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Von erhöhtem Posten wurden unliebsame Eindringlinge, Händler und eigene Truppen gemeldet

Wahrendahl stüert (steuert) Hemeringen

veröffentlicht am 13.02.2009 um 10:24 Uhr

Der Hemeringer Berg mit x Warte

Autor:

Friedrich-Wilhelm Rekate

So stand es auf einem Krug, der den Wahrendahlern heilig war. Ein Ziegler soll ihn von seiner Wanderung als Saisonarbeiter von weit her mitgebracht haben. Seit über 100 Jahren gilt er jedoch als verschollen. Ob er bei der großen Juliflut 1891 fortgespült wurde oder später, wie man vermutet, von Zigeunern gestohlen, ist unklar. Seinen Platz hatte er seit Menschengedenken auf der Diele der jetzigen Familie Isensee neben dem ledernen Löscheimer hinter der Dielentür.

Bei Feierlichkeiten, gefüllt mit Gerstensaft, machte er seine Runden und stärkte durch wilde Trinksprüche das Selbstbewusstsein der rauhen Burschen im „Wartetal“. Dieses Bewusstsein hat sich bis heute gehalten, und so haben die Wahrendahler vor einigen Jahren die Alpenrepublik „Freistaat Wahrendahl“ ausgerufen (siehe Foto). Dieses Schild ziert nun die Ortsein- sowie Ortsausgänge.

Was aber brachte das kleine Wahrendahl zu soviel Selbstsicherheit gegenüber dem großen Hemeringen? Tatsächlich ging es hier um Sicherheit! Blicken wir zurück in der Geschichte.

Das Schild ziert den Ortseingang und Ortsausgang von Wahrendahl

Schon zu Beginn der Zeitrechnung waren die Weserterrassen von Westendorf bis Unsen altes Kulturland. Der Süntel, Sünte-loh oder Sunntal (Sonnental), war mit dem Hohenstein und weiteren heiligen Stätten das größte Heiligtum der Germanen. Der größte der 45 durch Tacitus genannten Stämme waren die Cherusker, die zu dieser Zeit vom Süntel bis zum Teutoburger Wald und von Minden bis Höxter ihr Siedlungsgebiet hatten. Der direkte Weg vom Süntel führte über Krückeberg (Idistaviso) durch die Furt der Weser über die schon zur Germanenzeit bestehende Siedlung Hemeringen-Wahrendahl in die lippischen Wälder nach Teotmali (Detmold) und weiter zum Osning mit seiner Grotenburg und den Extersteinen. Vielleicht saßen schon zu dieser Zeit Wahrendahler auf erhöhtem Posten, um unliebsame Eindringlinge, aber auch Händler und eigene Truppen ins mittlere Wesertal zu melden: ein Frühwarnsystem, das bis in die Franzosenzeit von Bedeutung war.

Fehlendes Puzzleteil

im Wald entdeckt

Der Name Wahrendahl ist aus Verben entstanden, wahren/bewahren/hüten/schützen, aber auch warten (siehe „Hohe Warte“ oberhalb Wahrendahls, weniger wohl von dem plattdeutschen Wort „wahr deck“, hüte dich/pass auf/Vorsicht!). Der Hemeringer Lehrer Wissbröker wollte in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts Wahrendahl als „Varustal“ übersetzt wissen. Möglicherweise haben sich einzelne römische Vorposten auf dem Richteweg vorgewagt, größere Truppenbewegungen waren jedoch bis 9 n. Chr. in Welsede bei Emmerthal und 16 n. Chr. in Welsede (Welsch) bei Hessisch Oldendorf. Sicher ist jedoch, dass die von Arminius dem Cherusker ausgehobenen Truppen aus dem mittleren Wesertal auf dem vorgenannten Weg in die Varusschlacht im Teutoburger Wald gezogen sind. Auch im Jahre 782 haben sich die Heere Karls des Großen in Höxter vereint und sind durch Lippe über Goldbeck-Wahrendahl an und durch die Furt bei Krückeberg gezogen. Das kommissarisch von drei Feldherren geleitete Heer überschritt die Weser, umging den Süntel und wurde im Dachtelfeld aufgerieben. Theoderich, ein Verwandter Karls, schlug seine Zelte diesseits im Semedes Winkel auf und floh unverrichteter Dinge nach dem Sieg der Sachsen unter Widukind zurück nach Ripuaraien an die Maas, natürlich über Wahrendahl. In solchen Situationen hatten sich die Talbewohner in die Berge zurückgezogen. Auch das Wort Berg kommt aus einem Verb, bergen/verbergen, plattdeutsch baren-Barch. Dies als Beispiel für die vielen durchgezogenen Soldateska in den Jahrhunderten.

Der Anlass, über Wahrendahl zu schreiben, war wohl das fehlende Puzzleteil, das mir auf meinen Erkundungen durch unseren Forst quasi vor die Füße fiel! In Block II Abt. 39 stand ich unverhofft auf einem freien, von der Sonne überfluteten Platz, der von lichtem Eichenwald umstanden ist. In solchen Situationen übermannt mich das Gefühl, Spuren besonderer Art menschlichen Wirkens gefunden zu haben. Wieder und wieder zog es mich zu dieser Waldlichtung. Eine ebene Fläche Richtung Rodenbeck mit lichtem Eichenbestand, gleich einem Hudewald, mit Blick über den Steilhang auf Wahrendahl mit dem Störteberg, dem Hasselberg und der Fierwand bieten eine beeindruckende Kulisse. Bis zu den Anhöhen der beiden waldfreien Täler, der Meierbreite einerseits und bei dem Forsthaus Wissmann, der sogenannten „Ortsgrund“ andererseits, ziehen Wege ihre Bahn, um dann im Wald aufgenommen zu werden. Parallel zum Steilhang führt ein Weg verdeckt ins Tal bis zur Bergmühle im Mühlental.

Eta war auf Posten

sanft entschlafen

Wenn dieser Platz noch „Etas Ruh“ ist, von dem die alten Wahrendahler erzählten, so hatte ich die „Warte“ und die Fluchtanlage entdeckt. Von hier aus sind die Wege aus den gegenüber liegenden Bergen gut einzusehen. Bei Gefahr konnten die Talbewohner mit ihrem Vieh rechtzeitig die Anhöhe erreichen und über den Richteweg die tieferliegenden Orte gewarnt werden.

Man stelle sich vor, Hemeringen hätte die Wahrendahler einmal geärgert, diese wären bei Gefahr in die Berge geflüchtet und hätten „vergessen“, eine Nachricht ins Tal zu senden? Nicht auszudenken! Daher also weht der Wind!

Mit Etas Ruh hat es folgende Bewandtnis: In der Erntezeit wurde jede Hand im Tal benötigt. So schickte man die Alten als Wachleute in den Berg, so auch Eta. Als sie abends jedoch nicht ins Tal zurückgekehrt war, fand man sie auf ihrem Posten, jedoch sanft entschlafen.



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