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Gespräch mit Rezitator Frank Suchland / Zunehmende Eintönigkeit des Rundfunks als Grund

Warum Hörbücher immer mehr Fans finden

Bückeburg. Mit "Der Kuckuck ist ein scheues Reh", hat Frank Suchland kürzlich sein mittlerweile bereits achtes Hörbuch vorgelegt. LZ-Redakteur Dr. Thomas Wünsche sprach mit dem erfolgreichen Rezitator über die Faszination und die "Klippen" dieser Kunst.

veröffentlicht am 24.04.2007 um 00:00 Uhr

Frank Suchland: "In Deutschland herrscht noch zu viel Schubladen

Herr Suchland, Hörbücher sind "in". Ihre auch. Warum? Da gibt es sicher viele Gründe. Zeit wird in unserem Lebensalltag immer kostbarer - und Gleichzeitigkeit ist eine Art Trend geworden. Das Hörbuch bietet mir literarische Beschäftigung bei eher monotonen Alltagsverrichtungen, etwa bei Autofahrten. Zudem fördert die zunehmende Eintönigkeit des Rundfunks das Interesse an neuen Inhalten. Inszenierte Lesungen mit Musik und Klangcollagen intensivieren das Hörerlebnis häufig noch und eröffnen vielen Menschen erstmals einen Zugang zu einem literarischen Werk. Ich denke da zum Beispiel an das Rilke-Projekt, aber auch an unsere Balladen-Hörbücher. Auch die Zusammenstellung auf der CD "Der Kuckuck" ist großartig. Doch wie lange lässt sich das noch durchhalten? Gehen Ihnen nicht irgendwann die wirklich guten Autoren und Texte aus? Da hab' ich keine Sorgen. Die Literaturlandschaft war noch nie so vielfältig und spannend wie heute. Ein Gang über die Leipziger Buchmesse lässt mich immer noch überwältigt zurück. 2002 haben Sie die erste CD mit den "Schauerlichen Balladen" herausgebracht. Sie war ein Volltreffer. Hat sich Frank Suchland seitdem weiter entwickelt? Das wünsche ich mir natürlich. Diese Frage können meine Hörerinnen und Hörer aber viel besser beantworten. Einen wirklich guten Text liest man in verschiedenen Reifestufen des Lebens immer wieder anders und neu. Nun sind nicht alle Gedichte gleich leicht zu sprechen - mit welchem mussten Sie denn am meisten kämpfen, bis der Text so von Ihrer Zunge kam, dass Sie am Ende zufrieden waren? Allgemein gilt: Lyrik ist meist schwerer zu lesen als Prosa, weil dem einzelnen Wort des Gedichtes zentralere Bedeutung zukommt und seine Funktion sprachlich exakter erarbeitet werden muss. Desto präziser und komplexer die Lyrik, desto komplizierter die Lesart. Das Rezitieren ist eine Kunst, die man sich - wie die musikalische Interpretation - lange erarbeiten muss. Oder, anders ausgedrückt: Wenn ich die Mondscheinsonate annehmbar spielen kann, gebe ich deshalb noch keinen Konzertabend. Um Ihre Frage konkret zu beantworten: Schwer empfand ich Gernhardts "Deutung eines allegorischen Gemäldes". Haben Sie schon einmal vor einem Autor kapitulieren müssen, weil er sich einfach nicht "hörbar" rezitieren lässt? Nein. Allerdings gibt es für mich Grenzen. Mundarttexte lese ich nicht, weil ich keinen Dialekt perfekt genug beherrsche, um wirklich überzeugend zu sein. Das gilt beispielsweise auch für einige Werke von Kurt Tucholsky oder Karl Valentin. Dadaistische Dichtung von Hugo Ball oder Kurt Schwitters gehört auch nur in Ansätzen zu meinem Repertoire. Was meinen Sie: Nehmen Hörbücher den Menschen die Zeit, die sie sonst aufs Lesen verwenden würden? Oder investieren die Leser die Zeit zum Hören zusätzlich? Das weiß ich nicht genau. Auf alle Fälle wird ein Hörbuch niemals das aktive Lesen ersetzen können. Ein echtes, gebundenes Buch ist oft ein kleiner Schatz, der einen Menschen ein Leben lang begleitet. Hörbücher erreichen nur selten diese ästhetische Dimension Warum muss man ein Gedicht laut lesen - oder hören - um es zu verstehen? Muss man gar nicht. Das laute Lesen dient zunächst einmal nur der genaueren Texterfassung, weil die Augen allein meist ein wenig zu schnell über die Zeilen huschen. Aber verstehen kann ich ein Gedicht auch ganz im Stillen. Die versierte Interpretation eines Sprechers verhilft mir möglicherweise zur Neuentdeckung und Umdeutung einzelner Passagen oder des ganzen Inhalts. Mein Blickwinkel erweitert sich ganz einfach. Dazu kann aber zum Beispiel auch ein Gespräch mit Freunden beitragen. Welcher Herausforderung in punkto Literatur will sich Frank Suchland noch stellen? Ich würde gerne noch interdisziplinärer arbeiten. Mich interessiert etwa das Zusammenwirken kreativer Menschen aus den Bereichen Film, Musik, Literatur und Theater an einem Projekt. In Deutschland herrscht noch zu viel Schubladendenken und zu wenig Experimentierfreude. Mal sehn, wohin der Weg mich führt.



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