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Vom Textilhandwerk zur Textilindustrie / Hamelns Textilfabrikation im Wandel der Technik

Vor dem Weben steht immer das Spinnen

Nachdem man in Hameln gelernt hatte, nicht nur reine Wolle, sondern auch Baumwolle zu verarbeiten, benötigte man bald immer größere Mengen an Garn. Im Calenberger Land gab man damals die Mengen in „Stück“ an. Ein „Stück“ (eine gefüllte Spindel) entspricht ungefähr 2300 Meter Garn. So wurden bis zu 7000 „Stück“, also immerhin ca. 16000 km im Jahr zu Textilprodukten verarbeitet. Da man die Baumwolle als Rohprodukt einführte, mussten folglich heimische Arbeitskräfte das Spinnen zu Garn übernehmen.

veröffentlicht am 20.11.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 11.05.2010 um 15:22 Uhr

So ähnlich mag es vielleicht in der Hamelner Walkmühle hergegang

Autor:

Christian Meyer-Hermann

Nachdem man in Hameln gelernt hatte, nicht nur reine Wolle, sondern auch Baumwolle zu verarbeiten, benötigte man bald immer größere Mengen an Garn. Im Calenberger Land gab man damals die Mengen in „Stück“ an. Ein „Stück“ (eine gefüllte Spindel) entspricht ungefähr 2300 Meter Garn. So wurden bis zu 7000 „Stück“, also immerhin ca. 16000 km im Jahr zu Textilprodukten verarbeitet. Da man die Baumwolle als Rohprodukt einführte, mussten folglich heimische Arbeitskräfte das Spinnen zu Garn übernehmen. Darüber hinaus waren jährlich noch etwa 14000 KM reine Wolle zu Garn zu verspinnen. Für die in Hameln ansässigen Heimarbeiter alleine war diese Menge nicht zu schaffen! So warb man in Springe, Coppenbrügge, Lauenstein, Hemmendorf, Osterwald und nicht zuletzt auch in Polle, um Tüchtige, meist Frauen, die mit Geschick überwiegend im Winter Spindel um Spindel füllten. Männern traute man ursprünglich diese Tätigkeit nicht zu, man meinte ihnen fehle das notwendige Fingerspitzengefühl.

Doch auch der „Weserlandmann“ erwies sich im Laufe der Zeit als recht geschickt und spann ebenso fein wie das zarte Geschlecht. Ein Beobachter, den man heute als Soziologen bezeichnen würde, äußerte, dass Männer, die mit so viel Zartgefühl spinnen können, sich künftig zu zugänglichen, empfindsamen Menschen wandeln würden. Die praktische Erfahrung allerdings widersprach dieser Annahme, zumindest was die Hamelner Baumwollspinner anbelangt.

Wie heute ohnehin üblich, überprüfte man auch seinerzeit schon die Leistungsfähigkeit der Heimarbeiter. Am besten schnitten die Leute aus dem Lauensteiner Amt ab. Sie brachten es zu einer enormen Fertigkeit, so dass sie täglich bis zu 4 Mariengroschen (welfische Münze bis 1871 im Umlauf) verdienen konnten. Für 4 Mariengroschen bekam man damals in etwa 30 Eier oder 1 Pfund Butter oder zwei Pfund Rindfleisch oder sogar 10 bis 12 Pfund Brot.

Webstuhl um 1835 im Deutschen Damast- und Frottiermuseum in säch
  • Webstuhl um 1835 im Deutschen Damast- und Frottiermuseum in sächsischen Großschönau.
Tuchbereiterei in der Oberleutensdorfer (Böhmen) Textilmanufaktu
  • Tuchbereiterei in der Oberleutensdorfer (Böhmen) Textilmanufaktur, 1727. Kupferstich nach W. L. Reiner.

Als dann auch noch Leistungsprämien eingeführt wurden, erwiesen sich die Wollspinner aus Hameln, Münder, Lauenau und Groß Berkel als wahre Meister ihres Fachs. Aus einem Pfund Baumwolle spannen sie 150 bis 160 Stück (Spindeln) und übertrafen die bis dahin als Vorbild gelobten Kollegen aus dem Vogtland um ca. 7%. So kamen die Hamelner auf einen Tagesverdienst von 6 Mariengroschen. Ganze Familien ernährten sich so – und nicht einmal schlecht, nur noch von der Baumwollspinnerei, wenn alle Familienmitglieder mitmachten. Weil so viele Kräfte benötigt wurden, kam man sogar auf die Idee, Waisenkinder für die Arbeit einzusetzen. Doch dank der Intervention der Kirche ließ man den Gedanken wieder fallen. Allerdings, nach der Konfirmation wurden dann doch viele junge Menschen zu dieser Arbeit herangezogen.

1200 bis 1500 Menschen in und um Hameln fanden damals Arbeit in der Textilfabrikation. Wenn auch, würde man heute klar feststellen müssen unter Bedingungen, die man nur als unerträglich bezeichnen kann. Aber immerhin waren so viele Menschen regelmäßig produktiv tätig und konnten auskömmlich leben. Anderenfalls wären sie eher bettelarm gewesen. Während nämlich in Deutschland noch das Spinnen und Weben von Hand erfolgte, war in England von dem Barbier Richard Arkwright (1732-1792) um 1769 bereits eine Spinnmaschine erfunden worden, die alsbald erfolgreich vielerorts eingesetzt wurde. Ihr Antrieb erfolgte noch mit Wasserrädern. Wenig später ließ sich der Referent Edmont Cartwright ( 1743-1823) ebenfalls in England den mechanischen Webstuhl, betrieben mit Dampfkraft, patentieren (1786). Hunderte von Arbeitsplätzen waren in Gefahr. Einerseits durch die Arbeitsrationalisierung, andererseits an den Produktionsstätten, die noch wie in Hameln an den herkömmlichen Arbeitsmethoden festhielten. Denn die Waren aus den neuen Fabriken konnten kostengünstiger produziert werden. Noch 1844 zeugt der Weberaufstand in Schlesien von dem Dilemma der Textilarbeiter, die sich vehement gegen die Einführung des mechanischen Webstuhls wehrten.

In Hameln liefen die Geschäfte um 1786 noch gut. Man lieferte in großen Stückzahlen als Großhändler vorwiegend nach Hamburg und nach Holland. In Hameln selbst verkaufte man nicht, um den Einzelhandel nicht zu schädigen. Ein Großauftrag der Regierung für die Futterstoffe aller Uniformen der kurhannoverschen Kavallerie im Jahre 1786 sicherte für einige Zeit die Beschäftigung. Doch der Absatz ging zurück, man überließ immer häufiger die Wasserkraftnutzung dem Lederfabrikanten Gervais für seine Lohmühle, und immer weniger Arbeitskräfte konnten zur Textilproduktion herangezogen werden.

Schon bald brachen für Hameln wieder schwere Zeiten an, verursacht durch die Napoleonischen Kriege. Um 1808 fand die Hamelner Textilfabrikation ein vorläufiges Ende. Die um 1775 installierten Arbeitsmaschinen in der Walkmühle entsprachen nicht mehr dem Stand der Technik, waren außerdem wurmstichig. Das Wasserrad, die Antriebswelle und Gerinne waren verloren. Erst 1831 setzte Georg Wessel (1791-1873) mit seinem Sohn August die Tradition der Textilproduktion wieder fort. Seine Anlagen nannte er „Marienthal“. Auch er nutzte noch die Walkmühle als Hilfsbetrieb für das Herstellen von Wollstoffen. 1834 beschäftigte er an die 60 Mitarbeiter. Schnell reichte sein guter Ruf über die Grenzen des Königreichs Hannover hinaus. Insbesondere wegen seiner Teppiche, die ein doppeltes, bzw. dreifaches Gewebe aufwiesen. Ein Produkt, das man bis dahin nur aus England beziehen konnte. 1875 wurden 80 Mitarbeiter beschäftigt, also kaum mehr als 30 Jahre zuvor, denn die neuen durch zwei Turbinen angetriebenen Webstühle hatten mehr als die zehnfache Leistung der herkömmlichen. Außerdem konnte ein Mann mehrere Webstühle gleichzeitig bedienen. Das „Industriezeitalter“ etablierte sich auch in Hameln.

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