weather-image
17°
Das Seniorenheim Landgrafenstraße mit neuem Konzept für Alzheimer-Kranke

Wäsche falten und Tisch decken, auch wenn noch nicht Essenszeit ist

Rinteln. (cok). Normalerweise speist man im Seniorenheim Landgrafenstraße im "Blauen Salon". Beim letzten Angehörigenabend aber standen Tische und Stühle in allen Gängen des Hauses, so groß war der Andrang, nicht nur, weil bei solchen Anlässen auch Heimleiter und Kochkünstler Ralf Ober mit in der Küche steht, sondern auch, weil brennende Themen besprochen werden. Diesmal ging es um den richtigen Umgang mit schwer altersverwirrten Bewohnern.

veröffentlicht am 30.05.2007 um 00:00 Uhr

Eine entspannte, freundliche Atmosphäre ist wichtig. Foto: tol

Etwa 80 alte Menschen leben in dem vom "Reichsbund Freier Schwestern" getragenen Seniorenheim, viele von ihnen geistig wach und am Leben interessiert, andere schon etwas müde und dritte, die das sind, was man "umtriebig" nennt. Das bedeutet: Von einer inneren Unruhe befallen, die oft einer großen Orientierungslosigkeit entspringt, wandern sie rastlos durch das Haus auf der Suche nach etwas, das es nicht mehr gibt: Ihrem in Vergessenheit geratenem Leben. Dabei bringen sie den Alltag ihrer Mitbewohner manchmal ganz schön durcheinander, sei es, weil sie mitten in der Nacht im falschen Zimmer, gar dem falschen Bett landen, weil sie in Verzweiflungsanfällen laut rufen oder das Zusammensein in den Gruppenaktivitäten, an denen sie nicht mehr sinnvoll teilnehmen können, stören. Die Alzheimer-Krankheit und andere Alterskrankheiten, die zur "Demenz", zum Verlust der geistigen Fähigkeiten führen, sind verantwortlich für solches Verhalten. "Lange Jahre galt im Umgang mit dementen Menschen das Konzept der Integration als die beste Lösung", erklärt Ralf Ober. "Realitätstraining stand im Vordergrund, der Versuch, die Betroffenen im ?wirklichen' Leben zu halten und sie zusammen mit den anderen Bewohnern zu betreuen. Wir sind aber schon dabei, eine neue Art des Umgangs miteinander zu entwickeln." Für die Demenzkranken sei es oft quälend, wenn man versuche, ihnen immer neu klar zu machen, dass ihr Bild von der Realität nicht stimmt. "Wenn jemand zum Beispiel nicht begreift, dass seine Frau schon längst gestorben ist und er selbst ja gar nicht mehr zu Hause wohnt, dann ist es sinnvoller, einfach das Thema zu wechseln, von Dingen aus der Vergangenheit zu sprechen, die noch in Erinnerung sind", so Ober. "Man muss sich auf die Ebene der dementen Alten begeben, statt sie auf eine gesunde Ebene heben zu wollen." Zu diesem Ansatz gehört es auch, eine besondere Wohnumgebung für die betroffenen Menschen zu schaffen - dafür wird im Seniorenheim Landgrafenstraße gerade alles vorbereitet. So gibt es dort bereits einen Wohnbereich, dessen Flure einen "Rundlauf" ermöglichen. Keine Sackgasse bremst den Bewegungsdrang, und bald werden "Lichtschranken" dafür sorgen, dass die dementen Bewohner sich wie von selbst lieber im besonders hellen Bereich aufhalten und so nicht einfach durch eine Tür verschwinden, von wo sie widerstrebend zurückgeholt werden müssten. Zudem werden in dieser Wohnumgebung Wohnzimmer zu Themenräumen umgebaut. Die "guten Stube" wird im Stil der 50-er Jahre eingerichtet, im "Hauswirtschaftsraum" können jederzeit noch vertraute Arbeiten wie Wäsche legen, bügeln oder nähen ausgeführt werden, im "Snoozelraum" gibt es Musik, Wassersäulen, Space-Projektor und andere beruhigende Sinnesreize und im "Esszimmer" darf auch dann der Tisch gedeckt werden, wenn es noch gar nichts Essenszeit ist. Die Schaffung einer kleinen "heilen Welt" soll den Kranken helfen, sich über ihren Kompetenzverlust zu trösten, und gleichzeitig die anderen alten Menschen etwas davon entlasten, täglich mit einer Art des Alterns konfrontiert zu sein, die Angst macht vor der eigenen Zukunft.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare