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„Warten, warten – das geht auf die Nerven“

Wenn sie an ihre Brüder denkt, dann blickt die 51-Jährige neidisch auf deren Berufsleben. Seit der Ausbildung im selben Betrieb – was für ein Luxus. Sie kommt aus dem Reden nicht raus, spricht über die Vorzüge des geregelten Arbeitsalltags; und spricht ebenso über die eigene quälende Ungewissheit mit häufig wechselnden Unternehmen, wenn es überhaupt Arbeit gibt. Nur wenn es um ihren richtigen Namen geht, hüllt sich Claudia K. in Schweigen: Die Hamelnerin ist bislang Zeitarbeiterin gewesen – auf Anonymität legt sie Wert. Besser ist besser. „Man schimpft über die Arbeit, denkt an Urlaub oder an Freizeit“, sagt sie. Und erzählt von den Zeiten, in denen sie hoffte, wieder etwas zu tun zu haben. Regelmäßig. Wissen, warum man morgens aufsteht. Und: planen können. Ganz einfach eine Perspektive haben. „Dann ist man froh, Arbeit zu haben – klar, blöder Spruch, aber es stimmt.“

veröffentlicht am 12.04.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:05 Uhr

Christian Branahl

Autor

Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Die gelernte Näherin kam vor dreieinhalb Jahren zur Hamelner Beschäftigungsgesellschaft Impuls gGmbH, die sich auf das Instrument der Arbeitnehmerüberlassung spezialisiert hat, besser bekannt unter dem Begriff der Zeitarbeit. Der Dienstleister vermittelt Frauen und Männer, wenn bei Firmen und Unternehmen kurzfristig Bedarf besteht. Die 51-jährige Claudia K. lässt nichts auf Impuls-Niederlassungsleiter Gerhard Rustenbach kommen. Er helfe, wo er nur könne, außerdem schätzt sie den guten Ruf der Beschäftigungsgesellschaft. Während landauf, landab Zeitarbeitsunternehmen wegen Lohndumpings in Verruf kommen, hat Impuls einen Tarifvertrag mit der IG Metall abgeschlossen. Selbst die Arbeitsagentur hebt hervor, dass die Beschäftigungsgesellschaft als einziges Zeitarbeitsunternehmen in Hameln mit dem Prinzip „Equal Pay“ die finanzielle Gleichbehandlung von Leiharbeitnehmern fördert, gleichzeitig nicht die Absicht hat, Gewinne zu erzielen.

Wunder bewirken kann die Beschäftigungsgesellschaft aber nicht. Sie reagiert, wenn Betriebe Auftragsspitzen bewältigen wollen oder personelle Engpässe durch Krankheitsfälle überbrücken müssen. Rustenbach weiß selbst über die Unsicherheiten bei den Mitarbeitern. „Da sitzt immer die Angst im Nacken: Wie lange dauert es noch, dass ich arbeiten darf?“, sagt der Niederlassungsleiter. „Wir sind die Ersten, die gehen müssen“, hat Claudia K. selbst erlebt.

Die Zeiten sind lange vorbei, dass Näherinnen gefragt waren, die meisten größeren Betriebe sind Produktionen in Billiglohnländern zum Opfer gefallen. Dann erhielt die 51-Jährige über Impuls den ersten Job.

Was für ein Gefühl, den beruflichen Leerlauf zu beenden, den Tagen wieder Sinn zu geben, die Zeit zu nutzen und damit wieder eigenes Geld zu verdienen. Doch irgendwann merkte sie selbst, wie in dem Betrieb die Arbeit immer weniger wurde. „Da kommt die Panik.“ Nach elf Monaten war es vorbei. „Das war heftig“, erinnert sie sich. Ein halbes Jahr musste sie sich gedulden, bevor sie wieder Arbeit bekam. Im Augenblick ist die Näherin auf der Sonnenseite: Sie ist von dem Betrieb, bei dem sie als Zeitarbeiterin beschäftigt war, zunächst befristet übernommen worden. Claudia K. weiß den Wert zu schätzen, von der unregelmäßigen Zeitarbeit in eine Dauerstellung zu wechseln: „Ich kann wieder besser schlafen, bin zufriedener.“

Rustenbach macht keinen Hehl daraus, dass sie eine Ausnahme darstellt, obwohl das Instrument der Zeitarbeit die Chance eröffnen soll, ins Berufsleben zurückzukehren. Impuls liege mit einer Vermittlungsquote von gut 14 Prozent über dem Schnitt aller Zeitarbeitsunternehmen. Sie lag aber schon mal über 56 Prozent. Die Reglementierungen für die Zeitarbeit wurden immer weiter aufgeweicht, um mehr Frauen und Männer wieder zu beschäftigen, ohne dass starre Vorschriften dies ausbremsen. „Das war halt politisch gewollt“, sagt Rustenbach.

„Mit dem erleichterten Einsatz von Zeitarbeit durch die Reformen am Arbeitsmarkt sind neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstanden, die allerdings selten eine Brücke in reguläre Arbeitsverhältnisse darstellen“, sagte Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, im vergangenen Jahr bei der Vorstellung einer Studie zu diesem Thema. Naheliegend, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisch dazu steht: Schlecht entlohnt seien Leiharbeiter, kaum Chancen auf betriebliche Weiterbildung hätten sie.

„Heuern und Feuern ist immer noch an der Tagesordnung“, meinen die Gewerkschafter. Ebenso erwartungsgemäß hält die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände dagegen. „Zeitarbeit hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Anpassungsfähigkeit des Arbeitsmarktes heute deutlich höher ist als früher“, heißt es. „Aufgrund der Konjunktursensibilität ist die Zeitarbeitsbranche zurzeit eine der ersten, in der wieder Personal aufgebaut wird.“ Ganz vorne mit dabei ist der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ), um das Image zu verbessern. „Qualität wird sich durchsetzen“, so Dr. Jenny Rohlmann, Marketingleiterin des Verbandes, der über 1700 Unternehmen der Branche vertritt. Von negativen Praktiken distanziere sich der iGZ nicht nur, sondern er habe auch mit seinem Tarifpartner eine Anti-Missbrauchsklausel festgeschrieben.

Unabhängig davon, wie die unterschiedlichen Interessengruppen das Instrument der Zeitarbeit sehen, das den Arbeitsmarkt flexibler gestalten soll: Natürlich liegen einige Vorteile auf der Hand, verweist selbst die Zeitarbeitsbranche darauf, dass Fachkräfte auf diese Weise erste Erfahrungen in der Praxis sammeln wollen, ohne sich gleich auf einen Betrieb festlegen zu müssen.

Doch für viele bringt die gewünschte Flexibilität Unsicherheit: Ein Job auf Abruf – da sind die Zeiten zu ungewiss, um Pläne zu schmieden, größere Anschaffungen zu finanzieren oder gar der Hauptverdiener für eine Familie sein zu wollen. Die Techniker Krankenkasse stellte bei den Befragungen für den Gesundheitsreport 2009 sogar fest: Der Aspekt der Arbeitsplatzsicherheit wird von 49 Prozent der Beschäftigten der Zeitarbeitsbranche als „ziemlich“ oder „sehr“ belastend eingestuft.

„Man ist immer in der Schwebe“, so umschreibt die Näherin Claudia K. dieses Gefühl. Und: Sie hat fast Mitleid mit Heinrich W., ebenfalls bei Impuls beschäftigt und in Wartestellung. „Da habe ich noch Glück gehabt“, sagt sie. „Für Männer ist die Situation noch schwerer zu ertragen“, glaubt sie. Im Alter von 42 Jahren kam Heinrich W. aus Kasachstan nach Deutschland. 22 Jahre lang war er in seiner früheren Heimat Lkw-Fahrer. „Als ich nach Deutschland kam, hieß es, ich bin zu alt“, beschreibt der heute 52-jährige aus Aerzen die schwierige Suche nach einer dauerhaften Beschäftigung. In den vergangenen fünf Jahren jobbte er in fünf Betrieben, mal im Gartenbau, ein anderes Mal in der Möbelmontage.

Fast ging sein Wunsch nach einer festen Anstellung bei einer größeren Firma in Erfüllung – dann kam die Wirtschaftskrise. „Ein schlimmes Gefühl“, sagt der Vater einer Auszubildenden und eines Schülers. An ein eigenes Haus will er gar nicht denken, wenn es doch wenigstens noch eine Eigentumswohnung wäre – die Wünsche werden bescheidener. Mit den Jahren wächst die Ungeduld. „Ein schlimmes Gefühl. Wenn ich nicht arbeite, vergeht die Zeit nur langsam“, sagt Heinrich W. „Warten, warten – das geht auf die Nerven.“

Impuls-Niederlassungsleiter Rustenbach kann ihm zumindest Hoffnung machen, dass es bald wieder Arbeit für den 52-Jährigen gibt. „Auch wenn es nur für ein halbes Jahr sein sollte“, sagt Rustenbach, der trotz mancher Schattenseiten besonders die Vorteile hervorhebt. Selbst Claudia K. bestätigt, dass ihr über die Zeitarbeit trotz einiger Widrigkeiten der Einstieg ins Berufsleben wieder gelungen sei. Ihre vielen Bewerbungen hatten keinen Erfolg gebracht, doch Impuls verhalf der Näherin zum Zugang in die Praxis. Rustenbach bestätigt die Einschätzung von Claudia K.

„Die Betriebe fragen uns nicht, wie alt jemand ist oder wie lange er arbeitslos war – sie wollen, dass jemand kommt, der die Arbeit macht“, sagt der Niederlassungsleiter. „Das bringt Frauen und Männern die Chance, irgendwo reinzukommen, ohne vorher durchgecheckt zu werden.“

Die Bundesagentur für Arbeit unterlegt dies aktuell mit Zahlen für das vergangene Jahr, als im Juni bundesweit insgesamt 806 100 Leiharbeitnehmer bei rund 16 000 Zeitarbeitsunternehmen beschäftigt waren – 138 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. „Zwei Drittel der neu abgeschlossenen Zeitarbeitsverhältnisse im ersten Halbjahr 2010 wurden mit Personen geschlossen, die direkt davor keine Beschäftigung ausübten.“

Dennoch: Das Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn sieht in dem Modell keine Wachstumsbranche. Zwar würden sich Zeitarbeitsunternehmen stärker bemühen, das Angebot mit Fachkräften und hoch qualifizierten Mitarbeitern auszubauen, sagt Dr. Werner Eichhorst, stellvertretender Direktor Arbeitsmarktpolitik des Institutes, aber: Ob Lagerarbeiter oder Hilfskräfte – vor allem einfach und gering qualifizierte Frauen und Männer bildeten den Schwerpunkt.

Erschwerend hinzu komme für die Branche „die negative öffentliche Wahrnehmung“, meint Eichhorst. „Sie gerät immer stärker unter Druck.“ Umso mehr sich aber das Equal-Pay-Prinzip durchsetze und die Löhne den regulären Tarifen angeglichen würden, desto weniger interessant werde die Zeitarbeit aus finanzieller Sicht für die Arbeitgeber. Der Trend zu atypischen Arbeitsverhältnissen werde sich allerdings fortsetzen, glaubt Dr. Eichhorst.

Neben einem festen Mitarbeiterstamm werde es in den Unternehmen zunehmend flexibel Beschäftigte geben.

Mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt – dadurch erhofft sich die Politik mehr Beschäftigungsverhältnisse. Ein Instrument dabei ist die Zeitarbeit, bei der Frauen und Männer vorübergehend an Betriebe vermittelt werden. Doch: Das stellt die Zeitarbeiter vor große Ungewissheit.



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