Deutsche Goetheinstitut bereit ist, Kunstreisen in die Welt finanziell zu unterstützen.

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