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…und eine Safari im Dunkeln beginnt: Norwegen, das Königreich mit dem Wolkenhut, lässt sich in der Telemark erkunden

Warum Elche vor Mitternacht nicht ins Bett gehen…

Rauland. Es ist keine halbe Stunde her, dass Tone Marie Helgetveit und Geir Midtbø in ihrem gemütlichen Austbø Hotel das delikate Hirschfilet mit Preiselbeeren in Rotweinrahmsoße serviert haben. Und schon ist Elch gefragt. Nein, (noch) nicht auf dem Tisch. Sondern vor dem Fenster des Kleinbusses, der am späten Abend durch die norwegische Dämmerung schunkelt, um – beladen mit 18 neugierigen Insassen aus den Niederlanden, aus Dänemark, Simbabwe und Deutschland – das zu unternehmen, was nach echtem skandinavischen Abenteuer für Naturburschen klingt: eine Elchsafari.

veröffentlicht am 13.11.2009 um 14:25 Uhr

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Autor:

Julia Marre

„Im Durchschnitt sehen wir fünf Tiere in einer Nacht“, macht Boudewijn Kerssemakers seinen gespannten Passagieren Mut. Auch er stammt aus den Niederlanden, lebt seit 1994 in Norwegen. Weshalb? „Weil ich hier meiner Frau begegnet bin“, schwärmt er. Wenn er nicht gerade dreimal wöchentlich als Reiseleiter durchs nächtliche Norwegen fährt oder in der Spätschicht bei der örtlichen Bibliothek arbeitet, dann sieht er seine Frau auch. „Aber sie hat sich schon an meine Arbeitszeiten gewöhnt“, schmunzelt Boudewijn. Und säße jetzt – immerhin geht es auf Mitternacht zu – wohl doch am liebsten auf dem heimischen Sofa neben ihr.

Stattdessen gibt er den unterhaltsamen Naturkundelehrer. „Elche sind daran gewöhnt, weite Strecken zurückzulegen. Sie wandern viel“, erklärt er per Mikro. „Feste Plätze, an denen man sie immer trifft, gibt es nicht. Aber wir kennen einige Orte, an denen man gute Chancen hat.“ Der Bus verlässt die bequeme Landstraße; einen holprigen Feldweg steuert Fahrer Kjetil Haugan an und schaltet im Wagen das Licht aus. Ein Niederländer von der Rückbank (es scheint auch in Skandinavien ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass hier gern die Spitzbuben sitzen…) hantiert mit seiner Digitalkamera. Grelles Blitzlicht flackert durch den Bus, als er ein Foto schießt. Überschwänglich gestikulierend verkündet er, einen Elch gesehen zu haben. Es war zweifellos ein Scherz. Doch niemand lacht. Zwischen Windschutzscheibe und Kofferraum herrscht andächtige Stille. Gebannt und erwartungsvoll blicken alle aus dem Fenster.

Mit der rechten Hand hält Fahrer Kjetil das Lenkrad fest, mit der linken eine überdimensionale Taschenlampe aus dem Fenster. Vom Dach strahlen inzwischen Scheinwerfer, die das nachtschwarze Stück Waldrand mit Wiese in leuchtendes Grün verwandeln. Das Flutlicht ist eingeschaltet. Was fehlt, sind die Stars in der Manege. Da! Ist das ein Elch? Ein im Wind taumelnder Busch? Ein vorbeihuschender Schatten? „Hier sehen wir eine Elchkuh mit ihrem Jungen“, spricht Boudewijn in der Nähe von Øyfjell durchs Mikro. Aufatmen im Bus. Der mittlerweile einsetzende Regen hat die Hoffnung zwar schrumpfen lassen, überhaupt einen Elch zu sehen. Nun aber sind alle erleichtert. Durch die Scheibe und Dutzende Meter tiefschwarze Nacht getrennt, steht eine Elchkuh auf der Wiese. Nebenan grast ihr Kalb mit weit auseinandergespreizten Vorderbeinen, wie es sonst nur Giraffen tun.

Schöner Ausblick: Das Austbø Hotel liegt idyllisch am See  Tanns
  • Schöner Ausblick: Das Austbø Hotel liegt idyllisch am See Tannsvatn.
Imposanter Anblick: die Stabkirche in Heddal.
  • Imposanter Anblick: die Stabkirche in Heddal.
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Obwohl es stockfinster und die dunkle Silhouette der Tiere kaum einzufangen ist, zücken etliche Touristen ihre Kameras. Blitzlicht flackert durch den Kleinbus, Auslösergeräusche und Getuschel sind zu hören. Noch mehr als anderthalb Stunden lang werden Kjetil und Boudewijn in dieser Nacht unterwegs sein – und mit ihnen die ein Abenteuer herbeisehnenden Touristen. Zwischendurch legen sie einen Stopp am Souvenirshop von Aud Trovatu ein – hier gibt es vom Elch-Schinken bis hin zur urigen Deko alles, was das Herz eines Skandinavien-Fans begehrt.

Als am nächsten Vormittag die Sonne hinter den Wolken hervorlugt, offenbart sich die ganze Schönheit Norwegens. Tiefgrün ruhen die Wälder an klaren Seen. Die Berge in der westlich von Oslo gelegenen Telemark verstecken sich unter ihrem noch schlafmützigen Wolkenhut. Unzählige Besucher stürmen wie ferngesteuerte Lemminge auf den 1822 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Gipfel. „Der Gaustastoppen ist der schönste Berg der Welt“, sagt Bjørn Naset. Wie er das sagt, glaubt man es ihm gerne. Auf dem Gipfel verkauft er Cognac an Touristen – das Geschäft brummt. Ansonsten wird hier oben nur „enkel severing“ angeboten – einfacher Service. Die junge Dänin Annemarie lebt in den Sommermonaten sogar über den Wolken. In der Holzhütte, auf deren Besuch sich Bergsteiger und Wanderer stundenlang freuen, backt sie am Tag rund 800 Waffeln. Allein für das heiße Gebäck mit selbstgekochter Himbeer- oder Blaubeermarmelade lohnt sich der Aufstieg. Mehr aber fasziniert der Blick auf winzige Seen, Wälder, Berge, Straßen – und Wintersportanlagen. Es gibt 13 Skilifte rund um den Gaustastoppen, 30 Loipen erschließen eine 55 Kilometer weite Langlaufstrecke. Doch auch ohne die Puderung eines Winterwunderlandes ist die Telemark wunderschön – „Klein Norwegen“ wird sie genannt, weil sich hier alle Attraktionen des skandinavischen Staates auf engstem Raum versammelt haben.

Neben der erlebenswerten Natur mit ihren Wäldern und sogar Obstplantagen, besticht die Gegend vor allem mit einem: ihrer liebevoll bewahrten Tradition. Wer norwegischer Folklore nachspüren möchte, ist hier richtig. In Heddal etwa führt Bente Clausen durchs Heimatmuseum. Keine leichte Aufgabe, denn ihre für die Telemark typische Tracht wiegt 9,2 Kilogramm. Nur sonntags ist sie nicht ganz so schwer: Dann trägt Bente eine schlichte weiße Bluse anstatt der warmen wollenen.

1604 wurde das Holzhaus errichtet, durch das die zufrieden lächelnde Mittfünfzigerin vorangeht. Offensichtlich lebten hier einst reiche Norweger – davon zeugt die Jahrhunderte alte Rosenmalerei in den Räumen. Die bläulichen Zeichnungen Olav Hanssons finden sich auch auf den Trachten wieder: Es sind schwarze Samtgewänder mit farbigen Stickereien und etlichen Verzierungen. 40 000 norwegische Kronen (umgerechnet 4500 Euro) kostet das außergewöhnliche Outfit, das auch bei Kindern immer noch sehr beliebt ist.

Nur wenige Meter entfernt vom Heimatmuseum mit zur Zeitreise einladenden Wohnstuben und gut erhaltenen Speicherhäusern, ragt die größte Stabkirche Norwegens empor. 750 hölzerne Gotteshäuser gab es im Mittelalter in Norwegen, heute sind noch 28 erhalten. Nachdem die überwiegend in landestypische Trachten gehüllte Hochzeitsgesellschaft die Kirche verlässt, ist auch hier schnell klar: Traditionen? Nach denen röhrt in Norwegen jeder Elch. Auch der, der sich bei einer Safari nicht zeigt…

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