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Um den Martinstag und das Martinssingen ranken sich vielerlei Legenden und Rituale

Von Himmelssturm bis Halloween

Der November ist seit alters her der Monat der Rückbesinnung, Trauer und inneren Einkehr. Zu keiner anderen Jahreszeit gab und gibt es so viele Gedenktage. Den Auftakt machen die Katholiken mit Allerheiligen und Allerseelen (1. und 2. November). Am 17. stimmen sich die evangelischen Gläubigen mit ihrem Buß- und Bettag auf den Totensonntag (21. November) ein. Zwischendurch wird am 9. November an Judenpogrome erinnert. Und seit den 1920er Jahren wird am 14. November – ebenfalls konfessionsübergreifend – der Volkstrauertag begangen.

veröffentlicht am 12.11.2010 um 17:20 Uhr

Der Heilige Martin (316–397) und vor allem seine barmherzi

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Kein Wunder, dass es der eher fröhlich zelebrierte „Martinstag“ zwischen all den schwergewichtig-schwermütigen Anlässen nicht leicht hat – zumal das Wissen um dessen Bedeutung, Geschichte und Brauchtum immer mehr in Vergessenheit gerät. „Keine Ahnung – hat vielleicht etwas mit Martin Luther zu tun“, ist nicht selten von jungen Leuten zu hören. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn der Namensgeber ist nicht Martin Luther, sondern der „heilige Martin“ – ein im 4. Jahrhundert nach Christus lebender römischer Legionär, der nach einem wundersamen Erlebnis den Waffendienst quittierte, fortan als Mönch und Einsiedler lebte, das erste Kloster auf französischem Boden gründete und später Bischof wurde. Der schon bald nach seinem Tode im Jahre 397 heiliggesprochene Ex-Soldat ist heute einer der bekanntesten und beliebtesten Kirchenoberen. Ihm zu Ehren wird von Christen aller Länder am 11. November, dem Beisetzungstag des frommen Mannes, „Martini“ gefeiert.

Das Fest ging und geht – nicht nur in der hiesigen Region – von Ort zu Ort unterschiedlich über die Bühne. Am weitesten verbreitet ist nach wie vor das „Martinssingen“. Diese Woche war es wieder so weit: Kinder und Jugendliche zogen von Haus zu Haus und baten um milde Gaben. Die früher selbstverständliche Gesangsbegleitung war – wenn überhaupt – oft nur im Ansatz und/oder bruchstückhaft zu hören. Auch der einst in Schaumburg gebräuchliche „Originaltext“ ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Früher gab es zur Belohnung Äpfel, Birnen und Nüsse. Heute ist eher Bares gefragt. Mancherorts sind zehn Tage zuvor auch schon Halloween-Trupps unterwegs gewesen. Nicht wenige Wohnungsinhaber stellen deshalb genervt die Klingel ab.

Der Brauch des Martinssingens geht auf das in manchen Gegenden bis heute gepflegte „Kurrendesingen“ zurück. Als „Kurrende“ (vom lat. „currere“ = laufen) wurden die im Mittelalter in großer Zahl singend umherziehenden Kindergruppen bezeichnet. Sie hatten sich in ihrer Not zusammengetan, um auf Straßen und an den Haustüren milde Gaben zu erbitten. Das Einüben der zumeist geistlichen Lieder übernahm ein älterer Schüler („Präfekt“). Auch Martin Luther hat während seiner Schulzeit seinen Lebensunterhalt zuweilen durch Kurrendesingen bestritten.

Der germanische Gottvater Wotan bzw. Odin soll der heidnischer V
  • Der germanische Gottvater Wotan bzw. Odin soll der heidnischer Vorläufer des heiligen St. Martin gewesen sein.
Oft wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Martin Luther und
  • Oft wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Martin Luther und dem Martinssingen, dabei gab es den Brauch längst vor Lebzeiten des Reformators.
Mancherorts wird das Martinssingen inzwischen vom ursprünglich i
  • Mancherorts wird das Martinssingen inzwischen vom ursprünglich in Irland beheimateten und seit langem auch in den USA beliebten Halloween-Brauchtum in den Hintergrund gedrängt – hier eine typische amerikanische Halloween-Grußkarte.

Auch und vor allem deshalb wird das Martinssingen in der hiesigen Region und in anderen protestantischen Gebieten oft am Tage vor Martini, also am 10. November, begangen. Das ist der Geburtstag Martin Luthers, der bekanntlich am 10. November 1483 in Eisleben das Licht der Welt erblickte. In anderen Regionen, so zum Beispiel in weiten Teilen des benachbarten Minden-Ravensberger Landes, ist die Sammelaktion weitgehend unbekannt. Hier machen sich die singenden jungen Gruppen, wenn überhaupt, am Nikolaustag (6. Dezember) auf den Weg.

Neben den bekannten christlichen Motiven ist ins Martinsfestgeschehen auch eine Menge „Heidnisches“ eingeflossen. Der Tag markierte seit alters her das Ende des Erntejahres und den Start in die dunkle Winterzeit. Nicht umsonst zielt ein Teil der wichtigsten bäuerlichen Wetterregeln auf Martini ab. Im Schaumburger Land ging am „Martensdach“ die am 10. Mai eingeläutete Hütesaison der Kuh- und Schweinehirten zu Ende. Vielerorts waren Mummenschanz und buntes Treiben angesagt. Zur vorchristlichen Symbolik gehören auch „Martinsfeuer“ (zur Vertreibung der bösen Geister) und „Martinsschmaus“, bei dem „Martinsgans“ und „Martinstrunk“ verzehrt wurden.

Bis Mitte des vorigen Jahrhunderts war in den alteingesessenen heimischen Familien auch noch die Entstehungsgeschichte des Martini-Festes lebendig. Danach war der Heilige Martin der Nachfolger des nordischen Gottvaters „Wotan“ – in manchen Überlieferungen auch „Wodan“ oder „Odin“ genannt. Historischer Hintergrund: Bei der Zwangschristianisierung der hierzulande lebenden Sachsen versuchten die fränkischen Eroberer, das Heidentum durch „Überstülpen“ von neuer Symbolik zu ersticken. Auf den Kultstätten wurden Kirchen errichtet, die Gottheiten oft durch „artverwandte“ Heiligenvorbilder ersetzt. Beim Übergang von Wotan zu St. Martin half nicht zuletzt das ähnliche Aussehen und Auftreten der beiden. Sowohl der vormalige Söldner (bei seiner Wundertat) als auch Wodan (bei seinen furiosen herbstlichen Himmelsritten) waren der Überlieferung zufolge als „Schimmelreiter“ und in weit wehenden Mänteln unterwegs.

Diese äußerlichen Ähnlichkeiten haben nach Ansicht von Volkskundlern schließlich zu einer Art „rituellen Anpassung“ geführt: Aus dem traditionellen herbstlichen Erntedankopfer der Germanen für Wotan wurde das „Heischen“ (Bitten, Fordern) zum Gedenken des Hl. Martin und schließlich das Martinssingen.

Darüber hinaus soll die Verflechtung des Wodans- und Martinskults zu einem weiteren, in der hiesigen Region mancherorts bis in die jüngste Vergangenheit hinein gepflegten Brauch geführt haben – dem „Kranzreiten“. Einer alten Überlieferung zufolge musste der Sieger seinen unterlegenen Widersachern nach dem Wettbewerb „Martinshörner“, ein Weizenmehl-Gebäck, spendieren.

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