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Krise der Kaufhäuser

Wachsam bleiben und Demokratie bewahren

Zu: „Wer erfindet das Warenhaus neu?“ vom 20. Juni
Mit seiner rethorisch gefassten Frage schafft Wenzel beim Leser jene Aufmerksamkeit, die sein Leitartikel der Sache nach verdient. Doch während Wirtschaftspublizisten längst die Operation am offenen Herzen fordern, wenn unsere Welt genesen soll, betreibt er Analyse und Vorschläge nach Vorgaben der Wirtschaftspresse und schlägt neue Strategien vor.

veröffentlicht am 13.07.2020 um 22:56 Uhr

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Nein, neue Strategien allein werden es nicht bringen. Dabei weiß auch Wenzel worum es wirklich geht, wenn er schreibt: „Ein Element ist sicher die Online-Kompetenz.“ Doch statt den Plattform-Kapitalismus mit seiner alle Lebensbezüge zerstörenden Dynamik zu geiseln, schiebt er alle Schuld „dem veränderten Kundenverhalten“ in die Schuhe. Und wieder ist es das letzte Glied in unserer Zivilgesellschaft. Ich empfehle der Dewezet-Redaktion frei nach Friedrich Schiller: „Sire, geben Sie Meinungsfreiheit“, damit Journalisten und Redakteure wieder ganzheitlich denken und schreiben können. Schließlich geht es auch um die Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit der Presse. Würde dieser Leitartikel zum Beispiel etwas über die Entleerung unserer Innenstädte berichten, denn mit der Schließung dieser großen Warenhäuser geht auch viel urbanes Leben verloren, dann bekämen unsere riesigen Geschäfts- und Immobilienleerstände in den Citylagen endlich die wahrhaftigen ursächlichen Begründungen geliefert.

Bleibt letztendlich der Blick auf die betroffenen Menschen, die offenbar ihre Arbeitsplätze verlieren werden. Als ehemals Betroffener, der schon 1967 im Ruhrgebiet mit Tausenden anderer seinen vermeintlich sicheren Arbeitsplatz verloren hat, rate ich, sich nicht von Ängsten überwältigen zu lassen. Es ist unsere Demokratie, die Mut macht. Es waren verantwortliche Politiker auf allen Ebenen, die Gegenentwürfe und Programme entwickelten.

Und so komme ich nach einem langen Leben zu einem persönlichen Schluss: Wo immer der moderne, entgrenzte Kapitalismus in den vergangenen 70 Jahren Regionen, Branchen, Berufsgruppen, Krisen, Ängste und Arbeitslosigkeit verursachte, hat die Demokratie heilsam auf das Gemeinwohl eingewirkt und mögliche soziale Konflikte entschärft. Wenn diese Erfahrung Trost spenden kann, dann möchte ich allen heute Betroffenen und potenziellen Digitalisierungsverlierern Mut machen. Bleiben wir wachsam und bewahren wir unsere Demokratie.



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